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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-06 · Heft 40 (6.10.1893) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 40 (6.10.1893)
Date
1893-10-06
Page
Seite 478 (sequence 12)
Language
German
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478 . Wi 1 UTü i H': v\ in diesem Sieben zu machen, und begab sich in Folge desfen auf den Weg nach Barcelona. Er malte sich im Voraus das Aussehen seines Freundes im Paradiese aus: ein mageres, blasses Gesicht, tiefliegende Augen, langer Bart, krummer Rücken, zitternde Beine, ein Mann, der Tag und Nacht das Gesetz studirt, gefastet und gebetet habe; denn nur ein solcher oerdiente den Beiuamm Zadik lder Weise). Wie groß war daher Raschis Verwunderung, als er nach Barcelona kam und keinen Abraham Zadik fand. Mehrere halten diesen Zunamen bekommen, aber sie hießen nicht Abraham den Gerson. Endlich fragte er, ob denn nicht in der Stadt ein Mann wohne, der Abraham den Gerson heiße? „Wie/' rief mau, „meint Ihr den Abraham, den Reichen? Wie kommt ein Mann wie Ihr dazu, nach einem solchen Heiden zu fragen, der Alles thut, was Gott verboten hat? Das ganze Jahr kommt er in keine Synagoge, und dazu speist er Unreines! Wollt Ihr ihn besuchen, Rabbi Raschi?" „Das ist ein schöner Kamerad, den ich haben soll," dachte der Rabbi bei sich, aber begab sich dennoch auf den Weg zu Don Abraham. „Wollt Ihr wirklich zu ihm gehen, Rabbi?" fragte der Mann. „Ich werde es versuchen, ihn auf den rechten Weg zu führen/' antwortete der Rabbi. „Das nützt nichts, au ihm ist jede Mühe verschwendet," rief ihin der Andere lind). Als der Rabbi vor der Wohnung Abrahams stand, erstaunte er sehr, denn dieselbe bestand in einem nach allen Regeln der Baukunst erbauten Palast. „Ist das eine Wohnung für einen Sohn unseres Volkes?" fragte der Rabbi und schüttelte den Kopf. Aber sein Erstaunen und Unwille wuchs, je weiter er kam. Diener in goldgestickter Livree liefen hin und her, vornehme Herren und Damen gingen und kamen, prächtige Karossen rollten in die Pforte hinein, Alles war in Bewegung und zeugte von einem lustigen Leben. Es fehlte wenig daran und der Rabbi wäre unverrichteter Sache wieder umgekehrt. In der Hoffnung, abgewiesen zu werden rmd vor dem Herrn Zebaoth eine Entschuldigung zu haben, redete er einen Diener au, allein derselbe führte ihn mit der größten Höflichkeit über eine breite marmorne Treppe in ein reich ausgestattetes Gemach, wo er ihn zu warten bat, während er ihn bei Abraham meldete. Indessen sprach der Rabbi vor sich: „Es geht doch sonderbar zu in dieser Welt. Hier lebt ein schlechter Jude, ein Verächter des Gesetzes, in königlichem Glanze; an anderen Orten sah ich frounne, gottesfürchtige Männer mit der bittersten Roth kämpfen, in Elend und Unterdrückung schmachten. Wozu brauchen diese reichen Menschen ein Paradies, da sie es bereits hier auf Erden genießen? Wenn auch diese in den Himmel kommen können, wozu nützt denn die Entsagung der Frommen?" Es wurde die Thür geöffnet und ein hoher schöner Mann trat denn Rabbi entgegen. „Ich fühle mich hoch geehrt durch den Besuch des berühmten Rabbi Salomo b. Jsak," sagte er, „erweiset mir die Freude, (Sud) längere Zeit als meinen Gast behalten zu dürfen." Ter Rabbi wurde ob dieses Empfanges so verwirrt, daß er anfangs keine Worte zu finden vermochte. Ter freundliche Wirth bemerkte seine Verlegenheit und sagte: „Ihr wundert Euch gewiß über diese Pracht in einem jüdischen Hause?" „Nein," brach der Rabbi ans, „nicht über den Reichthum wundere ich mich, ebenso wenig über die Pracht, sondern darüber, daß Ihr dem Geber so ganz und gar nicht dankt, daß Ihr „Ah, jetzt weiß ich. worauf Ihr abzielt, lieber Rabbi," unterbrach ihn der Mann mit lächelnder Miene; „aber spart Euer Bemühen. Ich habe nun einmal meine Lebensweise gewählt, und bitte ich Euch, einige Zeit hier zu bleiben, um dieselbe recht aufmerksam zu beobachten. Morgen ist die Hochzeit meiner Tochter, seid beim Feste gegenwärtig." „Die Hochzeit Eurer Tochter? Ist das ein reicher Schwiegersohn?"! „Nein, das ist ein armer, aber strebsamer junger Mann, den j ich wie einen Sohn liebe."! Der Rabbi fühlte sich zwar etwas besänftigt, fuhr aber in einem strengen Tone fort:' „Nein, ich will nichts von Euch wissen, bevor Ihr Buße und; Besserung gelobt habt und an Eure Seligkeit denkt." j „Ich hoffe indeß ebenso gut selig zu werden wie Ihr," 1 antwortete der Wirth in mildem Tone. „Mit welch' unverschämtem Vertrauen der Mensch zu hoffen! wagt," dachte der Rabbi.! Das Gespräch wurde durch das Eintreten eines Dieners unter-! brachen, welcher meldete, daß eine arme Frau mit Don Abraham zu! sprechen wünsche. „Ich komme sogleich," sagte der Hausherr. „Eine arme Frau," rief der Rabbi, „morgen hat Eure Tochter Hochzeit, und noch habt Ihr der Armen nicht gedacht, sondern laßt sie zu Euch kommet! und bitten!" „Mein lieber Rabbi, damit Ihr nicht Böses von mir denken sollt und mir Unrecht thut, fragt selbst die Frau." Sie gingen darauf zusammen in den Saal, wo die arme Frau wartete; sie antwortete auf die Frage des Rabbi: „Gaben au die Armen sind genug ausgetheilt, aber ich komme nicht einer Gabe wegen." Es freute den Rabbi, daß sein zukünftiger Gesellschaftsbruder doch einige Tugenden hatte, und er beruhigte sich für den Augenblick. „Tretet näher, liebe Frau," sagte Don Abraham, womit kann ich Euch dienen?" „Mit einem Rathe." „Sprecht und seid überzeugt, daß ich Euch gern nützlich sein will," antwortete Don Abraham. „Ich bin eine arme Wittwe," sagte die Frau, „und ernähre mich und meine vier Kinder kümmerlich. Meine einzige Hoffnung war der Verlobte meiner Tochter; allein er hat jetzt eine reiche Braut gewühlt und läßt meine Tochter sitzen." „Weib," rief Abraham, „weshalb kommst Du geradezu mir, um iih'iiten Rath zu hören, habe ich denn Macht über den jungen Mann?" „Ja, Du hast sie, Herr, denn er ist Dein Schwiegersohn." Don Abraham erblaßte. Erst nach einer bangen Pause sagte er zu der Frau: „Die Sache soll untersucht werden, und ist sie so, wie Dll gesagt, so soll Dir Genngthnung werden. Gehe jetzt getrosten Muthes heim." „Das ist eine unangenehme Geschichte," sagte der Rabbi. „Ihr werdet Euch mit dem Mädchen imb der Mutter absinden müssen." Don Abraham antwortete trocken: „Wollt Ihr morgen bei der Trauung meiner Tochter gegemvärtig sein, dann werdet Ihr das Ende dieser schwierigen Sache erfahren." Raschi vermochte nicht, während der ganzen Nacht die Augen zu schließen, so begierig war er auf ans den Ausfall, und am nächsten Tage, sobald der Anstand es nur erlaubte, eilte er nach dem Palaste. Hier war Alles in voller Wirksamkeit und Bewegung. Eine Menge Gäste aus allen Ständen strömte herbei, und der Rabbi hatte Mühe, sich bis zu Don Abraham, der von den Vornehmsten der i Stadt umgeben war, heranzudrängen, der ihm höflich entgegen kam.

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