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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-06 · Heft 40 (6.10.1893) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 40 (6.10.1893)
Date
1893-10-06
Page
Seite 476 (sequence 10)
Language
German
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476 und erst, wenn sie die drei Schläge ans der Thür vernehmen, dann verschwinden sie Plötzlich. „Gott soll behüten — sagte sie — daß der „Schamcs" (Gemeindediener) einmal an die drei Schläge vergessen möcht, die Tobten möchten nicht verschwinden, und es könnt' ihn vor Schrecken der Schlag treffen." Ferner erzählte sie ihm, wie ans dem „guten Ort" um zwölf Uhr Nachts die „Meßim" alle aus ihren Gräbern einporsteigen und eine ganze Stunde in ihren weißen Sterbekleidern herumgehen, bis sie Schlag Eins wieder in ihre Gräber zurückkehren, die sich hinter ihnen schließen. — Sie erzählte dem Knaben, wie die „Machschefeh" (Zauberin) sich des Nachts in eine große schwarze Katze verwandelt, wie diese Katze in die Ställe schleicht und den Kühen das Blut aussaugt, so daß diese keine Milch geben können, wie sie ferner in die Wohnungen der Menschen schleicht, sich den Schlafenden aus die Brust legt, so daß er nicht athmen kann, und wie sie die neugeborenen Kinder wegstiehlt und andere dafür bringt, und erhitzte durch solche Erzählungen derart die leicht erregbare Phantasie des Kindes, daß es fortan in jeder Katze eine Zauberin sah und sich nicht in ihre Nähe.wagte. (Forts, folgt.) U Mir mein Urgroßvater meine Urgroßmutter bekam. Nach den Berichten seiner Mutter erzählt von Gustav Eichengrün. (Fortsetzung.) „Jetzt wird es wohl Zeit sein, daß ich dem Manne das Essen bringe," sprach das jüngste Töchterchcn Jsak Heinemanns zu ihren Eltern. — Rebekka, so war ihr Name, war achtzehn Jahre alt, ein liebes, rundes, freundliches Gesicht, aus dem schwarze, glanzvolle Augen mllthig in die Welt schauten. Ihr langes, schwarzgelocktes Haar hatte sie geflochten und um den Hinterkopf geschlungen. Sie mochte noch so vorsichtig die Löckchen mit in die Flechte nehmen, bald schon hatten sich die Widerspenstigen von ihren Banden befreit und hingen romantisch wild über die schöne gewölbte Stirn. Nun schritt das Mädchen, mehrere Speiscgesäße tragend, übet die Straße dem Gefängnisse zu. Sie zog die Schelle. Ein Diener öffnete. „Was wünscht Sie, Jungfer?" fragte er. „Ich möchte diese Speisen dem Markus Cohn bringen, der im Untersuch»ngsgefüngniß sitzt." Ter Mann sah sie groß an. „Wir haben die Erlaubniß vom Herrn Richter Ebel dazu." „Weis; schon, weiß schon," anüvortcte der Gerichtsdiener, „aber sag Sic mal, Jungfer, Sie ist wohl eine Verwandte von dem da?" „Wie kommt Er zu der Frage?" „Na, man bringt doch einem wildfremden Menschen, der die Kirch' bestohlen hat, kein Essen." Rebekka ließ diese Frage unbeantwortet. Sie gingen noch einige Schritte über den Hof und gelangten dann ins Hauptgebäude. „Hier, Jungfer," sagte der Alte, „der Mann da wird Ihr schon de» Cohn zeigen, wo er sitzt. — Du, Heinrich," sagte er dann zu einem uniformirten Gefänguißaufseher, „führ' die Jungfer mal zu dem Cohn, sie will ihm was zu essen bringen." Der Angeredete geleitete sie durch einen langen Korridor, an der vorletzten Thür machte er Halt, nahm einen Schlüssel von dem an seinem Gurt befestigten Bunde, schloß die schwere eiserne Thür auf und sagte: „Dies ist er!" ■ „Ihr heißet Cohn?" fragte Rebekka. „Markus Cohn," war die Antwort. „Ihr wißt wohl schon, daß Euch täglich, so lange es gestattet wird, koschere Speisen zugeschickt werden." „Das, ja, das weiß ich! Sagt Eurem Vater für seine Güte vielen Dank, der Herr da droben mög's ihm lohnen, doch-" „Nun, doch —?" „Doch ich wundere mich über den Boten, den Euer Vater zu mir hierher schickt." „Das wundert Euch? Ja, seht, der Vater wollt's auch nicht, doch da Hab ich gesagt: Vater, Du hast ihm die Erlaubniß zu dieser Freiheit verschafft, Du giebst das Essen her, so laß mich doch auch Antheil an dem Verdienst haben, laß mich das Essen bringen. Vor Allem aber möcht ich gern dem Manne ein Trosteswörtchen sagen. Da hat der Vater mich geküßt und hat's erlaubt. ... Ich erzähl' Euch das, dainit Ihr nicht unrecht von mir denkt." Der Aufseher ging vor der Zelle auf und ab. Rebekka hatte Markus während der Zeit das Tischlein gedeckt. Er führte einige Bissen zum Mrmde. „Schmeckt's Euch, Markus?" fragte Rebekka. „Beffer, als es hier mir schmecken sollte," antwortete er. Sic schaute ihn einige Augenblicke gedankenvoll an. Markus hatte sein Mahl beendet. „Kommt Ihr morgen wieder?" fragte er halblaut. „Nein, doch warum?" „Ich habe mir die Erlaubniß ausgewirkt, jüdische Bücher lesen zu dürfen, Euer Vater hat vielleicht die Güte und schickt mir Bibel und andere religiöse Schriften." „So seid Ihr wohl im Hebräischen bewandert, Markus?" „Ein wenig." „Der Wunsch wird den Vater freuen, da brauch ich Euren Dank ihm nicht zu bringen, das ist ihm Dank genug." Langsam legte Rebekka das Geschirr in den Korb, langsam faltete sie das kleine, weiße Tischtuch, reichte Markus die Hand und sagte mit weicher Stimme: „Grämt Euch nicht! Sei Gott mit Euch!" Sie machte sich auf den Heimweg, aber nicht über die Straße durch die Stadt, sondern beim Gerichtsgebäude bog sie ab und ging über den breiten, mit Bäumen bepflanzten, buschbetvachsenen „Walt". Wie war's ihr? In der Brust schnürte sich's zusammen, und Thränen quollen ans den dunklen Augen. EineDrossel sang voin Baume herunter. Wie lieblich war der Pfiff des Vögleins, so schön hatte ihr's nie geklungen und sie freute sich darüber. Sie schaute zur Erde. Ehrenpreis mit seinem dunkelblauen Auge, in dem ein Tröpfchen Morgenthau als Thrüne schiinmerte, blickte sie an. „Was ist dir, du liebes Himmelsblümchen? Bist kaum der Erde entsprossen, hast kaum die Welt gesehen, kaum den Bach da drunten rauschen, das Vöglein da droben singen hören — und du weinst? — Oder sind's Freudenthränen? Ja, ja, es sind Frendenthrünen! Du blickst so selig zum Himmel hinauf, und der Abglanz des ewigen Gezeltes da droben spiegelt sich in deinem blatten Auge wieder. So ist ein Stück Himmel auf die Erde gekommen. . . ." 9 Der alte Jsak brachte noch am selben Tage Markus eine Bibel und mehrere andere hebräische Schriften. Nur eine kurze Unterredung und Chajim gewahrte, daß dieser Untersuchnngsgefangene ein großer Gelehrter sei. Am folgenden Morgen schrieb Markus eineu Brief an seine Eltern. Er schilderte die Antheilnahme der Paderborner Juden, namentlich die des reichen Jsak Heinemami. Schon aus dem Umstande, bemerkte er, daß ihm gewissermaßen der Verkehr mit der Außenwelt gestattet sei, könnten sie schließen, daß es nicht schlimm mit seiner Sache stünde. Er hoffe, in kurzer Zeit wieder bei beit geliebten Eltern zu sein.

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