Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- Seite 475 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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475 Gesetze des Zeit. Er Strafe für!4 nur für c Ausgang hrscheinlich. ein Mann s Gesetz zu z all dieser cdigkeit der mnkcn vernicht von >ß Papias, ie Eusebios t, die Er- >t. Damit »laß vieler > Raphael »esichte lag und wer u erfahren, zu machen, an Mann, peims an-;en seinen den Vörden sollte, s Herzens der Ge- Verpflichr Zukunft esens, das ausmalte, in seinem feit seines! Tag des 'ich in der es, welche lrtete», in n des ger Raphael Scheines" m Gebete r absallen, en Namen >ier, eines dienenden „Morgen nm diese Zeit zu Gesund wird sie schon da sein!" sagte die Mutter. „Wenn es Gvtt's Wille ist," fügte der Sohn hinzu. „Was meinst Du. wer mit ihr kommen wird?" fragte der Vater, „meinst Du Röchele, oder Koppel, oder vielleicht gar die Schwiegermuttev?" „Laß kommen wer will," gab die Mutter darauf zur Antwort, „wer initkommen wird, soll unser lieber Gast sein. Es läßt sich gar nicht sagen, Fohl-Lebe»,') wie ich mich schon freuen thu' auf Dein' Golde. So ein „Chehn" (Grazie) und so ein „Tham" (Anmuth) ist nicht zu finden in ganz „Marreland" (Mährenland), und die gute Seele." Das Herz schwoll dem Jüngling voll Freude bei diesen Gesprächen, welche ihm sein nahes Glück verkündete», und das Lob, welches die gute Mutter seiner Braut verschwenderisch gespendet, floß mild erquickend in sein liebebedürftiges Gemüth. Eine Reihe voir geflochtenen Bündeln lag bereits schön geordnet auf dem Tische. Eben war er wieder mit einer „Scheine" fertig geworden, als eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren in die Laubhütte eintrat und an Raphael die Frage richtete, ob er an sie nicht vergessen habe. „Warum sollt ich an Euch vergessen," gab Raphael zur Antwort, „habt Ihr das um mich verdient? Hier liegt die „Scheine" für Euch schon in Bereitschaft. Sucht Euch die heraus, die Euch am schönsten gefallt." Mit einem Blick voll Liebe auf den jrmgen Mann, in dessen Gesicht sich das Gefühl der Dankbarkeit, von welcher sein Herz erfüllt war, deutlich ausprägte, nahm die Frau eines der Bündel in die Hand, besah es prüfend und wägend mit Kennerangen und sagte: „Die wird sich grit abschlagcn lassen." Es war die Amme Raphael's die ihn als Kind mit der Milch ihrer Brüste genährt und groß gezogen. Ach! daß diese gute Frau das Gemüth des Kindes arich noch mit einer anderen ruwerdanlichen Nahrung vollgestopft! Es ist und bleibt ein Unglück und unser Raphael wird die Folgen jener unglückseligen Herzensnahrung ein ganzes Jahr lang schwer genug zu tragen haben. Freilich hatte die gute Amme die besten Absichten von der Welt. Sein Leiden war dadurch aber nicht geringer. Sie kam ins Haus, noch ehe das Kind geboren wurde. Die Mutter war zu schwach und der Arzt hatte ihr untersagt, es selbst zu säugen. Die Unmöglichkeit, der erste» wichtigen Mutterpflicht Genüge zu thun, schmerzte die junge Frau, und sie fand einige Beruhigung darin, dein Kinde in diesem Punkte den bestmöglichsten Ersatz zu bieten. Das Kind wuchs schön und kräftig heran unv war an die Amme so gewöhnt, daß man es, selbst nachdem es von der Brust entwöhnt worden war, von derselben doch nicht trennen mochte. So behielt man sie im Hause, und sie war es, die auf die erste Erziehung des Knaben den allergrößten Einfluß hatte. Sie war gutmüthig und liebevoll, und das war gut, sie war aber auch sehr unwissend und voll von eingesogeuen Ammenmärchen, und das war schlimm. Sie wußte das Kind durch allerlei Erzählungen an sich zu fesseln. In diesen spielten aber der „Bubak" und der „Poipelcbok" (Popanz) sehr hervorragende Rollen. Immer war es das eine oder andere jener eingebildeten Wesen, welches über den Helden der Erzählung zahlloses Unheil brachte, und so gab sie neben der wirtlich nährenden Milch dem Kinde auch die Milch jener frommen Denckungsart zu trinken, welche im Geiste eine höchst gefährliche und schädliche Ge- ') Fohl Abkürzung für Raphael. daukenmischung hervorbcingt; denn sie erzeugt eine gegenstaudlose Furcht, eine Beängstigung deS Gemüthes vor wesenlosen Schemen. Als das einzige Kind reicher Eltern wurde der kleine Raphael von der zärtlichen Mutter ein wenig gehätschelt. Die gute Channa — so tzieß die Amme — sah dies als einen Fehler an. Sie hatte Recht, gewiß! konnte inan doch nicht wissen, was dem Kinde, das da so sorglos und sicher im Schutze des elterlichen Hauses spielend die goldene Kinderzeit verlebte, für Tage der Prüfung in der Zukunft bevorstehen, und nicht immer ist ja Geld und Reichthum vermögend, das Unheil abzuwenden, wenn dasselbe erst Wurzel gefaßt. Gewiß, die Verhätschelung ist ein Fehler, und so weit hatte Channa Recht; aber das Mittel, welches sie dagegen in Anwendung brachte, war schlimmer als die Krankheit, die sie heilen wollte. War das Kind z. B. widertvillig, wenn mau es waschen wollte — eine Operation, die es ungern an sich vollziehe» ließ — so erzählte sie ihm, daß auf einem ungewaschenen Kinde die „Klippes" (böse Geister) herumkriecheu. Wenn sie dem Kinde die Nägel von den Fingern beschnitt, und dasselbe die Finger i» der Ordnung, wie sie sich an der Hand befinden, einen nach dem andern hinstreckte, so wich sie von dieser Ordunug immer ab und nahm die Finger in einer absichtlichen Unregelmäßigkeit vor, und wen« der kleine Raphael den Grund hiervon wissen wollte, so sagte sie ihm, daß man nur einem „Meß" (Leichnam) die Nägel in der Ordnung der aufeinanderfolgenden Finger beschneiden diirfe. Wollte das Kind des Nachts ein Licht nusblasen, so erhub sie ein fürchterliches Geschrei, daß man mit dem Athen: kein Licht ansblasen dürfe. Der letzte Grund — wo sie keinen andern anzugeben wußte — war jedes Mal der „Bubak" oder der „Poipelebok" — eines jener beiden Wesen, welche in der Phantasie des Kindes allmälig Gestalt annahmen und nicht eben eine heitere und erfreuliche. Sie erzählte den: kleinen Raphael, daß mir zwölf Uhr bei Nacht „Schcdim" (Teufel) i>: die Stube hereinkomnicn und unter dem Bette, worin die Menschen schlafen, Tänze anfführen, sie versicherte dem Kleinen, das; n:an sich von der Wahrheit dessen sehr leicht überzeugen könne, wenn man des Abends Asche unter die Betten streut, denn dam: sehe man am folgende» Morgen noch deutlich die Spuren Von den kleinen Füßen der „Schedim", die so beschaffen seien wie Hühnerfiiße. Raphael nberlief es kalt und schaurig bei dem Gedanken au das Ballet, welches in der Mitternachtsstnnde unter seinem Bette aufgesührt werden solle, er hatte, wie leicht zu begreifen, keine große Lust, das Experiment mit der Asche wirklich zu machen, er glaubte, wie der fromme Klosterbruder im „Nathan", ohne viel zu prüfen; aber er wollte seit dem Tage, da ihm Channa dies erzählt hatte, nicht mehr allein in seinem Bette schlafen; die Mutter mußte ihn zu sich ins Bett nehmen; war er eingcschlafen, so geschah es oft, daß er dann schlafend in sein Bett gebracht wurde; wachte er aber — was ebenfalls nicht selten zu geschehen pflegte — ivieder auf und fand sich allein, dann fing er jämmerlich zu schreien an. In Angstschweiß gebadet, wurde er dann wieder zur Mutter gebracht, weil er auf keine andere Weise zu beruhigen war; solche Furcht flößten ihm die unter dem Bette tanzenden „Schedim" ein. Wenn ein Gassenjunge in der Nacht an das Fenster klopfte,!vas auf dem Lande etwas sehr Gewöhnliches ist, dann fuhr der kleine Raphael zitternd zusammen, der Angstschweiß trat ihm ans die Stirn und Leichenblässe überzog sein blühendes Kindergesicht; denn der geklopft, konnte nach seiner Vorstellung Niemand anders sein, als der „Bubak" oder der „Poipelebock". Die gute Channa erzählte ihn» auch, daß Derjenige, der die „Schul" (Synagoge) aufsperrt, mit dem Schulschlttssel drei Schläge auf die Thür schlagen müsse; denn drinnen versammeln sich die „Meßiin" (Todtcn), und verrichten ihren Gottesdienst, sie nehmen die Thora ans der Lade heraus und lesen sie vor, ganz so wie die Lebenden,