Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-06 · Heft 40 (6.10.1893) · p. Seite 474

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 40 (6.10.1893)
Date
1893-10-06
Page
Seite 474 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228027--50222-3271825
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

474 auf Geschlecht wird sich wahrscheinlich an dieser Aufgabe versuchen. Wir seht Lebenden, die wir nicht mehr fähig sind, Klopstocks Messias zu lesen, tönnen durch Rencms Darstellung nicht befriedigt werden. Die theologische Erziehung, die Renan erhalten hatte, brachte ihm den Glauben bei, das; Jesus sich dnrchgehends selbst die Wunder zugeschrieben hatte, die ihm im Evangelium zugeschrieben werden, während in zahlreichen Fällen ein aufmerksames Studirun deutlich beweist, wie der Evangelist das Wunder zu dem Zwecke erfindet, um es mit einem Wort ans dem alten Testament in Verbindung zu bringen, das er (bald in einer buchstäblichen, bald in einer sinnbildlichen Auslegung) mißdeutet, und es mit einer That in Verbindung bringt, die der Messias ausgeführt haben sollte. Jesus Persönlichkeit kennzeichnet sich am deutlichsten in einzelnen Antworten, die ihm in den Mund gelegt werden, Antworte», die man sich nicht erfunden denken kann und die mitunter so überwältigend genial sind, daß sie viel besser als jedes Wunder von der Unvergleichlichkeit seines Wesens Beweis geben. Gegenüber gewissen Fragen, die an ihn gerichtet werden, antwortet er nicht gern direkt. Er weicht den Fragen aus, gicbt aber doch eine entschiedene und erschöpfende Antwort. Die besten dieser Worte zeigen eine gewisse Gleichheit: das Ausweichende und trotz dieses Bestrebens immer ins Ziel Treffende. Man findet ein Gemisch von Borsicht und Festigkeit, von umsichtiger Klugheit und ruhiger, klarer Ueberlcgenheit. So antwortet er auf die Frage, ob man des Kaisers Schatzung bezahlen solle: Gebet Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist. Bei dieser Erzählung von der Schatzrmg erinnert man sich des auffallenden Umstandes, daß die römischen Kaiser, die wußten, daß die Münzen mit den Kaiserbildern, die als Götter verehrt wurden, den Juden ein Greuel waren, sür Palästina Münzen ohne Kaiserbilder prägen ließen. Man ist jedoch inzwischen aufmerksam geworden, daß durch einen großen Zustrom von Fremden bei Festen viele römische Münzen in Umlauf gebracht sein konnten. Die Antnwrt kann nicht erfunden worden sein; gleich ausweichend und bestimmt, wie sie Jaulet, prägt sie sich der Erinnerung durch ihre lakonische Kürze ein: Sie bezeichnet Jesus Scheu, sich in den politischen Kamps des Volkes einzumischen. Für denjenigen, der sich ein Bild von Jesu menschlichem Wesen zu gestalten versucht, liegt eine besondere Schwierigkeit darin, daß die werthvollsten Aussprüche, die ihm in den Mund gelegt tverden, historisch meist unsicher sind. So ist besonders der Ausspruch über die Frau, die des Ehebruchs beschuldigt wird und die man nach denr Gesetze steinigen will: „Derjenige, der rein ist, er werfe den ersten Stein," unbeschreiblich bewnnderuswerth, vorsichtig und doch so erhaben, das; er vielleicht das erhabenste und gleichzeitig für den Sprechenden das eigenthümlichste Wort im neuen Testament ist. Tie Erzählung, worin diese Worte Vorkommen, ist indessen nicht völlig glaubwürdig. Erstens findet man dieselbe in keinem der drei Evangelien, die aus dem ersten christlichen Jahrhundert stammen, nur in dem vierten »»historischen Evangelirun, das zwischen 185 und 150 niedergeschrieben ist. Es ist schon auffallend, daß ei» solch schöner und bezeichnender Ausspruch den ersten drei Evangelisten unbekannt geblieben ist, denn daß sie denselben gekannt und nicht des Aufzeichneus wertst befunden hätten, ist undenkbar. Außerdem kommt »och hinzu, daß diese Erzählung in Wirklichkeit ursprünglich nicht zum Johannis-Evangelium gehört hat, sondern ein späterer Beitrag ist. Sie wird in den ältesten und beste» Handschriften nicht gefunden und sie stört den Zusammenhang, da sie ungeschickt cingeschoben ist. Der Verfasser wußte wohl kaum Genaues über die Gesetze des Moses, die jüdischen Sitten und Gebräuche zu Christi Zeit. Er nimmt offenbar an, das; das Steinigen die herkömmliche Strafe für Ehebruch ist, während es im 5. Buch Moses 22. 23, 24 nur für einen bestimmten Fall vorgeschrieben ist. Danach ist der Ausgang der Erzählung, die Errettung der Frau, höchst unwahrscheinlich. Die Häscher haben ihre Beute nicht fahren lassen, weil ein Mann ohne Ansehen ihnen eine indirekte Aufforderung gab, das Gesetz zu verletzen und Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Trotz all dieser Erwägungen und Borhaltungen, die gegen die Glaubwürdigkeit der Erzählung sprechen, kann man sich schwer mit dem Gedanken versöhnen, daß dieses erhabene Wort, das deren Kern ist, nicht von Jesus gesprochen sein sollte. Diese Annahme wird außerdem dadurch bestärkt, daß Papias, der in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts lebte, wie Eusebios in seiner Kirchengeschichte (111. Buch, Kapitel 40) anführt, die Erzählung in seiner nun verschwundenen Schrift gehabt hat. Damit meint er tvohl „die Geschichte einer Frau, die aus Anlaß vieler Sünden vor dem Herrn angeklagt wurde." * FEUILLETON -<&- Ber Schatten. Erzählung von Eduard Kulke. Die würdigen Eltern freuten sich des herrlichen Sohnes. Raphael stand im Alter von vierundzwanzig Jahren; in seinem Gesichte lag aber eine Kindlichkeit, die ihn viel jünger erscheinen ließ, und wer sein wahres Alter nicht kannte, hätte sich wundern müssen zu erfahren, daß die Eltern sich so beeilt, den Jüngling zum Bräutigam zu machen. Indessen schien er nur ein Knabe, in Wahrheit war er ein Mann, dem die verständigen Eltern die Führung eines eigenen Heims anvertranen durften. Auch hatten sie ihn keineswegs gegen seinen Willen verlobt. Raphael liebte — und genoß schon jetzt den Vorgeschmack einer Seligkeit, die er bald ganz voll empfinden sollte. Sein Gesicht strahlte innere Heiterkeit und den Glanz des Herzens wieder. Als der einzige Sohn eines der reichsten Männer der Gemeinde, voll Eifer and Thatkraft in den ihm obliegenden Verpflichtungen und Geschäften, konnte er mit frohem Sinne einer Zukunft entgegen sehen, die er sich an der Seite eines geliebten Wesens, das ihm zur Lebensgefährtin bestimmt worden war, reizend ausmalte, und nur ein Zug von frommer Schwärmerei, der sich in seinem blauen Auge spiegelte, schien die kindlich-lachende Heiterkeit seines Gesichtes etwas abzudämpfen. Es war am Abend vor „Scheinerabbe" (der siebente Tag des Laubhütteufestes) — Raphael und seine Eltern befanden sich in der Laubhütte und sprachen von Golde, der Braut des Sohnes, welche sie für die zweiten Feiertage des Laubhütteufestes erwarteten, in freudigster Erregung. Während sie über verschiedene Maßregeln, die zu Ehren des geliebten Mädchens getroffen werden sollten, berathschlagten, war Raphael damit beschäftigt, fiir den nächsten Morgcngottesdienst die „Scheines" zu flechten, jene Bündel aus Weidenruthen, die dann beim Gebete so heftig an die Ständer geschlagen werden, daß die Blätter absallen, jene Bündel, von welchen der Festtag „Hoscnana Rabba“ seinen Namen hat. Er flocht die Bündel sorgfältig — eines für den Vater, eines für die Mutter, eines für sich und dann noch einige für die dienenden Leute des Hauses.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.