Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- Seite 473 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das, worauf hier angespielt wird, sind die Worte an Achas: „Eine Frau ist schwanger und wird ein Kind gebären, aber ehe dieses Kind das Gute vom Bösen unterscheiden kann, wird das Land, falls zwei Könige dem Achas Furcht einflößen, verheert werden." Hier ist keine Prophezeiung hinsichtlich jenes Kindes zu finde». Außerdem verlegt der Evangelist die Geburt Jesu nach Bethlehem, trotzdem es feststeht, daß Jesus in Nazareth geboren wurde. Es wird ausdrücklich gesagt, daß die Worte in Micha 5.1. in Erfüllung gehen solle». Auch diese Worte werden ganz unrichtig übersetzt: „Du Bethlehem in Judas Land bist nicht der niedrigste von Judas Fürsten, denn von dir soll ein Herrscher erstehen", anstatt: „Du Bethlehem Efrata, du niedrigster von Judas Orten, von dir u. s. w.", ein Wort, wodurch erklärt wird, daß Bethlehem die Wiege Davids und seines Geschlechts war. Jesu Wunder haben oft deutliche Vorbilder in der älteren hebräischen Litteratur. Wenn das Wunder von den fünf Broden und den zwei kleinen Fischen dargelegt wird, so wird darin ein Wunder aus dem alten Testamente wiederholt und überboten. Im kl. Buch der Könige 4. 42. speist Elisa wunderbarer Weise hundert Mann mit zwanzig Gerstenbroden und einem Sack Getreide; die ganze Darstellung dieses Wunders ist das Vorbild des Wunders des neuen Testaments. Elisa sagt: „Gieb cs dem Volk, daß sie essen können." Sein Diener erwiedert: „Was soll ich hundert Mann an dem geben?" Elisa antwortet: „So spricht der Herr: Man wird essen und es wird übrig bleiben." Und sie aßen und es blieb noch über nach dem Wort des Herrn. Im Evangelium werden die hundert Mann zu fünf- oder viertausend. Dies ist eine der vielen Stellen, wo mau durch die Verdrehung undeutlich erkennen kann, was Jesus wirklich gesagt hat. In der biblischen Erzählung wird ihm der Ausspruch des 5. Buches Moses beigelegt: Der Mensch lebt nicht von Brod allein — als Antwort auf die Aufforderung, Steine zu Brod werden zu lassen. Er speist die Menge mit seines Geistes Brod, und des Leibes Brod, das er durch seine Jünger und Apostel vertheilen läßt, sättigt Tausende mit Worten und verringert nicht den Bestand. Wahrscheinlich ist deshalb in seiner Umgebung das Wort gefallen: So lange wir in seiner Nähe waren, haben wir tveder Hunger noch Durst verspürt. Wahrscheinlich ist dies eine Parabel, die zum Wunder und zur unmöglichen Wirklichkeit gemacht wurde. Genau so verhält es sich augenscheinlich mit dem Feigenbaum-Wunder. Im Evangelium Lukas wird als Parabel erzählt: Jemand hatte einen Feigenbaum, der stand in seinem Weinberg, und er suchte nach Früchten und fand keine. Da sagte er zu dem Weingärtner: Haue ihn ab u. s. w. Im ersten Evangelium geschieht dies wirklich. Jesus hungert, sieht einen Feigenbaum, der nur Blätter trägt, keine Früchte, verwünscht den unschuldigen Baum und sofort verdorrt der Feigeiibaum. So eng halten sich die Evangelisten an das alte Testament, daß man deutlich sehen kan», wie die Leiden am Kreuze in den Einzelheiten nach dem gegebenen Vorbilde ausgearbeitet wird. Die Worte, die hier Jesus in den Mund gelegt sind und deren Echtheit um so unzweifelhafter erscheine», als sie aramäisch mitgetheilt werden, die Worte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" sind die Worte, die den 22. Psalm beginnen und nach denen das Ganze geordnet ist: Die Vertheilung der Opsertracht, das Verloosen derselben, die Hohnworte beim Beben des Kopfes, die Wendung, laß Elias ihn befreien! Alles sind Citate, meist wortgetreu aus Psalm 22, der auch als Prophezeiung angeführt wird. Außerdem ist zu bemerken, daß die Psalmstelle in der Septuaginta-Uebersetzung in Vers 17, wo mau der Verürecherrotte erwähnt, die den Sprechenden umringt hat, folgendes Mißverstandene bringt: Sie haben in meinen Händen und Füßen gegraben (daraus wurde später: Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt) anstatt: Sie hängen sich wie ein Löwe an meine Hände und Füße. — Mau sah darin eine Anspielung auf die Kreuzigung und schloß daraus, daß entgegen der Sitte und dem Brauch auch die Füße durchbohrt wurden. Und es wird noch bis auf den heutigen Tag der gekreuzigte Christus auf Grund einer unrichtig übersetzten Psalmstelle mit durchbohrten Füßen dargestellt. II. Mit größtem Interesse beobachtet man jedoch beim Vergleiche des neuen mit dem alten Testamente, daß Jesn Genie Israels Genius entspringt. Wie groß seine Originalität in dem allgemein Sittlichen und Religiösen war, läßt sich in unseren Tagen schwer beurtheilen. Man weiß, daß die Lehre der Essäer in entscheidenden Pmikten mit der seinen übereinstimmt, und daß seine Anschauungen in Vielem derjenigen der großen jüdischen Weise» jener Zeiten, besonders Hillels, entsprochen hat. Wenn Jesus Worte in den Mund gelegt werden, die eine scharfe Sonderung seiner Lehre von der des alten Testaments zeigen, so sind diese Worte inkorrekt. Wenn Jesus, wie berichtet wird, in der Bergpredigt gesagt hat: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist, ihr sollt eure Nächste» lieben nnd eure Feinde hassen, aber u. s. w.," so ist das nicht richtig. Im 3. Buch Mos. 19, 18 steht nur: „Du sollst nicht rachgierig sein, noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Hillel gab nach dem babylonischen Talmud (Sabbath) einem Heiden, der ihn frug, ob er ihm in wenigen Worten einen Begriff von den Gesetzen des Moses geben könne, die berühmte Antwort: „Was du nicht willst, das man gegen dich thut, das thue auch nicht gegen deinen Nächsten. Dies ist das ganze Gesetz, das klebrige ist nur die Auslegung." Diese Worte sind, wie bekannt (Matth. 7.12.) Jesus in den Mund gelegt. Im klebrigen hatten schon die älteren Propheten Ainos, Jesaja, Micha allen äußeren Kultus verworfen und das ganze Gewicht auf die Reinheit des Herzens gelegt. Ihr Geist wurde in späteren Jahren durch die Priesterschaft unterdrückt. Den Propheten Jesaja scheint Jesus besonders durchforscht zu haben, er hat sich ganz in ihn eingelebt. Immer und immer verbergen sich Worte des Jesaja hinter den Wendungen, die Jesus in den Mund gelegt werden. Blinde werden sehen nnd Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube werden hören . . . und das Evangelium wird für die Armen gepredigt. Diese Worte gleichen folgende» Stellen in Jesaja: Die Tauben werden die Worte des Buches hören, und die Augen der Blinden werde» aus dem Dunkel und der Finsteruiß sehen, und die Elenden werden tvieder Freude haben am Herrn, und die Armen unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels; und: Alsdann werden der Blinden Augen aufgethan werden, die Lahmen springen wie ein Hirsch, und der Stummen Zunge wird lobsagen, n. s. w. (Jesaja 29. 18. 19.; 35. 5. 6.) Nur ein Dichter mit großer Phantasie, der gleichzeitig ein großer Kritiker sein müßte, könnte auf Grund des Evangeliums ein vollständiges und befriedigendes Bild von Jesu Persönlichkeit geben. Geschlecht