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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-06 · Heft 40 (6.10.1893) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 40 (6.10.1893)
Date
1893-10-06
Page
Seite 472 (sequence 6)
Language
German
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472 hätte nicht nur eine konfessionelle Bedeutung, sondern einen hohen ethischen Werth; denn es trägt dozn bei, den ungeschwächten Fortbestand des Judenthums zu sichern und dem Einzelnen den beschämenden, verstimmenden Eindruck zu ersparen, daß er an den höchsten Feiertagen von der Gemeinschaft seiner Glaubensgenossen im Tempel ausgeschlossen ist, tveil seine Mittel es ihm nicht gestatten, sich die Eiutrittsberechtigung zu erkaufen. Jeder, welcher der Sache ohne engherzige Interessen wahrhaft volksthümlich dienen will, der wirke für ein „freies Gotteshaus!" U lieber das Talmud studium. Der Talmud, dieses gewaltige Literaturdenkmal des Judenthums, wie es in solcher Eigenartigkeit keine andere Religions- oder Volksgemeinschaft aufzuweisen hat, verdient in der Gegenwart mehr denn jemals studirt und erforscht zu werden. Ja die Kenntniß seines Inhalts auch in iveiteren Kreisen ist geradezu eine Nothwendigkeit, wenn man die von gegnerischer Seite immer wieder erhobenen Vorwürfe gegen die Lehren desselben mit Erfolg zurückweisen will. Bedauerlich ist es daher, das; die Meisterschaft in dem Verständnis; und der Erklärung des Talmuds heute bei Weitem nicht mehr einer so großen Anzahl unserer Glaubensgenossen geineinsam ist, wie dies vor Jahre» noch der Fall war. Die Talmudisten vermindern sich von Jahr 311 Jahr, und mit Wehmuth erfüllt uns immer die Kunde von dem Hinscheiden eines greisen Gelehrten, wobei wir uns fast stets nach einem gleichwerthigen Nachwuchse vergeblich umsehen. Freilich ist die mit den moderne» Verhältnissen gegebene veränderte Erziehungsmethode der Pflege der talmudischen Wissenschaft durchaus nicht mehr so günstig, wie vormals. Der praktische Sinn der Jetztzeit entzieht dem Geiste das Interesse an einem Studium, welches bei seiner schier unüberwindlichen Schwierigkeit für die Ausübung eines Lebensberufes keinen Nutzen bringt und dem man im besten Falle nur eine» ideesten Werth zugesteht. Aber das Interesse an diesem bedeutsamen Werke jüdischen Geistes ist im Allgemeinen doch noch nicht so schwach geworden, das; in der Lektüre desselben für den Israeliten nicht trotzdem ein gewisser Reiz läge, wenn ihm dieselbe in einer leicht faßliche», keinerlei formelle Schwierigkeiten entgegenstellenden Art geboten ivürde. Jener Beschluß der Rabbinerversainmlung, welche im Sommer des Jahres 1887 in Breslau tagte und wonach, so wir uns recht erinnern, die Uebersetzung des ganzen Talmuds in Angriff genommen werden sollte, verdiente daher eine schnellere und eifrigere Ausführung, als dies bisher geschehen ist. Denn nur dadurch könnten die überaus vagen und wrinderlicheu Vorstellungen geklärt und berichtigt werden, die ein großer Theil unserer Glaubensgenossen von dem Inhalte des Werkes sich bildet und die das Bediirfniß nach einer in großein Maßstabe angelegten Talniudübersetzung deutlich bekunden. Mit dieser Uebersetzung, die, als von rabbinischen Autoritäten herausgegeben, für die Allgemeinheit maßgebend sein müßte, wäre zugleich die Widerlegung jener von antisemitischer und laienhafter Seite stammenden, Böslvilligkeit und kraffe Unkenntnis; verrathenden Unterstellungen gegeben. tJlber die Erleichterung des Eindringens in die talmudische Diskussion erweist sich nicht mir für die Allgemeinheit als ein Bedürfniß, sie wird zu einer brennenden Frage für den jungen jüdischen Theologen. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Beschäftigung mit dem Talmud den nach moderner Methode vorgebildeten Jünglingen ungeheuere Schivierigkeiten bietet. Wer die eigenthümliche Art der talnmdischen Dialektik und Gedankenfolge nicht gleichsam mit der Muttermilch eingesogen, wer nicht seine Jugend in einer Uingebung verbracht, die i» Wort unb Rede, in Thun und Gebahren ein getreues Spiegelbild des Talmuds bot und so dem jugendlichen Geiste gleichsam den Stempel des talmudischen Idioms aufdrückte, der wird trotz redlichen Willens und eifrigen Strebens lange Jahre zu kämpfen haben, ehe er sich mit der rein formalen Seite des Talmuds so weit bekannt gemacht hat, das; er denselben ohne Hilfe eines Anderen lesen und verstehen kann. Nach Ueberwindung der formalen Schwierigkeiten ist er dann erst im Stande, den Talmud zu lesen und sich eine möglichst weitgehende Kenntniß seines reichen Inhalts anzueignen. Sollte man hierin nicht Wandel schaffen? Sollte man dem jungen Theologen die Bewältigung des Talmuds, wenn nicht durch eine Uebersetzung, so doch wenigstens durch andere Mittel erleichtern? Es »oiire schon viel damit gethan, wenn bewährte Kenner eine Talmndansgabe mit genauer Interpunktion, mitMarkirung der Gedanken durch Kommata, Punkte und Fragezeichen veranstalten würden. Die Darstellung im Talmud hat das Gepräge einer gesprüchsweisen Diskussion. So, wie die Gedanken in der Schule in lebhafter Unterhaltung und in der der letzteren eigenthümlichen Kürze und Bündigkeit erörtert wurden, so wurden sie »iedergeschrieben. Eine solche beispiellose Kürze ist wohl im Gespräche verständlich, wo der Tonfall der Stimme den Zuhörer in der richtige;; Auffassung des zu»; Ausdruck gebrachten Gedankens unterstützt, aber sie erschwert das Verständniß ungemein, wenn sie sich auf den tobten Buchstaben überträgt, de»; alle Vorzüge und Hilfen der lebendigen Rede abgehe». Hieraus ergiebt sich die Schwierigkeit, die Gedanken im Talinud richtig zu verbinden und zu trennen, und ehe man dazu kommt, sich mit dem eigentlichen Inhalte abzugebe», haben die forinalen Hindernisse den Leser schon so ermüdet, das; er verdrießlich über seine geringen Fortschritte in der Lektüre trotz mehrerer Stunden darauf verwandter Zeit das Buch bei Seite legt. Wir sehen nicht ein, warn;;; man nicht endlich mit der alten, überlebten Gepflogenheit bricht und nicht eine wohlinterpunktirte Talmudausgabe herausgiebt. Die rein äußerlichen Schwierigkeiten, deren Ueberwindung die Schärfe des Verstandes auch nicht im Mindesten fördert und lange Zeit den Leser zwingt, die richtige Wortverbindung zu ercathen, verdienen in der That nicht, da sie durch eine sinngemäße Interpunktion beseitigt werden könnten, die große» Opfer an Zeit und Mühe, die der Talmudbeflissene ihnen bringen muß. Er könnte seine» Fleiß und seine Arbeitskraft viel eher dem reichen, schönen und geistschärfende» Inhalt widmen und in den langen Jahren, welche die Bewältigung der For»; erfordert, sich schon ein nennenswerthes talmudisches Wissen aneignen. L. H. U Ner Zusammenhang des alten und des neuen Testaments. Von Georg Brandes.') I. Ein Jeder, der sich von der Frage des Ursprunges religiöser Vorstellungen angezogen fühlt, wird mit großem Interesse beobachten, wie das neue Testanient aus de»; alten herausgewachsen ist. Selbst eine solch primitiv christliche Schrift, wie die Johannis- Offenbarung, hat ihr Vorbild im Buch Daniel. Doch »och ausgesprochener empfindet man den Anschluß a» das alte Testament bei der Komposition des Evangelinnis. Nicht nur Jesus beruft sich unausgesetzt auf die ältere hebräische Literatur, auch die Evangelisten stützen sich anhaltend daraus. In dem ersten Evangelium wird des ') Autorisirte Uebersetzung von A. N.

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