Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- Seite 470 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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470 Ohne Zagen mtb ohne Furcht haben wir der Prüfung unserer Schulbücher entgegengesehen. Wir haben eben nichts zu fürchten und nichts zu oerheimlichen. Und wenn ein Kompatriot des Herrn Schwennhagen morgen oon der Regierung eine Prüfung des Talmuds oder des Schulchan-Aruch verlangen sollte — wir fürchten auch diese nicht im Geringsten. Das Judenthnm ist eine Religion des Lichtes und der Wahrheit, und alle Nebel und Wolken, alle Prüfungen und Versuchungen werden den Glanz dieser Wahrheit nicht verdunkeln. d Nie Woche. Berlin, 4. Oktober. In einer Versammlung des „CentralVereins deutscher Staatsbürger" — über die zu berichten wir keine Veranlassung haben, da unser Blatt nicht eingeladen worden, während die antisemitischen Blätter in der erfreulichen Lage waren, schon ain folgenden Tage ebenso lange wie höhnische Berichte bringen zll föimen — wurden folgende Thesen angenommen: „1. Wir deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens stehen fest auf dem Boden der deutschell Nationalität. Unsere Gemeinschaft mit den Juden anderer Länder ist keine andere, als die der Katholiken mit) Protestanten Deutschlands mit den Katholiken und Protestanten anderer Länder. Wir erfüllen als Staatsbürger freudig unsere Pflichten und halten fest an unserem verfassungsmäßigen Rechte. 2. Wir gehören als Juden zu keiner politischen Partei. Die politische Anschauung ist wie die religiöse Sache des Einzelnen. 3 Wir haben keine andere Moral als unsere andersgläubigen Mitglieder. Wir verdammen die unsittlichen Handlungen des Einzelnen, weß Glaubens er sei. 4. Wir verwahren uns gegen die leichtfertige oder böswillige Verallgemeinerung, mit der Vergehen einzelner Juden einer jüdischen Gemeinschaft zur Last gelegt werden!" Daneben wurde aber auch gegen den Talmud losgezogen. Wie unberechtigt diese Angriffe sind, brauchen lvir unfern Lesern nicht erst auseinanderzusetzen. Wie unklug sie aber auch waren, das mögen den Herren Disputanten die nichtswürdigen Noten beweisen, mit welchen der antisemitische Chor ihre Reden begleitet hat. Ja, der „Reichsbote" benutzt den willkommenen Anlaß sogar zu einem Angriff auf das Reformjudenthum, der von Neuem den Beweis giebt, wie wenig klar diesen Leuten noch der Begriff der Reform im Judenthnm ist, oder auch wie gern sic diesen Begriff verdrehen und verleumden. Die jüdischen Angreifer des Talmud aber möchten wir auf den Artikel der „Kölnischen Volkszeitung" aufmerksam machen, der natürlich der Anlaß sehr willkommen ist, zu erklären: Wenn die Juden selbst den Talmud aufgebeu, so haben die Antisemiten am Ende doch Recht, daß entsetzliche Tinge darin ständen. Videant Consules! d Ein nettes Pröbchen ihrer apostolischen Milde und wahrhaft christlichen Liebe hat die „Kreuzzeitung" jüngst gegeben. Sie hat die Rigaer Schiffslisten ausgegraben und verfolgt mit diesen die unglücklichen russischen jüdischen Flüchtlinge, indem sie schreibt: „In manchen Fällen mag die Lage dieser Leute ja beklagenswerth sein; daß sie sich aber doch zu helfen wissen, lehren die Rigaer Schiffslisten, aus denen hervorgeht, daß der Strom der jüdischen Auswanderung jetzt seinen Weg über Schweden nimmt. Uns liegt eine solche Liste vor. Sie lautet wie folgt: Riga, 11./23 August 1893. „An Bord des gestern Morgen von hier nach Stockholm abgegangenen Dampfers „Rurik", Kapitän Forsberg, befanden sich folgende 109 Passagiere: Baron Leonhard Wm. Stjernstedt nebst Gemahlin und 5 Kindern, Gotthilf v. Oesterroht, Kaufmann Paul Eduard Philipp, Seemann Johann Englund, Golde Epstein nebst 5 Kindern, Schmul Bernstein nebst Frau und 5 Kindern, Hirsch Goldwasser nebst Frau und 5 Kindern, Jette Ehaimann nebst 3 Kindern, Jtzig Kaplan nebst Frau und 2 Kindern, Rüben Behrenstamm nebst Frau und 2 Kindern, Leiba Jakobsohn nebst; Frau und 4 Kindern, Schaje Scher nebst Frau und Tochter, Hinda Lea Tschesne nebst 4 Kindern, Salman Behr Elperowitsch nebst 2 Kindern, Jtzig Gruschd nebst Frau, Mutter, Bruder und 4 Kindern, Beile Behrmann nebst 2 Kindern, Jossel Mendelsohn, Nehamja Dweira Schnmlsohn, Rosa Kretzer, Sara Ahronstein, Chisna Kurschanski nebst Tochter, Dweire Elke Kaplan, Esther Malte Perlmann, Hanna Nathansohn, Jankel Wulf Aronsohn nebst Sohn, Rüve Kahn nebst Tochter, Nossel Lifschitz nebst Mutter und Johanna Lewin, Abram Tschernobadka nebst j Frau und 3 Kindern, Chaim Behrenstarn, Marie Frischberg nebst 4 Kindern, Johann Freiberg nebst Frau und Sohn, Friedrich Sander! nebst Frau und 4 Kindern. i Welcher Nationalität die ungeheure Mehrzahl der Reisenden an-! gehört, kann hiernach nicht zweifelhaft sein. Die Frage ist nur, wie; lange Schweden diesen Auswanderern, von denen sicher viele hängen I bleiben, seine Thür offen halten wird." - Es wundert uns nur, daß das fromme Blatt nicht der schwe-! dischen Regierung den Rath ertheilt, die unglücklichen Leute einfach! ersäufen zu lassen. j Inzwischen geht die unreine Scheidung zwischen Konser-! vativen und Autisemiten immer weiter. In einem Artikel zur Be- | grüßung des Marburger Parteitages der Böckelschen Reform-Partei j zieht der „Reichsherold" ganz inAhlwardischerManiergegenJunker! und Juden zu Felde. Herr Stöcker wird da als ein „ehrgeiziger - Konservativer" hingestellt, der die Antisemiten für konservativ-orthodoxe! Zwecke habe ködern wollen; Professor Wagner sei ein „Zopfgelehrter"! und „unklarer Kopf" und Liebermann von Sonnenberg, der Führer der Deutsch-Sozialen, ein konservativer Intrigant". Das deutsche Volk j wolle ebenso wenig eine Junkerals eine Juden-Partei. Die deutsche Reform-Partei dagegen stelle eine Volkspartei dar, lvelche die Rechte des Mittelstandes vertheidige und wahre. Im Anschluß hieran heißt i es dann: „Die deutsche Reformpartei soll vor allen Dingen den einj seitigen (!) Antisemitismus erweitern. Mit dem Geschrei: „Gegen; Juden!" allein kann man in unserer Zeit des wirthschaftlichen Zerfalls und der drohenden Herrschaft des Kapitalismus keine leistungsi fähige politische Partei bilden. Wer das glaubt, der irrt sich. Was! wir brauchen, ist eine selbstständige, volksthümliche Mittelstandspartei.! Junker- und Manschettenbauern-Politik fann uns ebenso wenig retten,! als Geldprotzen- und Inden-Politik. Der Jude ist ein Krebsschaden unseres Volkes, aber daß er der einzige wäre, das zu behaupten, ist! eine Verblendung." Die neue, kräftige Reform- und Volkspolitik j müsse sich zunächst äußern in einer energischen Kritik unserer Gesetze, sodann müsse die „unfruchtbare Büreaukratie" „ihren Treff" wegbekommen, die Hauptsache aber sei: „Fort mit dem eingebildeten, hochnäsigen Geld- und Adels-Protzenthum." — „Das Hinabrutschen zur Sozialdemokratie dürste," sv bemerkt dazu der „Reichsbote", der wacker mitgeholfen hat, jene Brut groß zu ziehen, „bei Herrn Böckel nach dieser neuesten Wandlung nicht mehr lange auf sich warten lassen." d Freies Gotteshaus! Von Sanitätsrath Dr. Livius Fürst in Berlin. Wenn irgend etwas dazu beitragt, das religiöse Gefühl zll heben und zu stärken, so ist es der Besuch des Gotteshauses. Deiln obgleich der Einzelne sicher im stillen Kämmerlein nicht minder innig zu Gott beten, sich in ernste Betrachtungen versenken und sein inneres Empfinden gegenüber dem allmächtigen Herrn der Welten zum Ausdruck bringen kann, ja Mancher dies nur in der Einsamkeit ungestört und ganz vermag, so ist doch andererseits der gemeinsame Gottesdienst der Gemeinde mit allen seinen erhebenden Eindrücken für Biele ein Bedürfniß, dessen Entbehrung schwer fällt.