Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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Zr war es auch, der schon vor fünfzig Jahren die Aufnahme der Juden u die Freimaurerloge durchgesetzt hat. Sein edles Beispiel wirkte rhebend in dieser Zeit, und so hoch auch die Wogen des Antisenntismus gehen mochten, das kleine thüringische Herzogthum blieb von ihnen unberührt. Möge es hier auch ferner so bleiben. © Leipzig, 16. September. Herr Dr. I. Dembo, der als Mitglied der ehemaligen wissenschaftlichen Kommission, welche zur Auffindung oer besten Schlachtmethode von den russischen Thierschutz-Vereinen eingesetzt war, sich mit dieser Frage eingehend beschäftigt hat, weilt augenblicklich hier, um im hiesigen Schlachtviehhofe weitere Untersuchungen nach jener Richtung anzustellen. Schreiber dieser Zeilen hat mit Herrn Dr. Dembo im Hotel de Russie eine Zusammenkunft gehabt und ihn um Mittheilung über die Resultate seiner Untersuchungen auf dem hiesigen Schlachthofe gebeten. Herr Dr. Dembo äußerte, daß die genaueren Resultate in einer demnächst erscheinenden, größeren wissenschaftlichen Abhandlung eingehende Erörterung finden würden, daß er aber schon jetzt so viel sagen könne, daß nach seiner Meinung die in Leipzig geübte Schlachtmethode noch viel thierquälerischer sei, als die in Berlin übliche. Die verbesserte Bruneau'sche Schlachtmaske nämlich, welche im Leipziger Schlachtviehhof eingeführt ist, und den Zweck verfolgt, durch Einschlagen eines langen Locheisens in den Schädel und nachfolgende Einführung eines spanischen Rohres durch das gesetzte Loch das Gehirn und namentlich das verlängerte Mark, von dem bekanntlich alle wichtigen Lebensfunktionen abhängig sind, zu verletzen, giebt, wie sich Herr Dr. Dembo mehrfach überzeugen konnte, häufig genug Mißerfolge. Bei drei Bullen, welche gestern in Gegenwart des Herrn Dr. Dembo und eines dort beamteten Thierarztes mit der verbesserten Bruneau'schen Schlachtmaske geschlachtet wurden, mußte nach Aussage des Dr. Dembo, bei einem sieben Mal, beim anderen fünf Mal, beim dritten drei Mal zugeschlagen werden, ehe der Bulle umfiel, also der Stift wirklich im Gehirn saß, und — was noch mehr sagen will — trotzdem der Schlachter längere Zeit mit dem spanischen Rohr im Gehirn und Rückenmark hin- und herfuhr, war das verlängerte Mark, wie die sofort von Dr. Dembo in Gegenwart des genannten Zeugen ausgeführte Sektion ergab, gar nicht verletzt. Der Stock war vielmehr unterhalb des verlängerten Markes ins Rückenmark eingedrungen. Herr Dr. Dembo hat das betreffende Präparat in Spiritus aufbewahrt und wird es jedem sich dafür Jnteressirenden gern demonstriren.i) Dr. phil. und med. H. C Plaut. * Bruchsal, 24. September. Eine bemerkenswerthe Entscheidung hat kürzlich das Bezirksamt getroffen. Es hatten mehrere Israeliten antisemitische Schmähschriften, welche vor der letzten Reichstagswahl zur Empfehlung des antisemitischen Kandidaten an den Häusern angeklebt worden waren, abgerissen. Eine von dem dortigen antisemitischen Vereine deshalb angestrengte Klage ist nun mit folgender Begründung abgewiesen worden: „Hinsichtlich der Angezeigten erscheint zwar durch deren Geständniß nachgewiesen, daß sie einige Tage vor der letzten Reichstagswahl antisemitische Flugblätter, welche in den Straßen der Stadt Bruchsal angeschlagen waren, abgerissen haben. Doch liegt ein Anlaß zum Einschreiten deshalb nicht vor, weil das Abreißen dieser Anschläge, die von Beleidigungen und Schmähungen der Israeliten strotzten, und deren Inhalt auch bei den Angehörigen der christlichen Koufessionen Aergerniß zu erregen geeignet waren, als in Ausübung berechtigter Nothwehr geschehen anzusehen ist Den Angezeigten, welche Israeliten sind, konnte ebenso wenig wie den übrigen Israeliten hiesiger Stadt zugemuthet werden, die ihre Religionsgenossen herabwürdigenden Schmähschriften der weiteren öffentlichen Verbreitung überantwortet zu sehen." mitgetheilt. Interessant ist, daß der Vertreter der fünf Kläger, Dr. I. Kopp, dieselben gar nicht kennt. Man dachte ursprünglich daran, dieselben nach Wien kommen zu lassen; man nahm aber wieder davon Abstand, da in der Gegend, wo sie leben, die Cholera herrscht und man nicht einer etwaigen Einschleppung der Seuche nach Wien Vorschub leisten wollte. In juristischen Kreisen war man einigermaßen überrascht, daß der Pfarrer Deckert nicht ebenfalls mit einer Freiheitsstrafe belegt wurde. Herr Deckert hat es jedenfalls nur den: priesterlichen Kleid, das er trägt, zu danken, daß er mit einer hohen Geldstrafe davonkam. —- Bei dem rasch pulsirenden Leben der Großstadt hat man aber an die Sache und an die Personen, die darin zu trauriger Berühmtheit gelangten, bereits vergessen, und die Aufmerksamkeit wendet sich anderen Geschehnissen zu. Daß auch der Antisemitismus dabei seine Rolle spielt, ist selbstverständlich — da wird fort gewühlt und agitirt und Versammlungen werden einberufen, die mit Raufereien endigen, wenn sie nicht vorher vom Negierungsvertreter aufgelöst werden, wie die letzte Versammlung des „Christlichen-sozialen Arbeitervereins", wo der Schneidergeselle Franz Kruml über „Den Antisemitismus und seine Berechtigung" sprach. Denselben Verlauf nahm die Volksversammlung der deutsch-nationalen Partei auf der Landstraße, bei der die Abgeordneten Hauck und Dötz und der Herausgeber der „Ostdeutschen Post" K. Wolf als Einberufer fungirten. — Der Kaiser hat dem bekannten Fabrikbesitzer Friedrich Pollak in Wien in Anerkennung seiner verdienstlichen industriellen Wirksamkeit den Titel eines kaiserlichen Rathes, dem Handelsmanne Josef Sperling in Tarnopol das goldene Verdienstkreuz verliehen. — Gestern Vormittag ist hier ein äußerst begabtes Mitglied der modernen litterarischen Gemeinde in Wien, Dr. Julius Kulka, im Alter von noch nicht 30 Jahren nach kurzem Leiden gestorben. Dr. Kulka trug hier und in Deutschland nicht wenig zur Propagirung der realistischen Richtung, speziell der Werke Ibsens und Gerhard Hauptmanns, mit denen er auch in persönlichem und brieflichem Kontakt stand, bei. Die von ihm in der „Modernen Rundschau" und anderen litterarischen und belletristischen Zeitschriften erschienenen Essays über das Wiener Theater zeichneten sich durch die Gediegenheit der Darstellung, wie durch tiefe Sachkenntniß aus. Dr. Kulka, ein Sohn des Wiener Schriftstellers Adolf Kulka, war eine jugendlich kräftige Erscheinung und erfreute sich wegen seines sympathischen, offenen Charakters großer Beliebtheit der ihm nahe stehenden Kreise. — Der bekannte Violinvirtuose Max Lewing er, Schüler des Professors Grün, ist durch den Unterrichtsminister Jonescu als Professor an das königliche Konservatorium in Bukarest berufen worden. Budapest, 24. September. Die Antwort des Kaisers an die jüdische Deputation in Güns hat viel von sich reden gemacht. Ich sende Ihnen deshalb den authentischen Wortlaut. Aus die Ansprache des Oberrabbiners von Steinamanger, Dr. Bela Bernstein, erwiederte der Kaiser: „Mit Befriedigung sehe ich auch die Gesandten der israelitischen Glaubensgemeinden jenseits der Donau, die die Zeit meines Hierseins als Gelegenheit dazu benützen, ihre Huldigung zu bezeugen, und da Sie Ihre treuen Gefühle betonen, vertraue ich gern der Aufrichtigkeit derselben, und wie ich daran nicht zweifle, werden Sie nie Gelegenheit dazu bieten, daß ich meine Gnade und meinen Schutz meinen treuen israelitischen Unterthanen entziehe." (Lebhafte Eljenrufe.) Uebrigens haben auch die Gemeinden der transdanubischen Komitate eine Huldigungs-Deputation an den Monarchen entsendet. Wie man nun aus Oedenburg schreibt, unterhielt sich Kaiser Franz Joseph nach dem offiziellen Empfange auch mit einzelnen Mitgliedern derselben. Der König zeichnete zuerst die Rabbiner von Steinamanger, Kaposvar und Kanizsa durch Ansprachen aus. Hierauf wandte er sich an die Rabbiner aus Eisenstadt, Sarvar und Janoshaz, denen der Monarch zum Abschiede sagte: „Es freut mich sehr, daß die Herren gekommen sind." Großbritannien. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 24. September. Das Urtheil gegen die Verurtheilten j Paulus Meyer, Pfarrer Deckert und Redakteur Doll wurde, wie wir! erfahren, den Klageführern, die bekanntlich Dr. Kopp vertrat, telegraphisch , x) Und wegen dieser famosen Schlachtmethode wurde in Sachsen das Schächten verboten. Die Red. 8. London, 21. September. Der Versöhnungstag wurde gestern von den jüdischen Gemeinden der englischen Hauptstadt in altehrwürdiger Weise gefeiert. In der „Great Assembty Hall" in Mile End Road, welche Mr. F. N. Charrington liberal für den gottesdienstlichen Zweck zur Verfügung gestellt hatte, waren von Sonnenaufgang bis Niedergang 7-8000 Gläubige versammelt. Trotzdem konnten Tausende keinen Einlaß finden. Niemals sind wahrscheinlich in einem jüdischen Gotteshause