Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 so viele Andächtige beisammen gewesen. Den Gottesdienst leitete der Rabbiner B. Schewzik vom Judith-Montefiore College in Ramsgate. Die Gemeinde bestand fast ganz aus russischen und galizischen Juden. Die meisten, besonders die Frauen, waren nett gekleidet. Im großen Saale der Bell Laue Freischute waren 3—4000 Personen zum Gebet vereinigt. Der Oberrabbiner des britischen Reiches, Dr. Adler, leitete den Gottesdienst in der Großen Synagoge in Aldgate. In der Hauptpredigt am Morgen forderte er seine Hörer auf, die Bedeutung dieses Festes sich zu Herzen zu nehmen. Auf Vergebung könne Niemand hoffen, wenn Fasten und Gebet nicht von besserer Lebensführung begleitet wären. Am Nachmittag predigte Dr. Adler den Kindern. Türkei. t'. Jerusalem, 5. September. Vergangenen Freitag besuchte uns Herr David Ohab, ein Gesandter vom Großrabbiner Kaimkan Effendi in Stambul, und überbrachte ein Dekret von Sr. Majestät dem Sultan, in welchem unser Rabbiner I. S. Eli schar bestätigt und beglückwünschl wurde. Am Sonntag überreichte Herr David Ohab dem Saddas Pascha ein Schreiben vom Kaimkan, welches vom Pascha freundlich ausgenommen wurde. Auch bat Saddas Pascha Herrn Ohab, zu ihm am Donnerstag wieder zu kommen, um ein Antwortschreiben mitzunehmen. Die Vorstände und angesehensten Mitglieder der deutschen (Aschkenasi) und der portugiesischen (Sephardi) Gemeinde versammelten sich Dienstags in deck Hause des Rabbiners, welcher den aus Stambul gesandten Talar mit Silbertressen, Halsgeschmeide und Brustschild, sowie die mitgesandten silberumfaßte Mütze trug. Der Rabbiner sprach dann den Segensspruch irniTir, worauf er die Beglückwünschung der Gemeinde empfing. Dann setzte sich der Festzug in Bewegung. Voran gingen die Vorstandsmitglieder der deutschen und portugiesischen Gemeinde, dann folgten verschiedene Kultusbeamte, hinter welchen der Gemeindediener auf silbernem Teller in silberner, seidenumfaßter Büchse das Dekret des Sultans trug. Dem folgte in Festuniform, das Schwert in goldener Scheide um die Hüften gegürtet, der Gesandte des Kaimkan Effendi, worauf dann der Rabbiner, von den ältesten und angesehensten Mitgliedern der Gemeinde umgeben, folgte. Hinterdrein kam ein großer Zug von Juden, Mohammedanern und Christen. Als der Rabbiner das Innere des Serails betrat, machte das Militär die üblichen Honneurs. Im Regierungszinuner wurde der Rabbiner von Saddas Pascha, Musta Effendi, Salem Effendi, Kadi Effendi, Jassin Effendi, Ebed elrachmon Effendi und noch anderen hohen Beamten erwartet. Hierauf befahl Saddas Pascha, das Dekret des Sultans vorzulesen, worauf er und auch die anwesenden Beamten den Rabbiner beglückwünschten. Darauf verrichtete der Rabbiner in arabischer Sprache das Gebet für Seine Majestät den Sultan, worauf dann vom Kantor der Gemeinde ein ,,ini scheberach“ für Saddas Pascha folgte. Am folgenden Tage liefen zahlreiche Gratulationen an den Rabbiner ein, unter welchen sich auch die des russischen Konsuls Arsinoff befand. — Wie nur schon seiner Zeit mittheilten, wird jetzt wiederholt geplant, die deutsche und die portugiesische Gemeinde zu vereinigen, leider scheiterten bisher alle Versuche. Vergangene Woche schien diese Angelegenheit schon aufs Beste erledigt zu werden, man war schon dabei, einen Vorstand für beide Gemeinden zu wählen, doch scheiterte auch diesesmal der Versuch, weil die deutsche Gemeinde darauf bestand, daß der Vorstand nur aus ihrer Mitte gewählt werden solle. Doch erwarten wir mit Bestimmtheit, daß die Vereinigung, welche von der sephardischen (portugiesischen) Gemeinde nicht weniger als von der deutschen angestrebt wird, sich noch diese Woche vollziehen wird, da die portugiesische Gemeinde wahrscheinlich auf das passive Wahlrecht ihrer Gemeinde verzichten wird. — Aus Jaffa wird berichtet, daß die verschiedenen Seuchen, welche hier, wie wir bereits berichteten, geherrscht und schon nachgelassen hatten, vom Neuem und viel stärker aufgetreten sind und ungeheure Opfer verlangen. — Hier in Jerusalem hat die große Hitze nachgelassen, und wir erfreuen uns eines vorzüglichen Wetters. Auch die sanitären Verhältnisse der heiligen Stadt haben sich bedeutend gebessert. — In der Kolonie Gederah müssen die Kolonisten gegenwärtig viel Leid ausstehen. Trotz der schlechten Weinernte, die sie dieses Jahr hatten, sind die Preise von den benachbarten Kolonien sehr niedrig geschraubt worden. — Der Schriftsteller Ascher Günsburg reiste vergangenen Mittwoch von Jaffa nach London ab, um die englischen Glaubensbrüder für die Kolonisten Palästinas zu interessiren. Von Nah und Fern. Stadtrath Dr. med. Ferdinand Straßmann hat den Titel als Sanitätsrath erhalten. — Das Reichsgericht hat am 19. September die von Ahlwardt eingelegte Revision gegen das Urtheil in dem Prozeß betreffend die Broschüre „Judenflinten" verworfen, weil dieselbe prozessual und materiell unbegründet sei. Das auf fünf Monate Gefängniß lautende Urtheil der Berliner Strafkammer wird somit rechtskräftig und Ahlwardt für eine so lange Zeit seiner politischen, insbesondere parlamentarischen Wirksamkeit entzogen. — Ter nationalliberale Verein für das Königreich Sachsen erläßt zu den Landtagswahlen einen Aufruf, in dem über die Stellung der Partei zu dem Antisemitismus gesagt wird: „Wir erachten aber jede Ausnahme-Gesetzgebung gegenüber dem Judenthum als solchem für unzulässig. Dagegen halten wir es für geboten, den Mißständen, die zu der antisemitischen Bewegung Anlaß gegeben haben, überhaupt allem unredlichen und unlauteren Gebahren auf jedem Gebiete des öffentlichen und wirthschaftlichen Lebens mit voller Schärfe entgegenzutreten. Jedes gesetzgeberische Vorgehen, das in dieser Richtung mit Erfolg einzugreifen geeignet ist, werden wir mit voller Hingebung unterstützen." Wir auch! — Zu den Urwahlen für den hessischen Landtag haben die Böckelschen Antisemiten und oie Ultramontanen ein Kompromiß abgeschlossen. — Dr, Felix Klemperer hat sich als Privatdozent für innere Medizin und Larpngologie an der Universität zu S t r a ß b u r g habilitirt. - Die Königin-Regentin der Niederlande hat dem General- Prokurator am Gerichtshöfe in Curacao, Herrn Salomon Henriques, die Würde eines Ritters des Niederländischen Löwenordens verliehen, während der Polizei-Ober-Jnspektor im Amsterdam, Herr Boas, auch ein Jude, die goldene Ehren-Medaille erhielt. - Bei den letzten Wahlen in Italien wurden zwei Israeliten: Willenburg und Karp gewühlt, sodaß jetzt in den Parlamenten 15 jüdische Abgeordnete sitzen. — Am 16. August langten in Algier auf dem englischen Schiff „Prudentia" 180 russische Emigranten jüdischen Glaubens an. Das Komitee zur Unterstützung russischer Juden bot ihnen Nahrung und Obdach und erwirkte für sie Schiffskarten nach Marseille. Die Juden in Wilna haben, nachdem ihnen die Nachricht geworden war, daß der Großfürst Sergei Alexandrowitsch zu Gunsten der Stadt Wilna, speziell der dortselbst durch Wassernoth zu Schaden gekommenen Juden eine Spende von 1000 Rubel gewidmet habe, einen Gottesdienst für das Wohl des Großfürsten abgehalten. Die Aeltesten der Gemeinde sandten ein Danktelegramm an den Großfürsten nach Moskau und erhielten folgende Antwort: „An den Generalgouverneur General Orscheskij. Die Großfürstin und ich bitten Sie, unseren Dank der Wilna'schen jüdischen Gesellschaft zu übermitteln für das liebenswürdige Telegramm der Mitglieder der geistlichen Verwaltung. Wir sind herzlich erfreut, daß wir die Nothleidenden trösten konnten." — In Rußland (Slonim und anderen kleinen Städten) sind bereits wiederholt Thorarollen gestohlen, nach Amerika geschickt und dort verkauft worden, infolgedessen die Rabbiner in Amerika beschlossen haben, nur von befugten Thorarollenschreibern die Thorarollen demnächst zu erwerben. — In der Türkei nehmen die Juden eine immer bessere Stellung ein. Jüngst wurde Robert Effendi (Misrachi) zum Direktor des politischen Departements Adrianopel ernannt. Die gleiche sehr wichtige Stellung bekleiden schon drei Juden: Jussuf Effendi (Criger) für Salonichi, Victor Effendi für den oltomanischen Archipel urd Vatali Effendi (Sassoon) für Bagdad.— Herr Stöcker wird, wie die Kölnische Ztg. berichtet, aus den Vereinigten Staaten von Amerika bitter enttäuscht zurückkehren. Herr Stöcker glaubte, daß die Amerikaner ihm in hellen Schaaren Zuströmen würden, und Bruder Moody, der Impresario des Herrn Stöcker, war derselben Ansicht. Herr Stöcker hat am 0. d. M. zum ersten Male in Chicago gepredigt, es waren im Ganzen nur 500 Personen erschienen, die einen rein theologischen Vortrag zu hören bekamen; denn getreu dem eingegangcnen Vertrag hielt sich Herr Stöcker von jeder Polemik fern, mit keinem Worte berührte er die Judenfrage. AmerikanischeZeitungen prophezeien, daß nach dieser Premiere Herr Stöcker ohne jeden Erfolg nach Berlin zurückkehren wird. — Zwischen den Hindus und Mohammedanern gab es in Bombay vor Kurzem religiöse Streitigkeiten, wobei leider sehr viele Juden, welche als Jsmaeliten angesehen wurden, von den Hindus erschlagen wurden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für bte Redaktion - Mar Bauchwitz in Berlin