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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-29 · Heft 39 (29.9.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 39 (29.9.1893)
Date
1893-09-29
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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fügt, daß die Schüler der Anstalt gleich denen der beiden Neligionsschulen der Synagogen - Gemeinde von dem Religionsunterricht ihrer Schule durch ein Zeugniß des Anstaltsdirigenten entbunden werden können. — Heute fand in der Aula der höheren Bürgerschule (Nikolaistadtgraben 20) zur Feier des 70. Geburtstages und des »0 jährigen Jubiläums der Lehrthätigkeit des Herrn Rabbiner Dr. P. Neustadt statt. Ein zahlreiches Publikum, bestehend aus Freunden und Bekannten des Jubilars, wohnte der Feier bei, die um 3 Uhr Nachmittags ihren Anfang nahm. Ansprachen hielten die Herren Rabbiner Dr. Rosen - thal, Goldstein, Dr. Louis Neustadt, der älteste Sohn des Jubilars, welcher an der "Anstalt unterrichtet und zugleich dem Vorstände des Montesiore * Unterstützungs - Vereins für Schüler angehört, Theodor Oschinsky (im Namen der Gemeinde), worauf der würdige Jubilar erwiederte. Auch Schiller der Anstalt hielten Vorträge und Deklamationen. Herr Dr. Neustadt wllrde and) durch Adressen und Geschenke ausgezeichnet. Herr Oberkantor Steifluann (Eerini) verschönte die Feier durch gesangliche Vorträge. ff. Breslau, 21. September. Die am 8. d. Mts. Seitens dyr Regierung erfolgte Bestätigung des Herrn E. Eerini als Oberkantor der Breslauer jüdischen Gemeinde hat weit über die Grenze Breslaus hinaus großes Aufsehen erregt und bildet gegenwärtig in den jüdischen Gemeinden der Provinz Schlesien ein beständiges Gesprächsthema. Herr E. Eerini, der unter dem Lärmen Steifman — Eerini ist der Künstlername — als Vereins- und Konzertsänger sich s Z. auch in Berlin großer Beliebtheit erfreute, wurde 1859 in Rusham, einem kleinen polnischen Städtchen des Gouvernements Loinsa, geboren und fungirte von 1879 ab in Zagrowa bei Kalisch einige Jahre lang als Chasan und Schochet. Ein unwiderstehlicher Bildungstrieb veranlaßte den jungen Manu, nach Deutschland zu gehen, um in der Kgl. Akademie für Musik zu Berlin unter spezieller Leitung des Prof. Engel sich einer umfassenden musikalischen Ausbildung zu befleißigen. 1891 fand er Engagement bei der Bühne des hiesigen Stadttheaters um ein Jahr darauf von der hiesigen jüdischen Gemeinde an Stelle des im März 1892 verstorbenen Deutsch zum Oberkantor der neuen Synagoge am Schweidnitzer Stadtgraben gewählt zu werden. Soweit hat die Sache weiter nichts Ungewöhnliches. Das ungewöhnliche Ende kam erst nach der Wahl des Herrn Eerini. Die Regierung in Breslau hat, im Gegensatz zu der Regierung in Berlin, welche Herrn Tragotschin als Kantor bestätigte, Cerinis Wahl als die eines Ausländers nicht bestätigt. Dieser Fall einer Nichtbestätigung einer mit Einstimmigkeit erfolgten Wahl erregte hier Aufsehen. Denn der religiösfronune, herzensgute, mit phänomenalen Stimmmitteln begabte Eerini hat sich bereits die Liebe und Anhänglichkeit aller Breslauer Bürger in hohem Grade zu erwerben gewußt. Das Publikum erfuhr jedoch bald die Ursache der Regierungsmaßregel, welche eine ganz natürliche Erklärung fand. Eine Anzahl hiesiger Glaubensgenossen — man nennt hier die Namen — hatte sich nicht entblödet gegen den neuen Oberkantor anonyme Denunziationen einzureichen, in welchen der harmlose Eerini der unglaublichsten Dinge beschuldigt wurde, worauf die Regierung eben nicht anders konnte als der Wahl des Ausländers ihre Bestätigung zit versagen. Zur Freude aller Freunde einer guten jüdischen Synagogenmusik ließ sich jedoch Herr Eerini durch den ersten Mißerfolg von seinem Vorhaben, von der Oper zur Kirchenmusik überzugehen, nicht abschreckeu Da ein eingereichtes Naturalisationsgesuch von dem Minister Eulenburg abschlägig beschieden wurde, ging er nach Straßburg, wo er einige Gastrollen am dortigen Stadttheater gab und als Troubadour die Herzen aller Musikfreunde im Fluge eroberte. Eine große Anzahl sehr einflußreicher Personen, darunter auch die Gemahlin des Ministers des Innern von Elsaß-Lothringen, Frau von Puttkamer, befürwortete seine Naturalisation, welche auch bald erfolgte. Herr Eerini wurde nun zum zweiten Male zum Oberkantor gewählt, und die hiesigen Behörden konnten nicht umhin, als die Wahl zu bestätigen. Die Freude des Breslauer Judenthums über den neuen Kantor Eerini hat dieser nun durch seine Leistungen am Rosch - Hasehana vollauf gerechtfertigt. In Eerini ist Breslau ein Kantor entstanden, der tüchtige musikalische Kenntnisse und eine große, schöne Stimme mit einer ausgezeichneten Diktion und einer geschickten Wiedergabe der altjüdischen Melodien vereinigt. Bemerkt sei noch zum Schluß, daß in Breslau, im Gegensatz zu Berlin, der Oberkantor innerhalb der jüdischen Gemeinde eitlen sehr großen Einfluß besitzt Möge Herr Eerini diese vom seligen Deutsch für den Oberkantor in Breslau errungene achtbare Stellung behaupten und möge es ihm gelingen, diese seine Stellung zur Förderung höherer jüdischer Ideale zu benutzen. 0a. Aus Schlesien, 16. November. Die Synagogen-Gemeinde in Myslowitz faßte jüngst den Beschluß, zum Neubau einer Syn<n gog e bei der Provinzialhilfskasse für Schlesien ein in 42 Jahren amor I tisirbares Obligationsdarlehen in Höhe von 80,000 Mark aufzunehmen. Seitens des Regierungspräsidenten ist hierzu von Aufsichtswegen die erforderliche Genehmigung ertheilt worden. — Prachtvolle Weihegeschenke spendeten der Synagoge in Pleß anläßlich ihres 60jährigen Bestehens die Herren Steiner und Lob mann aus Berlin, geborene Plesser, und schenkte Ersterer sogar eine goldene Ampel, Letzterer zwei prachtvolle Leuchter. — In Bromberg starb am 8. d. Mts. der frühere Rittergutsbesitzer S. Hoffmann. Der Verstorbene, der früher in Zabrze lebte, war Mitbegründer der dortigen Synagogen-Gemeinde und viele Jahre hindurch Mitglied des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung. — Die Synagogen-Gemeinde in Oppeln, welche wie Sie meldeten, sich zu einem Synagogen-Neubau entschlossen hat, ist mit ihrem Gebot von 30,000 Mark auf das Ehristoph'sche Grundstück mit Mühlgraben die Meistbietende geblieben, so daß an der Zuschlagsabtheilung seitens des Massenverwalters nicht mehr zu zweifeln ist. Mit dem Neubau der Synagoge dürfte also im nächsten Frühjahr begonnen werden. — Der Besitzer des Garderobengeschäftes „Kleiderparadies" Herr Nosenthal in Zabrze hat gegen die Mitglieder des dortigen deutsch-sozialen Vereins Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Die Antisemiten des Ortes hatten Plakate in deutscher und polnischer Sprache anschlagen lassen, in denen sie die Christen davor warnten, im „Kleiderparadies" der „Goldenen 74" und ähnlichen Geschäften Kleidungsstücke zu kaufen, da, wie weiter ausgeführt wird, die Israeliten die Arbeitslöhne Herabdrücken und die Christen schädigen. — In Ottmachau feierten die Gräupner Altman'scheu Eheleute am Sonnabend den 2. d. Mts. die silberne Hochzeit. — Auf die an Sie gerichtete, mir zur Erledigung übersandte Anfrage aus Zawadzky (Oberschlesien), nach welcher Negierungsverfügung die evangelische Volksschulen besuchende Kinder nicht mehr, wie bisher, an Sabbathen und jüdischen Festtagen vom Schulunterrichte dispensirt sind, sondern an demselben Antheil nehmen müssen, theile ich Ihnen nach eingehender Recherchirung bei der zuständigen Regierung in Oppeln mit, daß bei der genannten Behörde von einer derartigen Verfügung nichts bekannt ist. Der betreffende anwesende Regierungsvertreter erklärte, daß seit dem Ministerial-Erlaß vom 5. April 1884, 17 lila 12 676 (Deutsche Schulgesetzsammlung), betreffend die Dispensation des Schulbesuches der jüdischen Kinder am Sabbath und an anderen Feiertagen, keine abändernde Verfügung erlassen wäre, sondern jene weiterhin maßgebend sind. Sollte die Befürchtung Ihres geschätzten Abonnenten nicht auf einem Mißverständniß beruhen, so dürfte es sich empfehlen, dieserhalb bei der Schulbehörde resp. der Königl. Regierung in Oppeln vorstellig zu werden. * Seesen a. H., 21. September. An der hiesigen Jacobsonschule (berechtigte Realschule) fand heute unter dem Vorsitz des Herzgl. Regierungs- Kommissars Herrn Pastor D. Skerl aus Braunschweig die Reifeprüfung statt. Sämmtliche 3 Prüflinge bestanden dieselbe. * Koburg, 22. September. Der verstorbene Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha äußerte sich auch mit tiefer Entrüstung über die antisemitische Hetze in Deutschland, die er scharf verurtheilte. Zu wiederholten Malen hat Herzog Ernst Veranlassung genommen, seinen j Abscheu über das Treiben von Stöcker und Genossen Ausdruck zu geben. Auch einzelnen Juden gegenüber erwies sich der Herzog als ein vorurtheilsloser, gerecht denkender Mann, als ein wohlwollender Freund und Förderer. Es ist bekannt, daß ihn mit dem Bankier Jacob Freiherrn v. Mayer in Koburg lange Jahre hindurch die herzlichsten Beziehungen verbanden. Baron und Baronin Mayer haben anläßlich des Hinscheidens des Herzogs Ernst an die Herzogin-Wittwe ein Kondolenz-Telegramm gerichtet, auf das die Herzogin-Wittwe mit nachstehendem Telegramme geanwortet hat: „Reinhardsbrunn, 23. August 1893 Freiherrn Jacob von Mayer in Koburg. Für Ihre tief zu Herzen gehenden Worte warmen Dank. Was mir des Herrn unerforschlicher Rathschtuß genommen, erkennen Sie vollständig. Möge seine erbarmende Gnade uns bald wieder auf ewig vereinen. Alexandrine Herzogin von Koburg."

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