Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- Seite 466 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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466 Ten Trauernden trösten, sein Elend erleichtern, war Aller Wunsch. Was thun? Der Vorsteher Jsak Heineinann saß nachdenklich in seinem Zimmer, zwei angesehene Gemeindemitglieder waren bei ihm. Was thun? „Ich will's versuchen!" sprach nach langem Hin- und Herreden der alte Jsak. „Gieb mir Mantel und Hut, liebe Sarah," wandte er sich an seine Fra». Er ließ sein Haar pudern, warf den Mantel um, setzte den dreikantigen Hut auf und ging zum Gerichtsgebäude. „Ihr wollt mich sprechen, lieber Heineinann," sagte der alte, gutmüthige Richter Ebel, „gern, gern, was bringt Ihr Gutes? Was steht z» Diensten?" „Ich kämme mit einer Bitte, Herr Richter," antwortete Jsak zögernd. „Wenn ich sie Euch erfüllen kann," fiel der Richter ein, „warum nicht? Was steht zu Diensten?" Die zutrauliche Rede des Richters machte Jsak sicherer, als er sagte: „Ich habe gehört, es sei ein Glaubensbrudcr ins Gefängnis; gebracht worden." „Ja, ja, ein ruhiger Mann, ein kluger Mann mit einem ehrlichen Auge; man sollt's nicht glauben, das; so schwer ein Verdacht auf ihm ruht. Doch, doch, inan irrt sich oft im Menschen, nicht wahr, mein lieber Jsak, nicht?" „Cb schuldig, ob nicht, das zu untersuchen ist nicht meine Sache," antwortete der Alte ruhig, „wiewohl ich glaube, daß ein griter Jude — und das soll er sein — solch ein schwer Verbrechen nicht begeht." „Mein lieber Heineinann," sagte Ebel fest, „es giebt auch schlechte Juden." „Wohl, wohl, auch schlechte Christen, doch, wie gesagt, ob schuldig j oder nicht, das zu untersuchen ist nicht meine Sache. Ich komme j mit einer Bitte. Herr Richter weiß, daß wir Juden, so lange es eben; möglich ist, unsere Speisegesetze halten. Drum wollt ich fragen, ob es nicht angcht, daß dem Manne, so lauge er in Untersuchnng ist,; ihm aus unserer Küche täglich Speisen gebracht werden dürfen."! „Gewiß, nach bischöflichem und Reichsgesetz ist das zulässig,"! antwortete der Richter, und indem er eine Amtsmiene aussetzte, fügte er hinzu: „Doch hat so ein Fall auch seine Bedenken!" „Macht mich mit meinem ganze» Vermögen für die Folge verantwortlich," sagte Jsak schnell. „Ich glaub Euch, lieber Jsak, doch gebt's zu Papier; man könnte der Sache sonst von oben mißtranen." Jsak Hcineniann folgte dem Richter in die Amtsstube, und dort unterschrieb er den Revers. (Fortsetzung folgt.) Aus meinen Iugenderrnnerungen. Von Julius Stettenheim. kl. Meine Thätigkeit auf dem Gebiete der primitivsten Journalistik, der handschriftlichen Herstellung eines einzigen Exemplars, ivar mir, wie ich erzählt habe, oft genug übel bekommen, indem ich allmälig einer der treuesten Stammgäste der Kerkerkistc der israelitischen Freischule in Ham-! bürg geworden war. Die Haft, die ich im Karzer abstand, — ich muß dies! Wort für „absaß" wählen, weil der Karzer ja nichts als ein geschlossenes! Schilderhaus war, —hat freilich nicht vermocht, mich von derJournalistik zu trennen, aber sie überzeugte mich von der Nothwendigkeit, fortan meine Thätigkeit den Augen der meinem Ideal nicht reifen Welt zu entziehen. Welch eine Allfgabe, ja welch ein Widerspruch, heimlich; zu publiziren! Es war ohnedies schon schwer, für mein Elternhaus j immer neue Erklärungen meines verspäteten Erscheinens zu erfinden, wenn ich nach überstandener Hast heimkehrte. Besuche bei Schulkameraden, oder Aufenthalt durch Ereignisse, die sich auf der Straße abspieltcn, wurden kaum noch geglaubt. Ich erinnere mich, daß damals die edle Frau Justitia die Rohheit besaß, gewisse Verbrecher öfseutlich an den Pranger zu stellen. Dieser widerliche Akt wurde auf dem Großneumarkt vor der Wache vollzogen, wohin der Verurtheilte von grotesk uniformirten Nachwächtern gebracht wurde, um stundenlang öffentlich ansgestellt zu werden, während auf einem ihm an die Brust gehängten Brett den ihn angaffenden Zuschauern mit großen Lettern angekündigt wurde, wie er zu so großem Ansehen gekommen sei. Das Ganze war ein abscheuliches Ueberbleibsel aus der guten alten Zeit, an welche meine schöne Vaterstadt übrigens durch noch niauche andere Ungeheuerlichkeiten erinnerte. Die Schuljugend bildete natürlich eine» beträchtlichen Theil des Stommpilblikums bei dieser traurigen Strafvollstreckung, und wenn eine solche stattfaiid, so hatte jeder Schlingel eine vortreffliche Erklärung für sein unpünktliches Nachhausekommen, und dann und wann paßte sie mir außerordentlich gut, wenn ich einmal wieder ans Grund des strengen Schulstrafgesetzbuches verpackt worden war. Aber häufig auch fiel mein Arrest nicht mit einer der geschilderten öffentlichen Exekutionen zusammen, und dann war es mir nicht leicht, eine Entschuldigung für mein langes Ausbleiben zu finden. Dann war ich in einer höchst peinlichen Lage. Mein Vater durste nicht erfahren, daß ich mich mit anderen als mit meinen Schularbeiten beschäftigte. Es Hütte ihm Kummer gemacht, und dieser Kummer würde sich in jedem einzelnen Fall sehr lebhaft und in empfindlicher Weise auf meinem Rücken geäußert haben. So hätte ich denn für meine jonrnalistische Thätigkeit ein Doppelhonorar, in der Schule und im Hause, einkassirt, und das schien mir denn doch ein etwas zu reichliches. Die Gefahr wuchs, nachdein ich in der Nuinmer des „Mephistopheles" vom 6. August 1848 meinen ersten Beitrag gedruckt sah. Das Ding hieß: „Volksdeputationslied", war nach der Melodie „Es ritten drei Reiter zu»i Thore hinaus" vcrsifizirt und besang den unglücklichen Verlauf des Enipfangs einer Deputation beim Könige von Preußen. Unterzeichnet habe ich das naive Machwerk mit dem letzten Buchstaben meines Namens, mit — rn. Natürlich habe ich es damals, als 16 jähriger Anfänger, minder wegwerfend beurtheilt. Ich hielt es selbstverständlich für eine Meisterleistung. Wer hätte seine erste Publikation nicht für eine ganz hervorragende gehalten und angesichts derselben nicht geglaubt, er stehe plötzlich an der Seite der bedeutendsten Schriftsteller, bewundernd augeschaut von seinen Zeitgenossen? In aller Heimlichkeit hatte ich mein Manuskript mit einigen anonymen Zeilen an die Redaktion geschickt, und in aller Heimlichkeit versuchte ich dann, mich an meinen gedruckt vor mir liegenden Strophen satt zu sehen, während mein Haupt mit einem unsichtbaren Lorbeerkranz geschmückt war. Ich traute in der ersten Viertelstunde meinen Augen nicht, als ich meine Verse gedruckt sah, erst allmälig gewöhnte ich mich an das entzückende und merkwürdige Schauspiel, und dann wurde ich von einem Stolz beseelt, der die Heimlichkeit, mit der ich ihn vor aller Welt verbergen mlißte, nicht wenig gefährdete. Eine junge Mutter kann ihr Erstgeborenes nicht mit mehr Zärtlichkeit anblicken, als ein Autor das erste Kind seiner Binse. Noch indem ich diese Zeilen schreibe und auf meine ersten Verse in der vor mir liegenden vergilbten 43 Jahre alten Nummer des „Mephistopheles" blicke, ist mir gar seltsam uin's Herz, wenn auch nicht wie damals, vor 43 Jahren, aber es ergreift mich doch ein Gefühl, für welches ich keinen ganz bezeichnenden Ausdruck finde. Das erste Gedruckte übt eben ans den Anfänger einen unbeschreiblichen Jaube > erster Ile» k us z> 00N01 aehr -einer rr w [ e.nfan fasse, Mutb vurdl nid l ils ei öald vard werke 8eda ni dl vürd Hufe] chlin nutzst 1)01111 nutet) Die i brach Den \ oer •' Mau war Borl hatte Gon unai noch So aller polil Ben Rep Die „Vö übei der Hai ives hast geil auf dur frie Da kein den