Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- Seite 465 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit der Ruhe eines Weisen nahm er die Mittheilung auf. Seine Unschuld, sagte er, müsse für ihn zeugen. Als das greise Elternpaar ihn erblickte, fingen sie laut zu weinen an. Für den Augenblick verlor er seine Seelenruhe, und ob er auch die Thräuen unterdrücken wollte, der Eltern Schmerz bewegte ihn zu tief, und mit zitternder Stimme bot er Vater und Mutter den gewohnten Gruß: „Frieden mit Euch!" Hoch richtete sich die kranke Riwke im Bette auf, und die Hand ihres Markus in der ihren haltend, sprach sie schnell: „Brauchst nichts zu sagen, Markus, daß Du unschuldig bist — ich, der ich Dich unterm Herzen getragen, kenne Dein reines Denken und Empfinden. In Dir ist nichts Falsches, nichts Schlechtes, mein Kind! Aber was thut's, mein Sohn, tvas thut's? Man wird gegen Dich zeugen, gegen Dich schwören, schwören beim Namen des allwissenden Vaters — o Gott! — man wird schwören und Dich vernrtheilen, und mein Sohn sitzt bei Mördern und Dieben! Himmlischer Vater, ich ertrag's nicht!" „Mutter, liebe, gute Mutter, rege Dich nicht auf," antwortete Markus, und der Schmerz der Eltern machte ihn zittern. „Mutter, Vater, beruhigt Euch, mag man zeugen und schwören, meine Unschuld wird erkannt werden; eine innere Stiinme sagt's mir. Es kann nicht sein, kann nicht sein, daß Gott so schwer die Hand auf uns legt. Was jetzt kommen mag, ertragt es mit Geduld und Fassung. Gott verläßt uns nicht!" Gottvertrauen! Ein Engelein ist's, das vom Himmel hcrniedersteigt und Trost ins gebeugte Menschenherz bringt. Durch Sturm und Wetter kommt's geflogen und kehrt in die wankende Hütte des Elends ein und läßt hoffnungsvoll die Augen des Betrübten leuchte». An das Bett des Siechen setzt sich dieses Engelein, vor die Thiiren des Kerkers, unter das Dach des Armen; in die Oede des Bedrängten und Befeindeten folgt es, durch gähnende Abgründe und Schluchten, dunkle Wälder und einsame Wüsten. Vom Himmel hat dies Engelein eine sanfte Melodie geholt und in des Dichters Saiten gelegt: „Nicht fürchte dich vor dem Schrecken der Nacht, vor dem Pfeile, der am Tage schwirrt, vor der Pest, die im Dunkeln schleicht, vor Seuche, die am Mittage verheert." Immer und immer wieder tönt dieser Himmelssang von diesen Saiten wieder und will nicht ausklingen. Auch sie hörten den Sang, das greise Elternpaar und der weise Sohn. Denn das Engelein war gekommen und hatte leise die Thür geöffnet, daß der süße Klang laut und vernehmlich das Ohr der Betrübten erreichen konnte. Denn das Engelein war gekommen und pflanzte das Lied in das Herz der Gebeugten, und Hoffnung keimte in ihrem Busen auf. Markus sah die Wirkung seiner Worte und fuhr fort: „Mag sein, man wird mich verhaften, verhören, aber vernrtheilen kann man mich nie und nimmer." Die bange Mutter wollte Einwendungen machen. „Nein, nein, liebe Mutter, nie und nimmer. Mögen hundert Zeugen wider mich aufstehen, der allwissende Gott wird die Wahrheit an den Tag bringen, des bin ich sicher. Drum seht dem, was kommen mag, ruhig entgegen. Betrachtet dies Alles als Prüfung, aus der ich, so Gott mir Kraft giebt, geläutert hervorgehen werde." Der Vater sah den Sohn lange und bedenklich an, dann sprach er: „Die Tage meines Alters schienen mir nur durch meinen Sohn verherrlicht. Wenn ich nun denken soll, Deine Stimme nicht mehr zu hören, in Dein treues, liebes Auge nicht mehr zu sehen, mein Gott, was Hab' ich gethan, daß Du mich so schwer heinisuchst?! Ich bin zu alt, um dies furchtbare Schicksal zu ertragen, zu jung, um mit meinem Sohne nicht zu fühlen, was es heißt, fern von Vater und Mutter ei» elend Dasein fristen." Der Greis weinte bitterlich. „Vater, sprich nicht so," ermunterte Markus, „hast Du, mein erster Lehrer mich nicht gelehrt, daß Alles Gottes Schickung ist; hast Du mir nicht hundertmal ans Geschichte und Leben bewiesen, daß der Unschuldige niemals untergeht. Willst Du jetzt, mein treuer Lehrer, mein geliebter Vater, da Du die Wahrheit Deiner Lehre an Deinem eigenen Sohne erproben kannst, verzagen?" Das Engelein war wieder im Gemache, hatte lauter die Saiten seines Sängers erschallen lassen und weiter die Thür geöffnet, und hell und voll erscholl durch dunkle Nacht der ewige Sang. Nicht die Tobenden und Wüthenden, nicht die Heuchler und Meineidigen vernahmen ihn, nur sie, die Betrübten, hörte» ihn, und er zitterte lange nach iir ihrem Busen. „Gute Nacht denn, liebe Mutter, gute Nacht, theurer Vater," sprach Markus, reichte dem greisen Elternpaar die Hand und verließ das Gemach. Noch früh am folgenden Morgen war's, als die Katharine, ein altes Weib mit gelbem, runzligem Gesicht, ins Zimmer Jakob Cohns trat. Er hatte ihr, da sie seit Jahren Wittwe war, viel Gutes erwiesen. Noch häßlicher erschienen ihre Züge, als sie schnell zu Jakob hintrat, ein Kleid und einige Schürzen ins Zimmer tvarf und schrie: „Hier babt Jhr's wieder. Ich will von denen nichts, die die Kirch' bestehlen. Es war mir schon lang', wenn ich dies Kleid trug, als wenn der böse Teufel mir im Gedärm sitze. Herr Jesus, züchtige dies Judenpack! —" sprach's, und mit geballten Fäusten verließ sie das Haus. Ein Polizist trat ein und sagte, zir Markus gctvandt: „Du solltest zum Amte kommen, läßt der Schulze sagen." „Ich folge," erwiederte Markus, ging ins Gemach, berichtete von seinem Gange und entfernte sich. „Ich habe den Auftrag vom Staatsanwalt," begann der Schulze, „Euch im Namen des Gesetzes zu verhaften und Euch dem Bezirksgefängniß zu Paderborn zu überliefern." Er machte eine Pause. Dann fuhr er fort: „Euer guter Ruf und mit Rücksicht mif Eure braven Eltern laß ich Euch heute Nacht zum Gefängnis; führen." „Meine armen, alten Eltern," rief Markus. Seine Ruhe verließ ihn, und gesenkten Hauptes folgte er dem Diener des Gesetzes. * „Ganz Israel war ein Hans!" Die Ehre, die dem Einen erwiesen wurde, galt dem ganzen großen Hause, die Freude, die den Einen erfaßte, ließ alle Glaubensbrüder jubeln, die edle That eines Israeliten, die hier und dort gepriesen wurde, machte Alle stolz. „Einer von den Unser» war's, dem dies geschehen, der dies gegethan," hieß es, und der Mann verkündete es seinen Freunden, der arme Wanderer der Gemeinde, der Vater erzählte esseinen Kinder», daß es sie zum Guten ansporne. „Ganz Israel ein Haus!" Aber auch, wenn das Unglück über den Einen hereinbrach, da fühlten sie Alle, Alle mit. Und hatte man ihn nie gesehen, nie seinen Namen nennen hören, er war ein Jude, ein Glaubens- und — ach! — ein Leidensgenoffe, der Schmerz drückte Alle nieder, als wäre es ihr Kind, ihr Bruder. Auch in Paderborn verbreitete sich schnell die Kunde, daß ein Mann, des Kirchenraubes beschuldigt, dem Gefängnis; überliefert sei.