Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- Seite 461 (sequence 7)
- Language
- German
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Vienuonsiis. U Briefe aus Rußland. VlII. Endlich haben auch die antisemitischen Zeitungen bei uns ihren Ton geändert. Damit sei aber nicht gesagt, daß sie die Inden jetzt als nützliche Bürger des russischen Reiches anerkennen wollen, nein, so was den russischen antisemitischen Zeitungen zuzumuthen, wäre ein Attentat auf ihre „Moral". Die Juden sind in der That eben dieselben wie gewesen, aber.... trotzdem muß man Mittel suchen, ihrer schrecklichen Armnth abzuhelfen. Auch Fürst Meschtscherski, der Redakteur des „Grashdanin", und Suworin, der Redakteur der „Nowoja Wremja", haben doch endlich eingesehen, daß man alle Juden aus ihrem heiligen Lande nicht verjagen kann. Wie groß auch die Verfolgungen und Unterdrückungen der Juden sein mögen, ist es doch unmöglich, sich von ihnen vollständig zu befreien. Die Emigration nach Amerika ist zwar sehr stark, die Auswanderung nach Argentinien und Palästina wird auch bedeutend, aber Juden werden immer noch in Rußland bleiben, und für diese muß Rath geschaffen werden. Ihre Lage in dem jüdischen Rayon, wo sie, wie die Heringe im Fasse znsammengepreßt leben, spottet jeder Beschreibung. Und der einzige Rath, meint Meschtscherski wie auch die andern Antisemiten, ist, die Juden zum Ackerbau, selbstverständlich mit Vorsicht und Beschränkungen, zuzulassen. Vor einigen Jahren behaupteten die Antisemiten, die Juden taugen überhaupt nicht zum Ackerbau, jetzt aber nicht mehr, weil die ganze russische Welt das Gegentheil weiß. So ist es bekannt, daß in den Gouvernements Minsk, Wilna, Kowno und in einem großen Theil von Kleiurußland >lud Polen der Gemüse- und Obstbau in jüdischen Händen liegt, die Bauern verstehen dagegen damit gar nicht umzugehen. Und tvie viel Mühe und Anstrengung letzterer fordert, kann ein Jeder leicht begreifen. Während Getreidebau nur ztveimal jährlich Arbeit fordert, verlangen Gemüse- und Obstbau solche anstrengende Arbeit den ganzen Sommer hindurch. Wie groß die Zahl der jüdischen Gemüse- und Obstgärtner sein mag, können wir schon daraus entnehmen, daß sie besondere Vereine und Synagogen haben. Aber auch mit Getreidebau beschäftigen sich die Juden, so weit es nur möglich und gestattet ist. Außer den mehreren tausenden jüdischer Kolonisten im Gouvernement Cherson und Jekaterinoslaw, die ihren eigenen Boden und Acker haben, giebt es hunderte von Familien, die Land von ihren benachbarten Bauern pachten und dasselbe mit Getreide bebauen. In Soroki, Bessarabien, haben hundert jüdische Familien von der Gemeinde Land zum Getreidebau gepachtet, welches sie selbst bearbeiteten; auch in Baar, Gouvernement Podolien, sind in diesem Sommer fünfzig Familien mit Getreidebau beschäftigt. Die Zahl der jüdischen Ackerbauer wäre noch vielfach größer, wenn sie nur Land zu pachten fänden. Daß sie mit Pflügen und Sensen umzugeheu verstehen, können wir schon aus nachstehenden Fällen ersehen. In Paine, Gouvernement Kieiv, befahl der liberale Graf Schmvalow, auch Juden auf seinen Gütern zu beschäftigen. Auf den vom Verwalter erlassenen Aufruf meldeten sich gleich 500 Personen, darunter Frauen und Kinder, und sämmtliche Personen arbeiten schon seit sieben Wochen musterhaft auf den Feldern als geborene Ackerbauer. Graf Schuwalow überraschte die Arbeiter auf den Feldern und überzeugte sich von ihrem Fleiß. Bei Ananjew, Bessarabien, sind in diesem Jahre mehr als achtzig jüdische Familien auf deu Feldern der christlichen Gutsbesitzer als Tagelöhner beschäftigt. In Waranowiza sind siebzig Juden, in Zarischißka hundert als Tagelöhner auf den Feldern thütig. Also Beispiele genug, daß die Juden auch zum Ackerbau fähig sind. Die Verwaltung des jüdischen Waisenhauses zu Odessa veröffentlicht jetzt einen Bericht über den Zustand desselben, aus welchem Ivir uns nochmals überzeugen können, daß diese wohlthätige Anstalt einzig in ihrer Art bei uns in Rußland dasteht. Die Zahl der Zöglinge beiderlei Geschlechts beträgt 162 (110 Knaben, 52 Mädchen), für welche auf das Beste gesorgt wird. Außer einer gründlichen Elementarbildung, ivelche die Kinder von vorzüglichen Pädagogen erhalten, lernen sie zugleich ein Handwerk, tvelches sie später ernähren könnte. Auch eine große Ackerbauschnle, dazu selbstverständlich Wiesen und Aecker, ist mit dem Waisenhause verbunden, wo die Zöglinge den Ackerbau unter Leitiing eines tüchtigen Agronomen gründlich erlernen. Die Einkünfte des letzten Jahres von Privatspenden, Prozenten des angelegten Fonds und endlich von Früchten und Getreide des bei der Ackerbauschnle von den Zöglingen bebauten Landes betragen 90,000 Mk., während die Ausgaben zur Erhaltung des Hauses, Honorar der Lehrer, Kost und Kleidung der Zöglinge, Anschaffung verschiedener Instrumente 78,500 Mk. forderten. Die Summe des eisernen Fonds dieser Anstalt beträgt 3,000,000 Mk. Seitdem die Juden aus Moskau ausgewiesen wurden, lvurde die jüdische Gemeinde in Warschau, die ohnedies die größte jüdische Gemeinde in Rußland bildet, mehrfach verstärkt. Da bis jetzt nur eine Synagoge dort ist, wo Gottesdienst mit Chor und Predigt nach dem Muster der abendländischen Juden abgehalten wird, und die übrigen Bethäuser nur aus Privat-Lokalen bestehen, so wird jetzt unternommen, eine zweite Synagoge zu bauen. Der Plan wurde von einem Moskauer Juden entworfen und von allen anderen litauischen Juden, die in Warschau mit dem Namen „Litwakes" gekennzeichnet werden, unterstützt. Die Erlaubniß zu diesem Bethause zu bekommen, ist sehr leicht, zumal der Oberpolizeimeister schon öfters den Wunsch geäußert hat, die jüdische Gemeinde möchte mit den Privatbethäusern ein Ende machen. Nach einer neuen Statistik befinden sich jetzt in Warschau 361 jüdische Privatschuleu, wo die jüdischen Schüler in den Elementar- Fächern wie auch in Religion unterrichtet werden. Die Zahl der Schüler steigt bis auf 14,192. Die übrigen jüdischen Kinder besuchen die öffentlichen Schulen, wie Gymnasium, Realschule, Handelsakademie u. s. iv. Der Verein der jüdischen Handlungsgehilfen zu Warschau, dessen Zweck ist, sich gegenseitig bei Uuglücksfällen zu helfen, hat einen Bericht veröffentlicht. 465 Mitglieder zählt gegenwärtig dieser Verein; sein Fonds zur Unterstützung von Waisen und Wittwen beträgt 10,953 Al. In der von ihm neu eingerichteten Lesehalle befinden sich 2581 Bünde und 20 Zeitungen und Zeitschriften. Was wir aber ganz besonders hervorheben wollen, ist die Handwerkerschule, tvelche der Verein für die Kinder seiner Mitglieder gebaut hat; 94 Schüler befinden sich jetzt in derselben, wo sie sich zu tüchtigen Handwerkern ansbilden. In dem kleinen Städtchen Rosowo, Gouvernement Minsk, fungirt schon seit 25 Jahren der Rabbiner D., der kümmerlich sein Auskommen hat. Vor 16 Jahren hatte er 400 Al., die ihm zur Verwahrung gegeben wurden, verloren, und seit dieser Zeit hat er das Letzte gespart um die Summe von 400 M. zu sammeln. Sein Nachforschen und Nachsuchen war dann vergebens. Jetzt nach 16 Jahren hat sich