Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- Seite 458 (sequence 4)
- Language
- German
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458 hältnissm für die Erhaltung der Thora die schwersten und größten Opfer gebracht habend) Eine besonders wichtige Aufgabe füllt aber unseren Rabbinern und Lehrern zu. Sie haben vor Allem die heilige Pflicht, für diesen idealen Zweck zu wirken; sie sind die berufenen Hüter des Gotteswortes, mögen sie vor Allem dafür sorgen, daß in allen Gemeinden Israels für die Kenntnis; und Erkenntniß dieses Gotteswortes würdige Statten errichtet werden. Rur so, nur durch das Zusammenwirken aller Kräfte, der Rabbiner und der Lehrer, der Großen unb Reichen, ja aller Männer und Frauen, die ein Herz haben für das Judenthum und einen warmen Sinn für die Erhaltung seiner hohen Lehre, kann das große Ziel erreicht werden, j O, daß unser Wort nicht ungehört verhallen möchte, daß es Eingang in die Herzen fände und dort den Funken der Begeisterung weckte für die idealen Ziele: Verbreitung der Lehre und der Geschichte Israels in allen Kreisen! Dann werden wir wieder mit voller Innigkeit das Frendenfest der Thora feiern und mit unseren Alten allsrufen können: Dies ist die Thora, dies das Wort, Das Gott uns hat gegeben. Das; wir's bewahren fort und fort Und tragen durch das Leben.! Weis' aus, Volk Juda, hoch sie auf,! Tu darfst mit Stolz sie zeigen!; Me Woche. Berlin, 27. September.! Jede Woche bringt jetzt einen Blutbeschuldigungsprozeß. Man j glaubt sich wahrhaftig in die finstersten Zeiten des Mittelalters ver-! setzt. Auch au dem Ausgang der Prozesses in Wrazza in Bulgarien konnte nur der zweifeln, der etwa irgend welche Bedenken gegen die Rechtspflege in jenen Landern zu hegen geneigt war. Aber ailch diese Bedenken erwiesen sich als unrichtig: Wie die anderen „Ritualmordprozesse", so ist auch dieser wieder zu Gunsten der Beschuldigten, zu Ungunstcn der Auschuldiger verlaufen und hat abermals erwiesen, wie viel böswilliger Schwindel in Szene gesetzt wird, um die Gerichte zu veranlassen, einen derartigen Prozeß einzuleiten. Die Antisemiten wird diese Zurückweisung freilich llicht abhalten, demnächst, wenn es ihnen paßt, wieder mit dem albernen Blntmärchen herausznkommen, uln es für ihre Zwecke auszunützen. Inzwischen suchen sie denselben Paulus Meyer, mit dem sie so lange in Parade aufgezogen, von ihren Rockschößen abzuschütteln. * Antisemitische Blatter hier und in Wien jannnern ein ergreifendes Tliett darüber, daß der Papst in Frankreich zu Gunsten des „jüdischliberalen Opportunismus" eingegriffen habe, daß die Synagoge in Frankreich „fast zum Range einer Staatskirche" aufgerückt sei, und daß sich unter den Leitern und Verleiteten der tschechischen Bewegung, die von jenen Blättern deshalb eine tschechisch-jüdische Bewegung genannt wird, viele Juden befänden. Ist das Erste eine alberne j Phantasie, so muß das Zweite eine nichtswürdige Lüge genannt werden. Gerade im Gegentheil: Nur unter den Alttschechen sind Juden, die Jungtschechen dagegen haben sich wiederholt mit den Antisemiten verbündet und sind uns keineswegs wohlwollend gesinnt. Für die „nationale" Gesinnung der Antisemiten ist übrigens die Thatsache recht bezeichnend, daß bei dem jetzt ill Prag herrschenden *) Die Redaktion dieses Blattes ist gern bereit, Spenden für den > „Fonds zur Begründung jüdischer Litteraturvereine" entgegen zu nehmen und in diesem Blatte darüber zu quittiren.! Ausnahmezustände außer den tschechischen Blättern auch der antisemitische, der Schönerer'schen Richümg angehörende „Deutsche Volksbote" unter Präventivcensur gestellt worden ist. Ferner die Thatsache, daß das Wiener Organ jener Partei, die ihr Programm nur mittelst Ausnahmegesetzen gegen die Juden durchführen könnte, die Verordnung des Gesammtministeriums eben als Ausnahmegesetz perhorreszirt. Die Konservativen machen jetzt sehr entschieden Front gegen den Antisemitismus. Die „Rordd. Allg. Ztg." sagt: „Die Maß- und Ziellosigkeit der agitatorischen Forderungen, die demagogische Methode der Propaganda, die Abwesenheit jeder Neigung, auf bestehende Rechtsverhältnisse wie auf die Grundbedingungen unseres monarchischen Staatslebens Rücksicht zu nehmen, mußte bald erkennen lassen, daß die Leiter und Wortführer dieser Agitation kein Mittel ungenützt lassen wollten, um eine Menge von Mißvergnügten hinter sich her zu ziehen, genau nach der Methode der sozialdemokratischen Propaganda. Konservative Prinzipien, konservative Empfindungen, konservative Denk- und Lebensgewohnheiten, - Alles wird gleichmäßig verletzt durch diese rücksichtsloseste und einseitigste Spekulation auf die Eifersuchtsinstinkte der gerade für solche Einflüsterungen überall leicht zugänglichen Massen." Und die „Kreuzzeitung" erklärt feierlichst: „Die konservative Partei wird sich darauf gefaßt machen müssen, demnächst nicht nur gegen die revolutionäre, sondern auch gegen die antisemitische Demagogie einen scharfen unb umfassenden Kampf zu führen." Wer hat denn aber die Letztere entfesselt und großgezogen? Sehr richtig bemerkt darüber die „Nation" in der letzten politischen Wochenschau: „Die Entwicklung, welche der Antisemitismus bei uns genommen hat, ist lehrreich; die Antisemiten sind es, die schließlich den Konservativen den Stuhl vor die Thüre setzen; und die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" findet nachdrückliche Worte gegen die Antisemiten erst, nachdem die Kreuzzeitungs-Konservativen diesen kräftigen Fußtritt erhalten haben. Damit kommt eine Politik zum vorläufigen Abschluß, die genau so weitsichtig war, wie die des Grafen Taaffe gegenüber den Tschechen, und vor der nicht weniger laut gewarnt worden ist. Auch Taaffe benutzte die Tschechen gegen die liberalen Deutschen; auch Taaffe war dann gezwungen, zwischen guten und bösen Tschechen zu unterscheiden; auch Taaffe muhte es erleben, daß die bösen Tschechen politisch schließlich allein etwas zu bedeuten hatten; und das Ende vom Liede ist in Prag der Belagerungszustand. Man kokettirte so lange mit dem berechtigten Kern der tschechischen Frage — nicht aus Ueberzeugung, sondern aus politischer Taktik, bis man dahin gelangt war, die anarchistische Rohheit entfesselt zu haben; und der berechtigte Kern der Antisemitenfrage spielte ja bekanntlich bei uns auch keine kleine Rolle. Die Wirkungen kommen einander nahe; und die Ursachen entstammen verwandten Quellen, wenn sie auch nicht einander gleichzusetzen sind. Das mißleitete Nationalgefühl, Neid und Rohheit, rufen in Prag „Raus mit den Deutschen" und in Deutschland „Raus mit den Juden". Das sind ähnliche Erscheinungen, die im Namen des Germanenthums sich gegen die Juden und im Namen des Tschechenthums sich gegen die Germanen wenden; diese groteske Spiegelung zeigt, wohin die Entfesselung solcher Leidenschaften führt, gleichviel gegen wen sie entfesselt werden." U Ber Blutpro;rß von Uahovo. Am Donnerstag vergangener Woche hatte, wie wir bereits geineldet haben, in Rahovo in Bulgarien vor dem dortigen Kreis- Schwurgericht ein „Ritualmordhrozeß" begoiinen, der an Tisza- Eßlar und Xanten erinnerte. Es waren drei Personen angeklagt: der Kaufmann Johannn Benbusa, dessen Ehefrau Saroutcha Beiibasa und derProdukteiihäudlerHaimLevy, sämmtlich aus Vratza. Sie waren beschuldigt: ein achtjähriges Mädchen, Namens Mitza Georgscheva, vorsätzlich und mit Ueberlegnng, und zwar „zu ritualen Zwecken" getödtet zu haben.