Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 39. Allgemeine Berlin, 29. September 1893. eitung des Audenchuins. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. \ Diese Zeitung erscheint wöchentlich, i Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, j Post oder direkt von der Expedition in Berlin i unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. - Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippjon-Äorm. Verlags-Expedition: Gertin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ttl)rtlt* Leitartikel r Die Freude an der Thora. — Die Woche. — Der Zlutprozeß von Rahovo. — Paulus Meyer und Dr. Deckert. — Briefe aus liußland. VIII. Von Jz. Barfel. — Li oder L? Von Leopold Katz. — Leopold Löw in seinen Werken. Von Dr. S. Na schär. — Feuilleton: Wie mein Urgroßvater meine Urgroßmutter bekam. Von Gustav Eichen grün. (Forts.) — Urs meinen Jngenderinnerungen. Von Julius Stettenheim.il. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, "mrotschin. Schrimm. Breslau. Aus Schlesien, Seesen a. H., Kobnrg, Leipzig, Bruchsal. Wien, Bildapest. London. Jerusalem. — Bon Nah nnd Fern. — Mscellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Geschäftliche Notizen. Me Freude an der Thora. Berlin, 27. September. Die Feste des neuen Jahres, der Versöhnung, der Laubhütte ind vorüber gegangen und es naht das letzte im Reigen der Herbsteste: der Freudentag der Thora, Simchat Thora. Auch an diesem Lage war „heilige Verkündigung". Die Frende an der Lehre gab icn Grundton ab für die fröhliche Stimmung, die Israel an diesem Tage erfüllte. Mit inniger Genugthuung wurde die göttliche Verleihung wiederholt, daß Israels Lehre ewiglich bestehe: „Mein Geist, )er in dir ist, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt >abe, sollen von dir nicht weichen, noch von deinen Kindern und Undeskindern, spricht der Herr, von mm an bis in Ewigkeit." Und wohl mochte Israel in alten Tagen sich des Besitzes der Thora freuen! Hatte es doch schwer genug um dieses sein heiligstes >5ut gekämpft nnd gerungen, hatte es doch diesen kostbaren Besitz vurch öde Wüsten, durch wilde Fluthen, durch Ströme von Blut, mrch flammende Scheiterhaufen muthig nnd siegreich getragen. Und o durfte es mit dem Dichter ausrnfen: Dies ist die Thora, dies das Wort, Das Gott uns hat gegeben. Daß n>ir'§ bewahren fort und fort Und tragen durch das Leben, Weis' auf, Volk Inda, hoch sie auf. Du darfst mit Stolz sie zeigen! Das war in alten Tagen, aber wie anders ist die Stinnnung, die uns heute beherrscht, da wir dem Freudenfeste der Thora entgegen chreiten! Gestehen wir es uns nur ganz offen: die Freude a» der "ehre ist aus Israels Mitte geschwunden. Sie hat einem kalten Jndiffeentismus, oder was noch schlimmer ist, einem öden Nihilismus weichen nüffen. Wir haben keine Freude mehr an der Thora, wir führen unsere Kinder nicht mehr diesem heiligen Erbgut zu, wir fühlen 'einen Stolz mehr ans diesen einzigen Besitz. Um wie viel höher iand doch der geknechtete und gedrückte Jude des Mittelalters, aus den wir so gern mitleidig lächelnd herabsehen. Jedem Einzelnen, dom gelehrten Rabbi bis zum armen Wasserträger, war die Freude an der Lehre und die Achtung vor der Wissenschaft zu eigen. In jeder, auch der kleinsten, jüdischen Gemeinde befand sich damals eine Universität, mit einem Rektor, mit Professoren und Studenten mit akademischer Lehrfreiheit und einer kleinen, aber ausgewählten Bibliothek. Das war das alte Beth Hamidrasch, der sichtbare Ausdruck der hohen Achtung, welche auch im engen Ghetto für den Geist der Wissenschaft lebte, der das Judenthum erhalten hat. Diese Achtung vor der Wissenschaft des Judenthums, diese Freude an der Lehre Israels muß wieder einkehren in unsere Häuser und Herzen, wenn die Zukunft der Glaubensgemeinde auf sicherer Grundlage ruhen soll. In veränderten Formen, unter den Bedingungen, welche die Kultur der Neuzeit geschaffen, muß das alte Bett, Hamidraseh wieder aufleben. Das Beth Hamidraseh der Zukunft ist der jüdische Litteraturverein, der in jeder Gemeinde bestehen muß. Und dies sei unsere Aufgabe für die nächste Zukunft: Ueberall, auch in der kleinsten Gemeinde solche Vereine, in denen die Lehre Israels verkündet, seine Geschichte und Litteratur gelehrt wird, zu begründen, die bereits bestehenden 31t fördern und zu einem großen Verbände zu vereinigen; in Wort und Schrift für diese Idee Propaganda zu machen, Wanderredner auszusenden, die überall, wo Israeliten sich im Namen Gottes und zur Ehre des Judenthmns versammeln, die Stimmung zu erwecken suchen, aus welcher die Sehnsucht nach Kenntniß des Gotteswortes, der Stolz auf die glorreiche Geschichte Israels und die Achtung vor der Wissenschaft des Judenthums hervorgehen. Wir wissen wohl, daß es eine schwierige Aufgabe ist, die wir uns gesetzt haben. Eine Aufgabe, die unermüdlicher, selbstloser Arbeit bedürfen wird. Aber wir werden nicht ruhen, noch rasten, bis wir Alles, was an unserem Theil ist, zur Erfüllung dieser Aufgabe gethan haben. An Euch aber, Ihr Männer nnd Frauen von Juda, ist es, dies Werk zu fördern und zu unterstützen. Nieuiaud ist so groß, daß er das Recht hätte, sich diesem Werke zu entziehen, und Keiner so klein, daß er nicht einen Baustein zu demselben herbeitragen könnte. Jeder Einzelne kann in seinem Kreise für diese Idee wirken und schaffen, jeder Einzelne in seiner Gemeinde für die Begründung eines Litteratnrvereincs thätig sein, an der Erhaltung eines schon bestehenden thatkcäftigen Antheil nehmen. Wir selbst sind gern bereit, überall mit Rath und That beizustehen, wo es gilt, solche Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur zu begründen oder zu fördern. Unsere wohlhabenden Glaubensgenossen aber bitten wir herzlich, das große Merk, welches natürlich nicht ohne große Kosten durchzuführen ist, durch freiwillige Beiträge zu ermögliche». Mögen sie sich ihrer Väter lind Ahnen würdig zeigen, die unter traurigen Ver-