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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-22 · Heft 38 (22.9.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 einen thatkräftig für das Wohl seiner Glaubensgenossen eintretenden Pionier, da es leider eine Thatsache ist, daß in den östlichen Grenzgebieten die Männer seltener werden, welche industrielle und kommerzielle Bedeutung mit deutscher Bildung und warmherzigem Interesse für ihre Glaubensgenossen verbinden. Das Darniederliegen des deutsch-russischen Grenzhandels hat dahin geführt, daß die fähigen Kräfte sich andere Wirkungskreise suchen, so daß die Grenzgemeinden an Mitgliederzahl und Bedeutung stetig gesunken sind. I). Rastenburg, im September. Wie es'.bekannt sein dürste, befindet sich in der Nähe unserer Stadt eine Heil- und Pflege-Anstalt für Epileptiker, in welcher sich auch mehrere unserer Glaubensgenossen befinden. Während die Kranken anderer Konfessionen den Gottesdienst täglich unter Leitung des 'Anstalts-Geistlichen abhalten, weilten unsere Glaubensgenossen in der Anstalt wie die Heiden, ohne Religion, wußten weder von Sabbath noch von Feiertagen. Deshalb bildete sich hier in unserer Gemeinde vor ca. drei Jahren ein Verein unter Leitung des sel. Rentier Meyer Levy, der es sich zur Aufgabe machte, für die unglücklichen Glaubensbrüder helfend einzutreten; in erster Reihe für die Ausübung religiöser Pflichten, für pünktlichen Besuch der Synagoge, und in zweiter Linie für die rituelle Bespeisung Sorge zu tragen. Durch die väterliche Fürsorge des Herrn Meyer Levy s. A. ist es demselben gelungen, seine Aufgabe bis auf den heutigen Tag zu erfüllen. Nun sind aber die geringen Mittel des Vereins, der im Ganzen während des letzten Jahres 690 Mark eingenommen und 630 Mark ausgegeben, bis auf 60 Mark erschöpft. Das Komitee wendet sich vertrauensvoll an alle Edlen in Israel mit der Bitte, dieses löbliche Unternehmen so kräftig zu fördern, wie es dies verdient. Spenden nimmt das Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Herr M. Meyer entgegen und wird über den Empfang öffentlich quittirt. V. Breslau, 15. September. Zu der kurzen Notiz über das bevorstehende Jubiläum des Herrn Rabbiner Dr. P. Neustadt gestatten Sie mir, noch folgende Daten nachzutragen. Dr. Neustadt ist am 15. September 1823 in Borek (Prov. Posen) geboren. Er erhielt seine Vorbildung zuerst in seiner Vaterstadt und später in Lissa und Pleschen. Zur Vollendung seiner wissenschaftlichen Ausbildung bezog er die hiesige Universität, wo er Geschichte, Philosophie und Orientalin studirte. Nach zurückgelegtem Rabbinatsexamen vor dem großherzoglick israelitischen Oberrath in Mecklenburg-Schwerin begann Dr. Neustadt seine elfjährige Thätigkeit als Prediger in Tessin und Stavenhagen im Jahre 1842. Nach weiterer siebenjähriger Thätigkeit in Arnswalde und Colberg siedelte Dr. Neustadt nach Breslau über, wo er mit Erlaubniß der Behörden eine hebräische Privatunterrichtsanstalt gründete, die, wie bekannt, im vorigen Jahre auch von der Regierung anerkannt wurde. Ueber die Wirksamkeit dieser Anstalt geben die alljährlichen Berichte Aufschluß, denen der Dirigent mehrfach wissenschaftliche Abhandlungen beifügte. Auf Grund einer größeren Abhandlung über die Gottes- und Unsterblichkeitslehre erhielt der Jubilar s. Z. die philosophische Doktorwürde. Erwähnenswerth ist noch der aus der Mitte der Schule hervorgegangene Unterstützungsverein für unbemittelte Kinder, welchen Dr. Neustadt im Verein mit Anderen gründete, und von dem zahlreiche Schüler und Hörer von Hochschulen Subventionen zum Besuch öffentlicher Lehranstalten erhalten.') — Zu dem schon oft erörterten Kapitel von Antisemitismus in Kriegervereinen wird jetzt erfreulicherweise berichtet, daß man versucht hat, den Vorsitzenden eines hiesigen Kriegervereins zu veranlassen, Juden von Offiziersstellen im Kriegerverein auszufchließen, daß aber der Vorstand den Gesuchstellern anheimgegeben hat, sich einem solchen Verein anzuschließen, wo Juden als Mitglieder nicht ausgenommen werden. — Am 5. d. Mts. verschied nach langem, schwerem Leiden Hierselbst Kaufmann Bernhard Stanner im Alter von 52 Jahren. Der Verstorbene war Mitbegründer und eifriges Mitglied des Vereins „Tomche Cholim" und des österreichisch-ungarischen Hilfsvereins „Austria" sowie des talmudischen Lehrvereins. — Die bekannte Schriftstellerin und Gutsbesitzerin Fräulein Friederike Kempner auf Friederikenhof bei Namslau hat dem hiesigen Magistrat die Summe von 2114,45 Mark in Werthpapieren und baar mit der Bestimmung.übergebeu, daß dieser Betrag als Geschenk an die Stadtgemeinde Breslau behufs Errichtung einer Louise l) Auch wir senden dem verdienten Jubilar die herzlichsten Glückwünsche. Die Red. Stadthagen geborene Kempner'schen Stiftung gelangen solle, deren Zinsen am 14. Juli jedes Jahres an zwei arme Blinde, einen jüdischen und einen christlichen Glaubens, vertheilt werden sollen. M. T. Bunzlau, 13. September. In unserer Nachbargemeindc Haynau fand am 5. d. M. die Einweihung der monumentalen, neuerbauten Synagoge statt. Die dortige Gemeinde, als auch auswärtige, ehemalige Gemeindemitglieder haben das Gotteshaus herrlich ausgestaltet, und deren Opfersinn bleibt rühmenswerth. Zu der Feier waren außer den Herren Rabbinern und Kantoren viele Honoratioren aus Stadt und Land erschienen. Um 3 Uhr begann die Feier. Unter Leitung des Herrn Kantor Lübeck stimmte der Knabensynagogenchor das Na towu mit Harmoniumbegleitung an, worauf die ewige Lampe angezündet wurde. Alsdann hielt der Kultusbeamte Herr Haller eine hebräische Liturgie ab. Nunmehr sprach Herr Rabbiner Dr. Peritz aus Liegnitz ein zu Herzen gehendes Weihegebet, dem sich der Gesang des Psalm 24 anschloß. Die Thorarollen wurden bei den üblichen Nesponsen eingeholt und nach einem Unlzuge, bei dem weiß gekleidete Mädchen Blumen streuten, in das Allerheiligste gesetzt. Zündend wirkte die Festrede des Herrn Dr. Peritz, in welcher er als die wahre Religion die Gottesfurcht, Nächstenliebe und Feindesliebe, die Wahrheit und Gerechtigkeit bezeichnete. Nun betrat Herr Rabbiner Dr. Rippner aus Glogau die Kanzel, um das Gebet für Kaiser und Reich zu sprechen. Seine meisterhafte, schwungvolle Rede ergriff mächtig die zahlreiche Versammlung. Unvergeßlich werden Allen die Worte bleiben: „Israel ist innig verbunden mit seinem Kaiser, der ein Fels des Rechts und ein Hort der Treue ist." — Das Adon olom mit dem von Herrn Kantor Lübeck schön vorgetragenen Reeitativ schloß die erhebende Feier. Um 5 Uhr begann das Festmahl im Hotel Schmidt. Während der Tafel konzertirte die vorzügliche Stadtkapelle. Die Reihe der Toaste eröffnete Herr Dr. Rippner mit einem Trinkspruch auf unfern erhabenen Kaiser Wilhelm II. Herr Dr. Freund aus Görlitz nahm hierauf das Wort und bemerkte in klassischer Beredtsamkeit, daß bei den Israeliten der Atheismus nicht bekannt war, weil das bedrängte Herz Trost und Stärkung im Gebete und im Vertrauen zu dem Vater aller Menschen fand. In dem Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe vereinigen sich alle Religionen. Sein Hoch galt der Festgemeinde. Die Herren Vorsteher Heinrich Kohn, Krämer und Nory toasteten auf die Ehrengäste, Gemeindevertretungen und Baumeister. Herr Bürgermeister Müller dankte in gewandter Ansprache für die erhaltene Einladung zum Feste und erklärte, daß die Reden der Herren Prediger ihm aus der Seele gesprochen wären. Er vermag der Gemeinde keinen schöneren Festesgruß darzubringen als: der altjüdische Friede sei mit Euch! Halten wir daran fest, daß wir Alle Kinder eines Gottes sind und daß uns nicht Dogmen trennen sollen, wie es der selige Konststorialrath der evangelischen Theologie und Dekan der theologischen Fakultät in Breslau David Schulz in seinem Gedichte „Mein Glaube" ausspricht: „Und tret ich einst aus Grabestiefen hin vor des Weltenrichters Angesicht, so wird er strenge meine Thaten richten, doch meinen Glauben? — Nein, das glaub ich nicht." — Die Rede endete mit einem Hoch auf die Gemeinde. Herr Predigtamtskandidat Moses brachte ein Hoch den Herren Rabbinen und Herr Kantor und Lehrer Tintner den Kantoren. In der Zwischenpause trug Herr Kantor Rosenthal zwei Lieder vor, die dankbar ausgenommen wurden. Den letzten Trinkspruch brachte Herr Tintner den Frauen und Jungfrauen dar. — Die jüdische Gemeinde Haynau kann mit Stolz aus diesen Festtag zurückblicken. k. Hannover, 15. September. Die antisemitische Presse ist wieder um einen Ausgestoßenen reicher, indem die „Hannoversche Post" ihren früheren schneidigen Redakteur Dr jur. Tesdorpf verleugnet und jede Gemeinschaft mit ihm ablehnt. Es ist eine bestätigte Thatsache, daß Dr. Tesdorpf, der wegen Beleidigung des Kommerzienraths Molling zu einer Geldstrafe verurtheilt war, den Beleidigten um Unterstützung eines Gnadengesuchs in dieser Sache angegangen hat. Die „Hannoversche Post" schüttet deshalb die volle Schale ihres Grimmes über den armen Schriftleiter aus und beschränkt sich nicht ans eine einfache Ablehnung, sondern es entschlüpfen ihr in ihrem Zorne Worte, die tiefer blicken lassen. „Dr. Tesdorpf ist im Laufe eines Jahres aus der Schriftleitung der „Hannoverschen Post", der „Deutsch-sozialen-Blätter" und der „Deutschnationalen-Zeitung" geschieden, überall unter Umständen, die uns berechtigen zu sagen, daß für ihn in unserer Partei kein Raum mehr ist. Uebrigens ist vielleicht Dr. Tesdorpf selbst für seine Handlungen nur

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