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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-22 · Heft 38 (22.9.1893) · p. Seite 456

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
Seite 456 (sequence 14)
Language
German
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456 „Denn ein Frühling ist im Lande, Wie die Welt noch keinen sah, ' Und es springen alle Bande, Und die Freiheit, sie ist da!" Ter Völkersrühling! So lautete -as Zauberwort. Man kann sich heute nicht denken, was sich in den Tagen des VölkerfrühlingH und tvie sich Alles begeben hat. Oft konnnt's einem vor, als sei Alles ein Traum getvesen. Etwas Aehnliches war es doch auch. Die Zeit war ja noch junger als wir, die wir darin gelebt haben. Selbst die Männer ivnßten nicht recht, was sie mit ihr anfangen sollten, sie waren nicht weniger naiv als die Halbwüchsigen. Eines Abends war das alte Hans des Bürgermeisters wieder hart bedrängt. „Es lebe die Republik!" wurde geschrieen. Das war die Parole, die man von den Ereignissen i» Paris an jenem denkwürdigen 24. Februar gelernt hatte. Der Bürgermeister erschien ans dem Balkon und ries in die Menge: „Was ivollen Sie denn eigentlich, meine Herren, Hamburg ist ja eine Republik!" Da donnerte es zu dem Sprecher hinauf: „Denn wölt wi »och eene hebben!" Die Preßfreiheit hatte der Jonrnallstik ein frisches, oder überhaupt Leben eingehaucht. Ueberall tauchten neue Blätter auf. Der lang verhaltene Groll machte sich vor Allem in satirischen Blättern Luft, es war für die Schreibseligen eine glänzende Zeit, man druckte viel, Alles und ohne viel Kritik und Bedenken. Einen Monat früher als in Berlin die erste Nummer des Kladderadatsch (am 7. Mai), erschien in Hamburg (am 2. April) die erste Nummer des „Mephistopheles" unter der Redaktion von Wilhelm Marr im Verlag der durch ihre demokratischen Bücher berühmt gewordenen Firma Hoffman» und Campe. Wilhelm Marr ist der heute 72 Jahre alte- Sohn des bedeutenden klassischen Schauspielers Heinrich Marr. Er ist inzwischen Antisemit gewesen und hat sich nun wieder zu den liberalen Prinzipien der Jugend zurnckgewendet. Heinrich Marr,. diesen Künstler, der in der erste» Aufführung des Goethe'schen Faust am Hofthcater zu Braunschweig am 19. Januar 1829 den Mephistopheles gespielt hatte, lernte ich während seiner Wirksamkeit am Thaliatheater in den fünfziger Jahren als einen genialen Charakterdarsteller kennen, der auf der deutschen Bühne heute nicht, seinesgleichen hat. Als ich zur Universität »ach Berlin ging, führte, er mich mit einigen Zeilen bei dem damals so gefürchteten Feuilletonisten Ernst Kossak ein. Als Kossak den Brief gelesen hatte, sagte er zu mir: „Ter alte Marr ersucht mich, Sie von der Jonrnnlistik fortzugraulen, Sie seien so sehr auf sie versessen. Aber ich werde mich wohl hüten. Wer einmal ein Dutzend Federn bei der Journalistik ausgeschrieben hat. ist nicht tvieder herauszubringcn." Ter Sohn des ersten Darstellers des Mephistopheles, Wilhelm Marr, war also der Redakteur des politisch-satirischen „Mephistopheles" in Hamburg. Wilhelm Marr war im Jahre 1848 einer der populärsten Demokraten der Hansestadt, der mit Gott und allen Königen grollte und eine geistvolle, kecke und sehr witzige Feder führte, die ihn, als sich die Behörden von ihrer März-Ohnmacht erholten, daun und wann in das Hamburgische Staatsgefängniß, den Winserbaum, gebracht hat. Das machte einen Märtyrer aus ihm und vermehrte seine Popularität. Ter frische, unerschrockene Ton seines Tenfetsblattes sagte mir zu. und bald überfluthete ich daffelbe mit Manuskripten, ohne zu wagen, mich persönlich dem Redakteur vorzustellen oder ihm meinen Namen zu neunen. Ich war damals sehr schüchtern. Das hat sich später gegeben. Und diese Schüchternheit war auch. nicht ganz waschecht, wie ich versichern darf, sie hatte, wie ich oben schon andeutete, einen zwingenden Grund, von dem ich in einem ztvciten Kapitel erzählen will. Fitterarische MittheUungen. — Einer der begabtesten deutsch-amerikanischen Dichter, Hermann Rosenthal — sagt die amerikanische litterarische Zeitschrift „The Nation“ — hat eine metrische Uebersehung des „Hohen Liedes" veröffentlicht. Die Uebersetzung wird sehr gelobt. Als Beispiel dienen folgende Zeilen: Erwache Nordwind, fächle kühle Luft, Erbrause Südwind, ströme würz'gen Duft, Daß meinen Garten Balsamhauch versüße, Daß mein Geliebter nahe, mich begrüße. Daß er des Gartens reife Frucht genieße. Hermann Rosenthal war früher der Redakteur der „Sarya" (Die Dämmerung) in Kieff. Vor seinem 20. Jahre verfaßte er eine Biographie Karl Vogt's in hebräischer Sprache. In Bezug auf die Abfassung des Hohen Liedes ist Rosenthal der allerdings ebenso originellen als seltsamen Meinung, daß es von der Hand einer Frau herrühre. Spvechsaal. Zwei W ü n s ch. e. Geehrte Redaktion! Als kleinen Beitrag zu den von Professor Pohlmann so meisterhaft geschilderten „jüdischen Leiden" von mehr erheiternder Wirkung theile ich Ihnen mit, daß ich zum vergangenen Neujahrsfeste aus Babenhausen im Großherzogthum Hessen einen offenbar von der Hand eines anonymen Antisemitenhelden im unverfälschten Jargon verfaßten Neujahrswunsch erhalten habe, der mit der Anrede beginnt: „Lieber Rabbi in Jesu Christo!" Es wäre immerhin interessant zu erfahren, ob auch andere Kollegen mit ähnlichen Scherzen überrascht und erfreut worden sind. Bamberg, 13. September. Rabbiner Dr. A. Eckstein. Geehrter Herr Redakteur! Unser Glaubensgenosse, der Privatmann Hermann Straßmann, Bütowstraße 39, erhielt am ersten Rosch-Haschanah-Tage von einem ihm befreundeten, hier wohnenden, katholischen Domherrn einen in hebräischer Sprache korrektest und in Quadratschrift geschriebenen Gratulationsbrief. Vielleicht interessirt das Ihre Leser in dieser Zeit der allgemeinen Verhetzung! Berlin, 13. September. Hochachtend 8. Geehrter Herr Redakteur! Ich ersuche Sie ergebenst um folgende Berichtigung Ihres in Nr. 37 Ihrer geschätzten „Allgemeinen Leitung des Judenthums", Beilage, unter dem Datum: Berlin, 13 September, enthaltenen Artikels: 1. Meine Arbeit über fränkisches Weibererbrecht bildet nur einen Theil einer größeren Schrift: „Die erbrechtliche Stellung der Weiber", nicht, wie jene Notiz angiebt, ein selbständiges Werk. 2. Daß meine Ansichten in wissenschaftlichen Kreisen Zustimmung gefunden haben, ist allerdings richtig; bisher war es jedoch nicht üblich, in derartigen Notizen die Namen hervorragender Gelehrten zu Gunsten eines Anfängers in den Wissenschaften paradiren zu lassen. Ich sehe mich deshalb zu der Erklärung gezwungen, daß die betreffenden Angaben, hätte ich vorher von der Anzeige Nachricht erhalten, sich darin nicht befunden hätten. 3. Gegenwärtig bearbeite ich nicht das „Jüdische Recht", sondern bin von der „Historischen Kommission für Geschichte der Juden in Deutschland" mit Kommentirung einer Sammlung mittelalterlicher Responsen deutscher Rabbiner betraut. 4. Monumenta Germaniae giebt es nicht; die Rovumenta Germaniae Historica erscheinen in Hannover, nicht in Straßburg. Hochachtungsvoll und ergebenst Berlin, 15. September. Dr. Otto Opet. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion Mar Bauchwitz in Berlin.

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