Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-22 · Heft 38 (22.9.1893) · p. Seite 455

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
Seite 455 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228025--50185-3271786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

455 s hat sich k merkwürdig : sich etwael weissagte k entpuppte :n. Ich erber israezurnalgrünwzhaft war, so hatte ich veil die mit men waren, einen redaki'atheder der Verurtheiilernummer eine Appel- Da erschien n Gesichtsdas Strafdem er ihn er recht abr ihn ins rden einige nd in einer rschließbare Thätigkeit Elternhaus nt wichtige denen Zeibendstunde > wie viel schriebenen afft, denen hn zu erägt! Und mgetreten, ft habe ich :r, wie er das Lesen i Blattes! te ich und lebendige en, wegen he». Ich lschaft als ralist gar Ich weiß sein, ver-! mich der rifrichtete, der Herrn ich Paris ich, nicht nthalt in markt in in Karzer schildern, pfte, die Feder sestzuhalten, mit der ich mir diesen Kerker zugezogen hatte, und wie ich mir in der hölzernen Dunkelheit geschworen, unentwegt ocn Kampf für Freiheit und Licht zu kämpfen. Das klänge ja vielleicht ganz hübsch, wäre aber nicht wahr. Ich wollte nur mittheilen, daß ich schon in beängstigend früher Jugend, als Elementarschüler, Journalist und Redakteur spielte, vielleicht noch eher, als ich Zeitungen, gelesen, ganz gewiß, bevor ich auch nur eine Ahnung von dem Wesen der — wie man es heute nennt — Schriftleitung hatte. Ich denke mir, daß man als Journalist geboren werden kann, und daß man dann immer Journalist bleibt, man mag mit sich ansangen, was man wolle. Auf jedem Weg, den man einschlägt, in jedem Beruf, den man wählt, ist man Journalist, und immer wird man wieder zu dieser Hexe zurückkehren, tvenn man sie einmal verlassen haben sollte. Wer ihr angehört hat und ihr dann dauernd den Rücken kehrt, der war eben kein geborener Journalist. Seit ich als Junge, der kaum schreiben konnte, die ersten Zeitungen — aber fragt mich nur nicht wie — für meine Mitschüler, die nieist nicht begriffen, was ich denn eigentlich wollte, hcrausgegeben habe, bin ich Journalist. Das ist nun mehr als fünfzig Jahre her. Wie beneide ich mich heute um die Freude, die mir damals die Spielerei mit der Feder machte! Wer als reifer Mann in die Journalistik eiutritt, lernt den Zauber nicht kennen, deil sie auszuüben vermag, sie, die von dem Mann so viel Ernst, so viel Muth, Enttäuschungen zu ertragen, so viel Kraft und Ausdauer, Kämpfe zu bestehen, fordert. Wer als Mann Journalist wird, ist wie ein Hagestolz, der mit der Journalistik eine Bernunftheirath schließt. Ich habe mit der Journalistik alle Stadien der Liebe durchgemacht, von der blonden Jugendeselei aufwärts. Erröthend folgte ich ihren Spuren und war von ihrem Gruß beglückt, und als die Leidenschaft geflohen war, blieb die Liebe zu der Angebeteten in mir zurück, und ich werde ihr diese Liebe bis zur letzten Zeile treu bewahren. Wie man aus dem Rausch der ersten Herzensneigung keine Erinnerung in das reife Alter hinübernimmt, wenigstens keine andere als die, daß dieser Rausch sehr schön gewesen sei, so erinnere ich mich aus der Zeit, als ich in die Journalistik knabenhaft verschoffen war, keiner Einzelheiten mehr. Ich weiß nur, daß mich die Strafen und Ermahnungen nicht genirten, was gewiß sehr bedauerlich ist, und daß ich mich über die in der Mitte der vierziger Jahre gefeierte silberne Hochzeit meiner geliebten Eltern nicht so freute, als darüber, daß ich von meinem ältesten, nun längst verstorbenen Bruder Marti» die Mittel erhielt, um zu dieser Feier ein Festblatt drucken lassen zu können. Ich sollte etwas drucken lasten! Unbeschreiblich ist der Zauber, der mich beherrschte, kaum schlief und aß ich noch, ich schrieb, und als ich nun gar mit dem fertigen Manuskript in die Druckerei kam, da vermochte ich vor Aufregung nicht zu sagen, was mich dahingeführt hatte. Wie ich den Muth fand, diesen Gang anzutreten, das ist mir auch heute noch unbegreiflich. Ich war niemals vorher in einer Druckerei gewesen, ich hatte keine Ahnung von den Aufgaben, die nun an mich herantraten. Mit züchtigen, verschämten Wangen sah mich der Faktor der Druckerei vor sich stehen, als ich ihm meine ungelenke Prosa und Poesie in sauberster Abschrift überreichte und ihm sagte, was damit geschehen solle. Mit aufrichtiger Ehrfurcht sah ich zu ihm hinauf, er tvar ja der Mann, der das Geschriebene in Gedrucktes verwandelte, und mit deniselben Gefühl blickte ich zu den Maschinen hinüber »nd staunte ich die Setzer an, welche da blitzschnell in die Küsten griffen und die Bleiletteru herholten, um dieselben in Reih und Glied zu stellen. Ich befand mich in einer neuen Welt, die ich bisher nur geahnt hatte. Der Faktor sah in mir nur einen Jungen, der mit einem Auftrag an ihn geschickt war und der sich dieses Auftrages ziemlich ungeschickt entledigte. Er wurde ungeduldig und sagte: „Bestell' Deinem Vater, er soll selber kommen!" Nun erst wurde ich deutlicher und machte den kurz angebundenen Zauberer darauf aufmerksam, daß das Blatt ja für den Vater eine Ueberraschung sein solle. „Aha," sagte er, „also schick' mir den Mann, der das Blatt geschrieben hat." Ich gestand nun dem strengen Inquirenten Alles offen ein und war nicht wenig stolz auf mich, als er ein paarmal mit beleidigender Schärfe fragte, ob das auch wirklich wahr sei. Es scheint aber doch, daß er mir endlich geglaubt hat, den» als ich fortging, sagte er: „Also kommen Sie morgen Mittag wieder." Bis vor etlichen Minuten hatte er mich geduzt. Ich habe schon mitgetheilt, daß ich allerlei journalistischen Unfug beging, ohne mit Journalen nähere Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich brachte Blätter hervor wie ein Baum, der meines Wissens auch nicht weiß, wie er sie hervorbringt. Etwas mehr als ein solcher wußte ich allerdings davon, ich hatte wohl eines der damals in Hamburg erscheinenden wenigen Blätter gesehen, und nachdem ich die Kunst des Schreibens erlernt und die ersten deutschen Aufsätze gemacht hatte, war es mir wohl ein Leichtes, mich in mehr oder weniger schadhafter Prosa schriftlich zu äußern. Aber wie kam ich zu Versen? Ich hatte kaum Verse gelesen und verbrach solche, ohne eine Ahnung von der Metrik zu haben, um deren Gesetzbücher ich mich auch später niemals bekümmert habe. Ich will ja gern zugeben, daß ich auch heute noch keine Verse machen kann, nachdem ich viele Tausende publizirt und der Leserwelt dadurch Gelegenheit gegeben habe, sich von der Wahrheit meiner Vermuthuug zu überzeugen. Immerhin bleiben inir meine ersten gereimten Strophen ein Räthsel. Mein Silberhochzeitblatt erschien pünktlich am Festtag meiner lieben Eltern, und zwar in einem so großen Format, wie ich es später niemals wieder an einem Festblatt gesehen habe. Ich war nicht wenig stolz und durchaus nicht beleidigt, als ich sah, daß mehrere Gäste das Blatt dazu benutzten, allerlei von der Festtafel für die Kinder einzuwickeln und nach Hause zu transportiren. Das war doch Verbreitung in den weitesten Schichten der Bevölkerung, es war die Colportage, ich kam mir wie der Redakteur eines Weltblattes vor. Nun war ich unheilbar Journalist. Freilich fehlte mir noch die Tapferkeit eines solchen, ich mußte noch den besseren Theil derselben, die Vorsicht, üben, wovon ich noch erzählen werde. Ich sandte in aller Heimlichkeit an erreichbare Blätter kleine humoristische Arbeiten, die auch willig gedruckt wurden. Wo mögen sie sein? Ich würde sie wohl auch nicht wieder erkennen, wenn sie mir jetzt vor Augen kämen. Doch wie viel Vergnügen machten sie mir, als sie entstanden, mit wie viel Sehnsucht erwartete ich regelmäßig den Abdruck, mit wie viel Furcht durchspähte ich jedesmal die Zeilen des Briefkastens nach irgend einer redaktionellen Mittheilung! Da kam das Jahr 1848. Ich war eben sechszehn Jahr alt geworden. Die Flucht Louis Philipps bezeichnete den Beginn der neuen Zeit, deren erste Gabe die Preßfreiheit war. Alles, was jung war, griff zur Feder, um heilige Rechte zu erkämpfen, Tyrannen zu stürzen, Nationen zu befreien, verlaffene Bruderstämme zu retten. Man glaubte, dies mit der Feder zu können. Voran die Jugend, welche am allerwenigsten unter dem vormärzlichen Druck gelitten hatte. Sie verlangte nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Wie das Alles klang, wie schön, wie voll, wie erhebend! Es war ein Rausch, der alle Menschen beherrschte, wenn das Wort Beherrschen von uns Halbkindern überhaupt noch geduldet wurde. Wir schlossen uns den großen Volkshaufen an, die durch die Straßen zogen und am Hause eines mißliebigen Bürgermeisters die Fenster zertrümmerten. Dazu sangen wir:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.