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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-22 · Heft 38 (22.9.1893) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
Seite 454 (sequence 12)
Language
German
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454 Draußen werden Stimme» laut. Männer schreien wild durcheinander. Immer näher kommt das Gewirr. Jakob eilt ins Zimmer. Marie berichtet kurz. „Wir wollen ihn hängen!" „Alle Juden muffen baumeln!" schreit die Menge wild durcheinander. „Wo ist der Schuft?" ruft Rolf. „Schlagt sie todt, die Hunde!" schreit Tuns. Sie dringen ins Haus. Zitternd steht der Greis neben Riwke; sie liegt ohnmächtig im Seffel. „Liebe Leute, wir sind unschuldig, Markus ist unschuldig!" spricht er händeringend in bebendem Tone. (Fortsetzung folgt.) U Aus meinen Iugenderinnerungen. Von Julius Stettenheim. I. Heitere Erinnerungen, nichts weiter. Plaudereien oder dergleichen, nicht etwa Memoire», keine Bekenntnisse in stimmungsvoller Stunde, oder gar eine Biographie. Ich halte mein Dasein nicht für wichtig genug, um es in Kapitel zu gießen und im Feuilleton auszustellen. Wenn ich die Biographie eines Menschen in die Hand bekomme, der nicht als Dreher am Rad der Zeit mit angestellt war, oder der nicht einen Korb bekam, als er der Kunst oder Wiffenschaft Arm und Geleit zur Höhe antrng, so ist es mir immer, als müßte ich sagen: „Ich danke, ich schneide selber ans." Wer eine Biographie schreibt, muß ein biographisches Leben gelebt, muß es darauf angelegt gehabt haben, Interessantes und Wichtiges mitzumachen. Das ist Riesenarbeit. Er muß sich an die Wiege historischer Ereignisse herangedrüngt, muß Briefe anfgehüvft haben, welche über Gestorbene Licht verbreiten und Lebende koinpromittiren, oder mit Männern liirt gewesen sein, von denen so viel Unwahres geglaubt wird, wie die Leserwelt glaubt, und das ist allerdings eine schöne Menge. Biele Biographie» gleiche» denn auch gewissen Statuen, von denen der Fremdenführer ans die Frage: „Weshalb hat denn der Man» ein Monument bekommen?" dem Fremden mittheilt: „Nun, weit er noch keins hatte." Sehr viele Biographien sind Eigenstatnen oder Selbstbüsten, mit denen sich der Autor schmeichelt, die aber ganz anders aussähe» und viel ähnlicher wären, wenn sie ein Unbefangener modellirt hätte. Es ist gar zu leicht, interessante Niemoiren zu schreiben, wenn man etwas Phantasie hat. Und wer hätte nicht wenigstens etwas Phantasie! Aber zu einer Biographie langt es doch selten, wenn man sich strikt an der Wahrheit hält und nicht zu der industriellen Korporation der Elephantenmacher gehört. Dann sieht man bald, daß die Erlebnisse, die man zu schildern hat, doch eigentlich nur ein persönliches oder engbegrenztes Interesse haben, wovon man sich sofort überzeugen kann, wenn man das Erlebnis; ernst oder heiter schriftlich dargestellt hat, dann die Darstellung bei Licht besieht, sich hierauf in den Leser versetzt und sich schließlich auf den Kopf Zusagen muß, daß die ganze Geschichte den fremden Herrn durchaus nichts angeht. Eine Eitelkeit — das Wort Dummheit scheint mir etwas grob — ist es jedenfalls, anzunehmen, daß irgend einen zweiten Menschen das, was wir erlebt haben, ebenso interessiren könnte, wie uns selbst, wenn wir nicht etwas überraschend Neues oder allgemein Wichtiges zu erzählen haben. Und überdies ist das kluge und blasirte Geschlecht der Akiba viel zahlreicher, als die Mehrzahl der Memoirenschreiber augenblicklich anzunehmen Pflegt. Besonders Künstler und Schriftsteller wissen wortreich Erstaunliches darüber mitzutheilen, wie sie von der unsichtbaren Hand des Schicksals in ihren Beruf eingeführt worden seien. Was hat sich de nicht Alles begeben, wie wunderbar wurde vorgeahnt, wie merkwürdig fügte sich Alles! Schon am Tage der Geburt ereignete sich etwas Bedeutsames, schon die Amme sah Alles voraus, ein Onkel weissagte und in der Schule, während des Alphabethunterrichts entpuppte sich was. Ich habe von mir nichts dergleichen zu melden. Ich erinnere mich nur, baß ich in einer der untersten Klassen der israelitischen Freischule in Hamburg für meine ersten Journalgründungen Prügel bekam, oder, was persönlich weniger schmerzhaft war, ins Karzer mußte. Wenn ich überhaupt bestraft wurde, so hatte ich das meinen journalistische» Bestrebungen zu verdanken, weil die mit vollem Recht gestrengen Herren Lehrer bald dahinter gekommen waren, daß ich die wichtigsten Schularbeiten vernachlässigte, um meinen redaktionellen Pflichten Nachkommen zu können. Ans dem Katheder der Klaffe lag ein Strasbuch, in das der erzürnte Lehrer die Verurtheilungen zu Hieben oder Karzer für die verbrecherische Schülernummer — ich hieß 797 — notirte. Das Urtheil, gegen das es keine Appellation gab, wurde nach der letzten Schulstunde vollstreckt. Da erschien der Kustos Wiener, ein guter, bartloser Mann mit milden Gesichtszügen, schritt auf das Katheder zu, warf einen Blick in das Strafbuch und rief den Delinquenten vor, entweder um ihm, indem er ihn am linken Arm faßte, mit dem kurzen, ledernen und leider recht abgenutzten Kantschu die diktirten Hiebe auszuzahlen, oder ihn ins Karzer abzuführen. In dem Bodenraum der Schule standen einige hohe schmale Kisten, nicht breiter, als wir selber waren, und in einer solchen von keinem Lichtstrahl erhellten Kiste, die eine verschließbare Thür hatte, habe ich oft genug für meine journalistische Thätigkeit gebüßt, hatte ich oft genug Zeit, fern von meinem lieben Elternhaus darüber nachzudenken, weshalb man mich für eine so eminent wichtige Thätigkeit, wie es die Herausgabe einer mühsam geschriebenen Zeitung war, wie für ein Vergehen bestrafte. Wie manche Abendstunde hatte ich an der Herstellung des Blattes gearbeitet, und wie viel Neuem und Belehrendem hatte ich aus den vier vollgeschriebenen Quartseiten eine Verbreitung unter den Mitschülern verschafft, denen ich das Blatt zu lese» gab, ohne jemals einen anderen Lohn zu erwarten, als den, welchen eine gute Thal in sich selbst trägt! Und wie oft war ich mit meinem Blatt au einen Mitschüler herangetreten, der für geistige Bildung nicht empfänglich war, und wie oft habe ich es erleben müssen, daß so ein Barbar sofort davonlief, weil er, wie er sagte, etwas Besseres zu thun hätte! Etwas Befferes als das Lesen meines so sauber zusammengestellten und sogar illustrirten Blattes! Wenn ich in meiner Kiste an alles das dachte, dann weinte ich und so laut, daß irgend ein Mitgefangener, gleichfalls eine lebendige Mumie, in seiner Kiste mir zurief, ich sollte mich doch schämen, wegen einer Stunde Karzer solch einen lächerlichen Lärm zu machen. Ich konnte ihm natürlich nicht sagen, daß ich in meiner Eigenschaft als Journalist weinte. Erstens kannte ich das Wort Journalist gar nicht, und zweitens hätte er mich absolut nicht begriffen. Ich weiß aber, daß mir dann in meiner Kiste das schwere Bewußtsein, verkannt zu werden, einen schweren Kummer bereitete, und daß mich der Gedanke, Märtyrer einer guten Sache zu sein, durchaus nicht aufrichtete. Als ich im vorigen Jahr von dem glaubensgenössischen Schneider Herrn Zeitung las, daß er in der Kiste, in der verpackt er sich nach Paris spediren ließ, Höllenqualen ausgestanden hat, da dachte ich, nicht allein durch den Namen Zeitung geleitet, an meinen Aufenthalt in der Karzerkiste der israelitischen Freischule am Zeughausmarkt in Hamburg. Es wäre mir nun ein Leichtes, nach Biographenart mein Karzer zur Wiege meiner journalistischen Thätigkeit zu erheben, zu schildern, wie ich aus den Leiden dieser Gefangenschaft die Kraft schöpfte, die

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