Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- Seite 452 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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452 mich nennen könne», wissen dieselbe» blutwenig von den jüdischen KönigSgeschlechtern der Hasmonäer »nd Ptolemäer; während es eine ^liefe in der Bildung der Töchter unserer Tage empfunden »nd gerügt werdeir würde, wüßten dieselben nicht dm Dichter der „Sakuntala" zu nennen, nicht, wann Petrarka seiner Laura süße Lieder gcsungen, Cervantes gelebt, Tasso gelitten, ist ihnen der herrliche Garten der jüdischen Litteratur mit seiner üppigen Blüthen- Pracht cm pvesiereicheu Dichtungen ein unbekanntes Land, ein verschlossenes Paradies, haben nicht nur unsere Töchter, sondern auch ein gut Theil der Mütter keine blasse Idee, daß die Dichtungen eines Jchnda Halevi, Ilm Csra, Jb» Gabirol in meisterhasten Uebersetzungcn existire», daß das Volk, dem sie entstamme», angehören, auch seine Dichter besitzt, deren Stirn unverwelklicher Lorbeer ziert. Alle die unzähligen und ungezählten jüdischen Lehrerinnen, die besonders in großen Städten Kurse für junge Mädchen in englischer, französischer und italienischer Litteratur, wie in Kunstgeschichte eröffnen, haben meist zahlreiche Schülerinnen. Warum hat bisher noch nicht eine einzige den Versuch gewagt, Kurse für jüdische Geschichte und Litteratur zu eröffne»? Ich bin sicher, daß es vielleicht nur einer Anregung bedarf, und sehr viele junge Frauen und junge Mädchen würden mit Feuereifer die Gelegenheit erfassen, auch auf diesem Gebiete gern ihre Kenntnisse zu bereichern! In unserer Zeit, wo strenggläubige edle christliche Frauen, Nahida Remy und Bertha von Suttner, begeistert für die hohen ethischen Ideen und Wahrheiten des JudenthumS, in Wort und Schrift cintreten, ist cs wohl in erster Reihe die Pflicht der gebildeten israelitischen Frauen, Theil zu nehmen an dem frischen, lebenskräftigen Zuge, der aller Orten durch Israel weht, an dem regen, geistigen Leben, das allenthalben in Israel herrscht, sich zu erwärmen und zu begeistern mit Herz und Seele, mit Sein und Wesen für alles Hohe und Schöne in Israel! Bei der zumeist herrschenden Verflachung unserer weiblichen Jugend, trotz der vielseitiger gewordenen Ausbildung, ist das Interesse für jüdische Geschichte und Litteratur mehr und mehr geschwunden; jedoch wir dürfen dafür nicht unsere jungen Töchter verantwortlich machen, sondern deren Mütter. Unsere jüngere Frauenwelt beseelt bei der Wahl ihrer Lektüre viel mehr der Wunsch, „von dem Neuen das Neueste", als „von dem Guten das Beste" zu erstreben und zu erreichen! Wie der tiefe Meeresgrund die kostbarsten Perlen birgt, so befinde» sich vorzugsweise in der jüdischen Litteratur viele verborgene Ochätze, die zu heben und zu ergründe» unsere schnell lebenden Mitmenschen sich nicht Zeit »nd Muße nehmen; achtlos gehe» unsere jüngeren Frauen und Töchter an den besten Erzeugnissen der jüdischen Litteratur vorüber und ziehen cs vor, aufregende moderne Romane von oft zweifelhaftem Werthe zu lesen. •' Das große Geschichtswerk, durch welches Professor Grätz sich ein unvergängliches Denkmal geschaffen, ist eine ivahrhaft fesselnde Lektüre; die „Geschichte des jüdischen Polte» und seiner Litteratur" von Tr. S. Baerk, die Litteraturgeschichte von Gustav Karpeles und andere einschlägige Werke sollten in keinem jüdischen Hause fehlen. Meine Erinnerungen reichen nicht viel über dreißig Jahre zurück: ich war ein ganz junges Mädchen, als die Schriften, herausgegeben vom „Institut zur Förderung der israelitischen Litteratur", dem gebildeten jüdischen Leserkreise eine ebenso anregende als belehrende und fesselnde Lektüre boten. „Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit, Klingt ein Lied, ach so weit." Bor den, geistigen Auge der alternden Frau steigen die sonnigsten Erinnerungen an goldene Jugendtage auf! Mit hochgerötheten Wangen und leuchtenden Augen las ich besonders Ludwig Philippsons schöne Novellen, und unter diesen vorzugsweise „Mariamne, die letzte Hasmonäerin", deren tragisches Geschick mir heiße Thränen erpreßte; seine Romane, „Sepphoris und Rom," „Jakob Tirado", die Novellen von Phöbns Philippson. Die Erinnerung an „Hispania und Jerusalem", deren Heldin des gefeierten kastilianischen Dichters Jehuda Halevi einzige Tochter, wurde durch einen herrlichen Vortrag, den Prof. D. Kauffmann anläßlich seiner Entlassung aus dem hiesigen jüdischen theologischen Seminar über „Jehuda Halevi" hielt, neu belebt. Einige Jahre später erregten die Romane der 1874 in Berlin verstorbenen Frau Rahel Meyer, besonders ihr letztes bedeutendstes Werk: „In Bande» frei", allgemeine wohlverdiente Beachtung bei der gebildeten jüdischen Leserwelt, besonders bei den Frauen. Epochemachend wirkte „Nach Jerusalem", neben den wundervollen Dichtungen unseres Ludwig August Frankl; und doch weiß, wahrlich, ich übertreibe nicht, unter hundert sogenannten gebildeten jüdischen Frauen kaum die Hälfte, daß überhaupt ein greiser, edler Dichter L. A. Frankl existirt, oder sie haben es vielleicht erst in neuester Zeit erfahren, als der Großherzog von Sachsen-Weimar ihm für seine poetische Huldigung zum goldenen Ehejubiläum huldvolle Dankeszeilen widmete. Ebenso wissen von den hundert sogenannten gebildeten jüdischen Frauen, die den Namen des Professor Moritz Lazarus wohl kennen, die wohl auch schon die formvollendeten, geistvollen Vorträge des gefeierten, vornehmen Redners gehört haben, kaum die Hälfte, daß „Das Leben der Seele" und „Ideale Fragen", „Treu und Frei" die besten dieser Vorträge gesammelt enthalten. Viel zu wenig sind leider die Schriften der jung verstorbenen Engländerin Graee Aguilar in Deutschland bekannt, und gewürdigt worden, obgleich unsere jungen Töchter mit Vorliebe englisch, der Uebung halber, lesen. „Der Einfluß des Hauses" und „Der Sohn einer Mutter" athmen einen hohen, sittlichen Geist und werden sowohl in englischer wie in deutscher Sprache auch jetzt sicher noch das wärmste Jntereffe erwecken. Wenn ich weiter in dem Buche meiner Erinnerungen blättere, so denke ich besonders gern der entzückenden, poesiereichen und gemüthvollen Novellen „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor", jene meisterhaften Schilderungen A. Bernsteins aus dem jüdischen Kleinstadtleben, welche vor mehr als dreißig Jahren nicht nur Juden, sondern auch Christen begeisterten und eine wahrhaft zündende Wirkung hervorriefen. Derselben Zeit gehören die vortrefflichen Schriften des verstorbene» Leopold Kompert aus Wien an; wie der Verfasser sich bei ihrem Erscheine» die Herzen der jüdischen Frauen und Mädchen einst im Sturme eroberte, so dürste» auch heute »och „Die Geschichten einer Gaffe", „Nene Ghettogeschichten" und „Am Pfluge" den ergreifendsten Eindruck auf jedes jüdische Gemüth nicht verfehlen. „Aus Halbasien", „Vom Don zur Donau", „Die Juden von Barnow" führten später den Meister moderner Erzählungskimst, Karl Emil Franzos, mit ungewöhnlichem Erfolge in die jüdische Lesewelt ein; diesen Kulturbildern aus seinem engeren Vaterlande und ans einer Zeit, in welcher die Juden noch zusammen gedrängt in der Gasse, dem Ghetto, wohnten, oft hart bedrückt, geächtet, gemieden gleich den Parias, folgten „Der Kampf ums Recht", „Der Präsident", „Junge Liebe", „Judith Trachtenberg" und vor ganz kurzer Zeit „Der Gott des alten Doktors"; lebenswahr, lebenswarm führt »ns Franzos die ergreifendsten, erschütterndsten Seelengemälde vor Angen. Als Berthold Anerbach vor nun gerade 11 Jahren am 8. Febnar 1882 zu Cannes sein edles Leben anshanchte, gab Profeffor Lazarus