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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-22 · Heft 38 (22.9.1893) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
Seite 451 (sequence 9)
Language
German
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Deutschland, wo die Judenhetze leider so sehr verbreitet ist, hat jetzt und in früheren Zeiten viele Schauspiele mit Beifall ausgenommen, in welchen der Jude auf der Höhe steht. „Uriel Acosta", obgleich nicht ganz nach dem Geschmack der Juden geschrieben, stellt den jüdischen Charakter und den jüdischen Glauben auf eine hohe Stufe und behandelt sie in ernster Weise. Es ist eine große Ehre, aber andererseits eine große Schande für Deutschland, daß trotz Lessing, der einer seiner größten Söhne und während seines ganzen Lebens ein mächtiger Freund des jüdischen Volkes war, und der schon im 18. Jahrhundert in zwei seiner bedeutendsten Werke „Nathan der Weise" und „Die Juden" kühn und muthig gegen die Intoleranz zu Felde zog, dieselbe Intoleranz, aus welcher die Judenhetze entsteht, ein Jahrhundert später ein Schimpf geworden ist für Deutschland und für unser Zeitalter. In der That, wenn man sich fragen würde, wer im modernen Zeitalter bei den Christen am mächtigsten eingetreten ist für die Juden, so würde ich Lessing nennen, und die Waffen, die er benutzte, sind auch jetzt die einzig möglichen in dem Kampfe gegen die Intoleranz und gegen die Verfolgung der Juden. Das Wort und die Feder müffen jetzt das Schwert und das Manna der Inden sein. Um die Judenhetze in Deutschland und die Barbareien Rußkand's zu beseitigen, bleibt den Juden jetzt nur diejenige Waffe, welche Lessing benutzt hat. Und ich kann mir keine stolzere Aufgabe für einen Juden, und keine edlere Aufgabe für einen Christen denken, als in der Zeit der finsteren Unterdrückung, wie Lessing, all den unmenschlichen und unchristlichen Feinden des jüdischen Volkes entgegenzutreten und sie als die Feinde der Gerechtigkeit und der Menschheit dloßzustellen. Wir können uns mit dem Gedanken trösten, daß im Großen und Ganzen in der Welt die Feder für die Juden ist. Das jüdische Volk hat ja auch Feinde unter denen, die die Feder führen, aber es sind deren nur wenige, und man findet solche hauptsächlich unter denjenigen, welche auf Alles schimpfen. Die moderne» Schriftsteller, Journalisten sowohl wie Novellisten und Theaterschriftsteller (ausgenommen die Verfasser von melodramatischen Stücken) thun Alles, was in ihren Kräften steht, um den Juden von den Vorurtheilen, unter denen er so lange gelitten hat, zu befreie». Der Jude ist jetzt eine bedeutende Gestalt in der Litteratur, sowohl Mitabeiter, als auch als Gegenstand derselben. Elende Tyrannei gegen die Juden kann heute in keinem Lande mehr ungestraft, wie friiher, verübt werden. Vertreibt aber ein niedrig stehendes Volk die Juden aus seinem Lande, so streicht die „Feder" dieses Land aus Europa und der civilisirten Welt aus. Dies ist wenigstens Etwas, und wir können hierauf unsere Hoffnungen stützen! Denn „die Feder" ist das Schwert im modernen Krieg — und diese Feder, sie wirkt und kämpfet für die Juden. U Me erste in Amerika gedruckte jüdische Schrift. Von Dr. M. Kayserling. Im Jahre 1763 ging aus der Buchdruckerei des Andrew Steuart in Philadelphia ein Schriftchen hervor, das den Titel hat: „Dankpredigt über den großen und herrlichen Sieg, erlangt am 5. Dezember 1757 über die vereinte und weit überlegene Macht der Oesterreicher, in Schlesien. Gehalten am Sabbath den 10. desselben Monats in der Synagoge der Juden in Berlin von David Herschel Fränckel, Oberrabbiner. Aus dem Deutschen übersetzt. Philadelphia. Gedruckt von Andrew Steuart und verkauft in seiner Druckerei — Bible — in — Heart, 2. Straße, 1763." *) Dieses Schriftchen umfaßt, nach den Mittheilungen des Herrn Profeffor Morris Jastrow in Philadelphias, 16 S. 8°. In der Vorrede hebt der Herausgeber hervor, daß der Verfasser des Schriftchens ein Jude sei; daffelbe liefere den Beweis, daß die Juden trotz des Druckes und der Verfolgung, welche sie unter christlichen Regierungen zu ertragen hatten, voll patriotischer Gefühle und inniger Dankbarkeit gegen diejenigen Regenten sind, welche Weisheit und Humanität genug haben, sie zu beschützen und zu vertheidigen. Als guter Christ schließt der Herausgeber die Vorrede mit der Hoffnung, „daß alle Christen den Juden mit Güte und Freundlichkeit begegnen und für die Wiederherstellung dieser einst glücklichen Nation inbrünstig beten." Diese Dankpredigt, aus Veranlassung der Schlacht bei Leuthen am 10. Dezember 1757 in der Berliner Synagoge gehalten, wurde von Moses Mendelssohn verfaßt, sie worüber hundert Jahre für verloren gehalten, bis ich sie in der Stadtbibliothek in Zürich wieder auffand* 2 3); sie ist im Original so selten, daß sie meines Wiffens außer in Zürich nur noch in der K. Hofbibliothek zu München, in der Gemeindebibliothek zu Berlin und, wie Herr Prof. M. Jastrow angiebt, in der Bibliothek der Pennsylvania Historical Society vorhanden ist. Fata sua libella! Diese unscheinbare Predigt, welche Mendelssohn unter dem Namen des damaligen Berliner Oberrabbiners David Herschel Frankel, seines Lehrers, in die Welt schickte, wurde sechs Jahre nach ihrem Erscheinen in Philadelphia ins Englische übersetzt, und von dieser Uebersetzung erhalten wir jetzt, 130 Jahre nach Veröffentlichung derselben, Kunde! Unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf. wie dieses Schriftchen nach Amerika gelangte? Vielleicht, daß sie der jugendliche Verfaffer selbst oder einer seiner Berliner Freunde dorthin schickte. Der erste Jude, der sich in Philadelphia niederließ und Grundbesitz hatte, war Arnold Bamberger, ein Deutscher, etwa gar ein Verwandter jenes Heimann Bamberger in Berlin, welcher Mendelssohn als armen Talmudschüler in sein Haus aufuahm. So viel steht fest, daß die erste jüdische Schrift, welche in Amerika erschien, ein Produkt Moses Mendelssohns war und die jüdische Litteratur in Amerika mit ihm ihren Anfang nahm. U Mas fallen unsere Töchter lesen? Von Regina Neisser. Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß unsere Töchter in der Geschichte und Litteratur aller anderen Völker viel bester Bescheid wissen, als in der ihres angestammten. Während es zur modernen Bildung gehört, daß unsere Töchter die römischen Cäsaren der Reihe 1) A Thanksgiving Sermon for the important and astonishing victory obtain’d on the fifth of December MDGGLYII over the united and far superior Forces of the Austrians, in Silesia: Preached on the Sabbath of the Tenth of said month at the Synagogue of the Jews in Berlin by David Herschel Fränckel, Arch-Rabbi. Translated from the German original printed at Berlin. Philadelphia. 2) Publications of the American Jewish Historical Society, No. 1.1893. 3) Zun: Siegesfeste Dankpredigt und Dankeslieder von Moses Mendelssohn. Eine Reliquie. Zum ersten Male herausgegeben und mit Einleitung versehen. Berlin, L. Gerschel, 1866.

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