Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- Seite 450 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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450 Der Aude in der Fitteratur. Vortrag von Mr. Hall Caine in London. II. Es ist sicher bemerkenswertst, daß nach Shakespeare und seinen Zeitgenosse» bis ans unser Jahrhundert kein englischer Schriftsteller sich mit einem bedeutenden jüdischen Charakter beschäftigt hat. Ich kenne keine bedeutsame Schilderung des Juden weder bei Fielding, noch bei Richardson, noch bei Smollet. Richard Cumberland schrieb zwei Schauspiele, um Mitleid für die Inden zu erregen: „Der Jude" und „Der Jude von Mogadore"; und Thomas Dibden schrieb das Schauspiel „Der Jude und der Doktor" in der Absicht, den jüdischen Charakter zu vertheidigen. Als eine andere Abart sind zu nennen die Komödien von Sheridan mit der Schilderung von Juden als Wucherern und Christen als Verschwender». Einer von Letzteren freut sich, wie Ihnen erinnerlich sein wird, darüber, daß er glaubt, die zehn verlorenen Stämme der Israeliten gefunden zu haben — denn bei den anderen zwei Stammen hatte er den Kredit bereits erschöpft. Der Versuch aber, welchen Scott in seinem „Jvanhoe" machte, den Isaak von?)ork ohne Einschränkung und ohne Vertheidigung naturgetreu zu schildern, steht auf einer hohen Stufe. Eine kleine Anzahl Schilderungen edler Juden ist hiernach entstanden, und zu den Verfassern derselben gehören auch Disraeli (dessen Theorie von der Rassen-Lehre mehr Aufmerksamkeit verdiente, als sie findet) und George Eliot. Wir wünschten, daß ihr „Daniel Deronda" von ihren, Genius ebenso belebt wäre, wie es ihr „Adam Bede" ist. — Aber es giebt erstaunlich wenig Schilderungen edler jüdischer Charaktere, und von diesen wenigen haben nur einzelne allgemeine Anerkennung gefunden. Zahlreich und populär dagegen sind die Schilderungen kölnischer Juden. Der Fagin von Dickens, ein außerordentlich lebendiges und zweifellos durchaus realistisches Meisterlverk, hat eine zahlreiche Nachfolgerschaft hervorgebracht. Wie kam dies? Hatten die Schriftsteller, in Ermangelung besserer Vorbilder, die vorhandenen nur kopirt? Und wenn dies zutrifft, tragen sie Schuld an ihrer Unkenntniß oder war eine solche nicht zum Theil ein Mißgeschick für sie? Oder haben die Juden vielleicht in ihrem früheren Mißtrauen gegen die Schriftsteller rmd aus Furcht und Haß gegen Diejenigen, welche als Dramatiker und Novellisten sie Jahrhunderte lang mit Hohn und Schimpf verfolgt haben — sich abgeschlossen und so es verhindert, daß man ihre besseren Eigenschaften, die doch kein Mensch offen zur Schau trügt, erkennen konnte? Fürwahr, gar manches Mal scheint es, daß die Juden heute noch, wenn auch die Thore des Ghetto's gefallen sind, abgesondert leben. Vielen Christen erscheiilt die unsichtbare Mauer, welche die Juden mngiebt, undurchdringlich. Mein besonderes persönliches Glück war es, einen oder zwei Juden der trefflichsten Art in innigster Freundschaft nahe treten zu können, und deshalb war es für mich ein Leichtes die alte heroische Seite des jüdischen Charakters kennen zu lernen. Darf ich in einer Gesellschaft von Juden es sagen, daß es bester wäre, wenn der Jude öfters aus seiner Abgesondertheit an das Licht nud an die frische Luft der Welt, die allen Menschen gemeinsam ist, käine? Der Jude ist bekanntlich gesellig und schließt sich leicht an, mit) er könnte ohne Mühe, in England wenigstens, dem komischen Juden, der als Typus des Inden gilt, die Berechtigung nehmen. Die Erwähnung des „Fagin" bringt uns auf die absonderliche Figur, über lvelche wir fast immer lachen, so oft wir das Londoner Leben dargestcllt sehen, die aber eigentlich unfern gerechten Unwillen verdient — es ist die Figur des Juden auf der modernen Bühne. Wir Alle kennen jenen komischen Mann mit dem kleinen schäbigen Hut und langem Gehrock, welcher durch die Nase spricht und einen sonderbaren Gang hat. Der alte historische Narr steht nicht so hoch in der Gunst, wie der niedrige Possenreißer, denn das Publikum lacht mit dem Narren, währendes sich über die komische Figur des Juden amüsirsi Derselbe wird als schlau und feige, gewöhnlich auch als überaus einfältig geschildert. Jeder borgt ihn an, und das Ende ist gewöhnlich, daß deni Juden auf der Bühne der Hut eingetrieben und die Augen blau geschlagen werden. Ich wist nicht sagen, daß diese komische Figur nur geschaffen ist um das Publikum, über den Juden lachen zu machen, da aber irgend eine Zielscheibe für den Witz nothwendig war, so ist es in England ungefährlicher, einen Juden hierfür zu nehmen, als einen Quäker oder einen Bruder aus Plymouth oder selbst einen Mormonen. Da aber die alberne Karikatur auch ein Original haben müßte, das im wirklichen Leben wieder zu erkennen ist, so ist es sicher etwas Jämmerliches, daß dem englischen Volk kein besterer Typus des jüdischen Charakters vorgeführt wird. Wenn wir uns erinnern, wie edel der Jude war, so müssen wir uns fragen, ob das englische Publikum wirklich den guten, edlen Menschen in der Person des Juden nicht sehen kann oder nicht sehen will? Sicherlich ist das Letztere der Fall! Vor einiger Zeit kam ein berühmter Schauspieler zu mir und bat nach, ein Schauspiel mit einer für ihn passenden Rolle zu schreiben. Ich überlegte es mir und entwarf einen Plan, in welchem ein Jude die Hauptperson war. Mein Jude war ein heroischer Jude, er vollbrachte Großes in hochherziger Weise, aber er that es in der Art eines Juden, denn er war ein Jude nach dem wahren Sinne des Wortes. Hieran aber scheiterte meine Kunst. Der Schauspieler wollte nichts von meinem Juden wiffen, denn er behauptete, „ein heroischer Jude ist auf der englischen Bühne eine Unmöglichkeit, denn der Jude muß bei uns vom Komiker gespielt werden." Und warum ist es denn so? Hat man denn wirklich dem Publikum nie etwas Besseres vorgeführt, als einen Hanswurst aus der Trödlerbude in Whitechapel? Oder wollte das Publikum von einem heroischen Juden nichts wiffen, weil es nichts wirklich Heroisches in dem jüdischen Charakter fand? Ich kam zu der Ueberzengung, es liegt in der That keine Veranlastung vor, daß ein edler Typus des jüdischen Charakters in der Litteratur nicht eben so Anklang finden sollte, wie er im wirklichen Leben Anklang gefunden hat, und ich beschloß, auf alle Fälle wenigstens den Versuch zu wagen, einen edlen Juden dem englischen Publikum vorzuführen. Es ist mir noch nicht gelungen, einen solchen auf die Bühne zu bringen, aber ich habe einen heroischen Juden in einer Novelle beschrieben, und zwar mit einem über alle meine Erwartungen großen Erfolg. Ich glaube daher, daß ebenso wie der heroische Jude im Roman Anklang gefunden hat, er auch auf der Bühne anerkannt werden ivird, und der Dichter, welcher die abgeschmackte Einbildung, als daß das englische Publikum in der Person des Juden nur einen Hanswurst mit schäbigem Hut sehen will, zu beseitigen versteht, wird ein gutes Werk vollbringen. Wie in dem Artikel des Mr. Abrahani in der Jnbiläums- Rummer des Jewish Chronicle ausgeführt wurde, ist der Jude vielleicht immer auf der Bühne eine komische Figur gewesen, wenn auch nicht zur Zeit des Aristophanes, so doch im Mittelalter beim Karneval und bei andere» Festlichkeiten, und es ist bekannt, daß die Juden selber im 16. und 17. Jahrhundert bei den Purimfesten sich über ihre Lehrer und in gewisser Beziehung auch über ihren eigenen Glauben auf der Bühne lustig gemacht haben. Es galt in vielen Ländern Jahrhunderte lang als erlaubt, daß die Religion und der Charakter der Juden der Lächerlichkeit preisgegeben werden dürfen, aber nicht aus Toleranz und Gutmüthigkeit, sondern aus Haß und Verachtung, als ob der Jude die Verkörperung aller nur möglichen Untugenden wäre, und als ob er die undenkbarsten Verbrechen begehe» würde.