Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- Seite 448 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228025--50178-3271779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
448 war furchtbar erschrocken, als ich das hörte; auch Professor Bickell sprach nur von diesem Briefe. Ich erklärte ihm: „Ich weiß ebenso wenig wie Sie." Ich bat den Tr. Deckert wiederholt, jenen Brief eines Konvertiten, der nicht von mir stammt, nicht zu veröffentlichen. Tr. Deckert sagte, was liegt daran, wenn der Brief veröffentlicht wird. Sie gehen einfach nach der Schweiz, das Geld spielt ja hier keine Rolle. Eines Tages, als lch eben zur Kirche gehen wollte, kommt die Wirthschafterin des Pfarrers Deckert auf wich zu und sagt: „Kommen Sie gleich zum Herrn Pfarrer, er hat nothwendig mit Ihnen zu sprechen." Ich komme zum Pfarrer, und der sagt mir: „Die Würfel sind gefallen. Der Bri^f ist veröffentlicht!" Ich war ganz weg. Ich konnte nicht einmal was essen und wär ganz krank und blaß. Ich ließ mir den Brief aus dem „Vaterland" von meiner Braut, da meine Augen schlecht sind, vorlesen. Meyer erzählt null in verworrener Weise von einem Professör Meißner — „auch einenl eifrigen Blutritualfreund". Er erzählt ferner, er sei so verzweifelt gewesen, daß er schon daran gedacht habe, zu einem Advokaten oder zu einer Zeitung zu gehen. Er sei mit Pfarrer Deckert bei verschiedenen Personen in Wien herumgekommen; so habe derselbe ihn auch einmal in die Redaktion des „Vaterland" begleitet, bis zu dieser Zeit habe er im Pfarrhof bei Tr. Deckert gewohnt Als ich meine eigene Wohnung hatte, kam eines Tages Prof. Bickell zu lnir, erzählt Mener weiter, sprach mir vom Blutrituale und sagte mir dann: „Sie sind vielleicht in einer schlechten Lage. Wenn Ihnen Geld fehlt, ich gebe Ihnen 1000 Gulden, schreiben Sie mir nur einige Zeilen, daß Sie nicht der Verfasser des Briefes sind." Ich gab darauf keine Antwort, denn hätte ich das Anerbieten angenommen, so hätten die Antisemiten gesagt, ich wäre bestochen; und ich konnte doch auch nicht zugeben, daß ich den Brief geschrieben, denn das wäre nicht wahr gewesen und ich hätte es ja auch nicht über mich gebracht, eine ganze Nation zu verdamnien. 25. Mai wurde ich verhaftet. Präs.: Sie behaupten also. Sie seien von Deckert bezüglich dieses Brieses lnißbraucht worden? — Angeklagter: Ja! Präs.: Auf dein Briefe an Pfarrer Deckert steht Ihre Unterschrift. Wie ist es mit dieser? — Angekl.: Darf ich den Brief (Originalbrief liegt ans dem Tische des Präsidenten) in die Hand nehmen? Präs.: Alles dürfen Sie nehmen, nur inüssen Sie es mir wieder geben. (Lebhafte Heiterkeit.» Ist das Ihre Unterschrift? — Angekl.: Nein! Nach einer kurzen Unterbrechung erzählt Paulus Meyer Pfarrer Deckert sei oft bis 5 Uhr Morgens mit ihm gesessen, habe die Gegenschriften auf die Bloch'sche Polemik verfaßt, und eines Tages sei Pfarrer Deckert an ihn , Meyer) herangetreten und habe gesagt: „Ihre Braut hat eine schöne Schrift; ich habe so viele Schriftstücke abzuschreiben, vielleicht übernimmt das Ihre Braut." Unter diesen von seiner Braut kopirten Schriftstücken habe sich offenbar auch der inkriminirte Brief befunden. Er erkenne ihre Handschrift ganz bestinnnt in dem vorliegenden Text. > Präs.: Haben Sie Ihre Braut gefragt, ob sie den Brief geschrieben hat? — Angekl.: Sie hat gar nicht gewußt, was sie geschrieben hat. Präs.: Das ist merkwürdig. So einen Brief merkt man sich. Uebrigens werden wir die Handschrift in den Briefen Ihrer Braut mit diesem Text vergleichen. Sie, Herr Meyer, haben Sie den Brief von dem Pfarrer nie verlangt? — Angekl. «zögernd): Er wollte ihn mir nicht zeigen. Er hat immer hin und her geredet und ich, ich war so aufgeregt. Präs.: Ja, warum waren Sie denn überhaupt aufgeregt, wenn Sie von dem Briefe nichts gewußt haben? — Angekl. (sehr erregt): Ich bitte, Herr Präsident, mein Name stand unter dem Brief in der Zeitung. Man hat mir diesen Brief unterschoben. Vier arme Juden sind unglücklich gemacht. Tie Sache konnte noch Unruhe in Rußland schaffen. Mein einziger Gedanke war: Ich bin daran unschuldig, ich muß vor's Gericht — dort werde ich freigesprochen. Paulus Meyer spricht im weiteren Verlauf seines Verhörs die Vermuthung aus, Pfarrer Deckert sei durch die mit Tr. Bloch geführte Kontroverse über den Ritualmord angetrieben worden, den Brief schreiben zu lassen und zu veröffentlichen. Präs.: Sie behaupten also jetzt, die ganze Geschichte vom Ritual-- mord ist nicht wahr? — Angekl.: Sie ist nicht wahr. Dr. Porzer: Aber sie haben dem Ehef-Redakteur des „Vaterland" Herrn Jnthal auch die Geschichte mit dem Ritualmord erzählt. — Angekl.: So, davon weiß ich nichts. — Dr. Porzer: Der Herausgeber des „Vaterland" kann es bestätigen. Der Gerichtshof beschließt die Vorladung Jnthal's als Zeugen. Dr. Porzer: Auch Professor Bickell hat angegeben, daß Sie die Autorschaft des Briefes durchblicken ließen. - Angekl.: Das ist nur seine Ansicht. Der Angeklagte verlangt die Vernehmung Bickell's als Zeugen, worüber sich eine längere Debatte entspinnt, welche der Präsident damit beendet, daß er erklärt, kraft seiner diskretionären Gewalt Bickell als Zeugen vorzuladen. Angekl.: Ich bitte, Herr Präsident, er ist aber in Innsbruck. Präs.: Wenn Sie das wissen, warum stellen Sie dann den Antrag, ihn vorzuladen? (Heiterkeit.) — Angekl: Wie ich den Antrag gestellt habe, habe ich nicht gewußt, daß er verreist ist. Der Präsident erklärt, daß er einen Boten in die hiesige Wohnung Bickell's senden werde. Dr. Pattai (zum Angeklagten): Sie behaupten also jetzt, daß Sie in Ostrowo bei dem geschilderten Vorgänge nicht dabei gewesen sind? — Angekl.: Ja, und daß es ein Blutritnale nie gegeben hat. Dr. Pattai: Sie haben aber in Ihren schriftlichen Arbeiten das Gegentheil behauptet. — Angell.: In der Broschüre „Wölfe im Schafspelz" habe ich die Mißstände der Juden beschrieben, nicht blos das Rituale. Es folgt nun das Verhör des Pfarrers Deckert. Pfarrer Deckert erklärt sich für nichtschuldig und erzählt, wie er mit Meyer bekannt wurde. „Meyer kam Ende März zu mir; ich kannte ihn nicht, weder persönlich noch nach seinen Schriften. Er brachte aber Empfehlungen von Rohling mit, in welchen er als tüchtiger Orientalist und sehr verläßlicher Mensch empfohlen wurde. Auck wies Meyer eine Reihe von Attesten vor aus Orten, wo er als Judenmissionär in Verwendung stand. Unter Anderem überreichteer mir eine Broschüre: „Wölfe im Schafspelz", worin er sich anheischig machte, ein wissenschaftliches Werk über den Ritualmord zu schreiben. Meyer bat mich hierauf sehr dringend, ihm an die Hand zu gehen. In Deutschland sei er unmöglich; die Juden haßten ihn als Konvertiten, die Protestanten, weil er Enthüllungen über die Jndeninission gemacht habe. Er suche nun ein stilles Plätzchen, wo er ein Werk schreiben könne. Ich ging auf sein Anerbieten nicht augenblicklich ein und sagte, man müsse sich die Sache überlegen. Ich fragte ihn aber, was er brauche und wie lange die Sache dauern werde. Nach einigen Tagen kam er wieder zu mir in Begleitung des Universitätsprosessors Bickell. Ter stellte mir den Mann als seinen guten Freund vor und erzählte mir und bat, ich möge mich für ihn verwenden, damit er hier seine wissenschaftliche Arbeit machen könne. Ich gestehe aufrichtig, daß gerade die warme Empfehlung Bickell's für mich von Werth war. Ich hatte derart zwei Zeugnisse für Meyer, das eines Antisemiten, Professor Rohling, und das eines Philosemiten, des Professors Bickell. Deshalb bin ich auf den Antrag Meyer's eingegangen und ich habe in Gegenwart Bickells einen Vertrag mit ihm geschlossen, wonach sich Meyer verpflichtete, sein Werk zu schreiben, aber nicht blos mit Stellen aus dem Talmud, die ohne Kommentar zu geben wären, sondern mit dem Beweise für den Ritualmord der Juden. Der Vertrag liegt hier (auf ein Blatt auf seinem Tische weisend). Professor Bickell hat den Vertrag dem Meyer vorgelesen und dieser unterschrieb ihn Meyer ging hierauf nach Leipzig und schrieb mir, ich solle ihm eine Wohnung besorgen. Dann kam er mit seiner Braut, die er ehelichen wollte, und da die Wohnung noch unmöblirt war, nahm ich ihn bei mir auf, während er seine Braut bei einer Freundin unterbrachte. Dann zog Meyer in seine Wohnung, soviel ich weiß, hat seine Braut aber auch dann noch bei ihrer Freundin gewohnt. Inzwischen war in der „Oesterreichischen Wochenschrift" der Angriff gegen meine Broschüre erschienen, den man, wahrscheinlich um mich zu ärgern, mir ins Haus brachte. Ich konnte nicht stillschweigen. Denn meine Broschüre, die auf Grund historischer Akten geschrieben war, wurde von Bloch ein Pamphlet genannt, das sich an Niederträchtigkeit und Lügenhaftigkeit den berüchtigtsten Schriften anreihe. Ich ließ den Meyer den Artikel lesen, er empörte ihn aufs Tiefste. Im Laufe unserer Unterredung sagte er mir: Herr Pfarrer, ich kann nicht blos beweisen, daß es ein Blutrituale giebt, sondern ich bin selbst Augenzeuge gewesen von solchen Kinderschächtungen — und Meyer erzählte mir unter Anderem das Faktum von Ostrowo viel ausführlicher, als es im Briefe erzählt wurde. Ich konnte im Anfänge, aufrichtig gesagt, nicht daran glauben, weil mir die Sache gar zu blutig schien, aber ich hatte Aehnliches in der Historie gelesen und unmöglich war es schließlich nicht.