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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-15 · Heft 37 (15.9.1893) · p. Seite 444

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
Seite 444 (sequence 14)
Language
German
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444 Erinnerungen Israels wieder. So war die Einheit hergestellt, die von! diesem schöpferischen Geiste ausging, so war die Harmonie gefunden, die! ihm Israel und die Menschheit zu einem Bunde vereinigte. So war er! auch dem Ideal nahegekommen, dem er von je und je zustrebte: die Muse! Jehuda Halevi's hatte ihn geküßt — „und des Kusses holder Nach-! klang — bebt in jedem Lied des Dichters — das geweiht durch diese Gnade!"! Und wie einst der große Heldensänger ans den Fluren Andalusiens,! sang auch er Lieder an Ofrah, seine rehäugige Liebe, Lieder beim j schäumenden Pokal der Lebenslust, aber auch Lieder der Weisheil und j der Erfahrung, und vor Allem und über Allem Lieder an Zion! Ja, ein rechter Abul-Hassan-Sänger war unser Bernhard Löwenstein! Und viel von dem Geiste des alten Andalusiers lebte und webte in ihm, nahm Farbe und Gestalt in seinem Schaffen an. So haben die Treuen, die ihm am nächsten gestanden, mit Recht diesen köstlichen Liederhort, den sie nun aus dem Nachlasse des Unvergeßlichen herausgehoben, „Abul- Hassan-Lieder" genannt, gleichviel, ob es treu dem Liede Jehudas sich anschmiegende oder seine Gedanken fortspinnende und nachbildende Weisen und Klänge sind, die sie uns von dem modernen Abul-Hassan spenden. Ich wollte meinem Freunde so gern singen das Lied meiner Liebe, wenn ich nur die Kraft hätte, die ihm selbst zu eigen war, der Liebe Lust und Leid in der Töne anmuthigem Neigen erklingen zu lassen Mir aber ist diese Gotteskraft versagt und so muß ich demüthig mich bescheiden, in schlichten Worten des Heimgegangenen Freundes von dieser Stelle aus zu gedenken. Aber nur Eines sei mir zu sagen noch verstattet: Wie im Liede, so war auch im Gedanken Bernhard Löwenstein ein treuer Jünger Jehuda Halevi's. Sein Judenthum hatte wenig gemein mit den Strömungen der Tage, in welchen er lebte. Es hatte eine romantische Färbung, eine poetische Hülle. Sein Denken war dichterisch verklärt, sein Dichten mit reifem und reichem Gedankeninhalt erfüllt. Und wie ein echter Sänger, auch darin seinem Ideal getreu, spendete er mit wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit von dem Reichthum seiner Lieder und Gedanken mit vollen Händen an Alle, die gleich ihm liebten und glaubten und mit ihm in der Treue und in der Ueberzeugung lebten, daß dermaleinst die großen Hoffnungen in herrliche Erfüllung gehen werden, die die Prophetenbrust geschwellt, die das Sängerherz erfüllt, die in Gesichten uud Gedichten Israels zu so erschütterndem und doch wieder auch erhebendem Ausdruck gekommen sind. In diesem Glauben sprach und sang und lehrte unser Freund während feines ganzen, mit reichern Inhalt erfüllten Lebens. Und so steht sein Bild in diesem Augenblick vor meiner Seele als das eines Jüngers der Propheten und Sänger, eines Priesters der Liebe und des Glaubens, eines reinen, eines guten und edlen Menschen. So war Bernhard Löwenstein, so lebte er, so starb er, so wird er fortleben im Gedächtnis; aller derer, die ihn gekannt und geliebt haben. Ach, daß ich nicht singen kann meinen: Freunde das Lied meiner Liebe! Aber die Wellen rauschen dieses Lied, die Wellen des Stromes, an dem seine Wiege gestanden und all dessen rebenumkränzten Ufern ich dieser Abul- Hassan-Lieder mich erfreute. D, mögen sie Grüße mitnehmen in des j entschlafenen Sängers heimathliche Flirren und auf sein stilles Grab,! das wir, so oft diese Abul-Hassan-Lieder in uns wiederklingen, ilnmer mit der Seele suchen werden! Gustav Karpeles. — Die an den Berliner und vielen anderen jüdischen Gemeindeschulen ' erfolgte Einführung der „Deutschen Schreib-Lese-Fibel" nach der j analytisch-synthetischen Lehrmethode und des „Ersten Lesebuches" von; R ap hae l Cohn (Lehrer an der Knabenschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin) — S. Gerstmanll's Verlag in Berlin — ist durch Verfügung vom - LU. Juni 1888 von dem Königl. Unterrichtsministerium mit dem Bemerken : gestattet worden, „daß den Provinzial-Behörden gegenüber von dieser Verfügung Gebrauch gemacht werden kann " — Wir machen daher die Schul- I Vorstände und Lehrer jüdischer Elementarschulen besonders aufmerksam, daß auch neuerer Verfügung zufolge, „nur s olche Schulbücher, die bisher schon an einer größeren Anzahl von Anstalten im Gebrauch sind und sich bewährt haben, vor anderen bei den Vorschlägen zu berücksichtigen sind". — Diesen Bestimmungen entsprechen diese i Lehrmittel, da sie seit mehreren Jahren an vielell israelitischen Schulen im j Gebrauch sind. Dieselben gehören 31t der nicht großen Zahl von Lehrbüchern, : die ganz und gar aus der Praxis erwachsen und darum wie wenige geeignet sind, dem Bedürfniß der israelitischen Schule zu dienen, sie entsprechen, hin- : sichtlich der Methode und 'Ausstattung allen pädagogischen Anforderungen. - Auch die Auswahl der Lesestücke zeigt den praktisch erfahrenen Schulmann.! Sprerhfaat. Geehrter Herr Redakteur! Eine „Zeitung des Judenthums", will sie der Anfgabe gerecht werden, eine Beobachtungsstation zu sein des inneren jüdischen Lebens und zugleich ein Wachtposten gegen äußere Gefahr, darf sicherlich nicht ignorirend über große Gebiete des geistigen Lebens hinwegsehen, auch wenn diese nicht direkt mit dem Judenthum in Beziehung stehen. Ein solches Gebiet ist die Kunst. Deshalb freute ich mich herzlich über den „In der Kunstausstellung" betitelten Aufsatz, auch wenn ich es bedauern mußte, in dem Verfasser einen Anfänger der realistischen Schule herauszuerkennen. Ist doch mit dieser Besprechung anerkannt, daß auch das Judenthum die Pflicht hat, der Kunst volle Beachtung zu schenken, da sie eine gar gewaltige Gebieterin ist. Ihre Machtmittel sind freilich nicht die eisernen Gesetze der Vernunft, nicht die Ueberzeugung, — das Gemüth ruft sie an, bald bittend, bald lockend, bald gebietend; heute mit zarter Engelsstimme, morgen mit weit tönender, die große Masse aufrüttelnder Racheposaune. Allen Völkern ist ihre Sprache verständlich. Sie kann aufreizen und sänftigen, Krieg entfesseln und Frieden stiften. Wer kann ermessen, wie weit die Wirkung eines gemalten, gemeißelten Gedankens reicht, welche Saat ein von der Bühne gesprochenes oder gesungenes Wort in die Herzen der Zuhörer streut? Vornehmlich Thalia, diese große Volksrednerin, hat von je her des Volkes Herz beherrscht, und wir sollten wohl etwas aufmerksamer darauf achten, ob auf den Brettern, die die Welt bedeuten, der Jude auch die ihm geziemende Rolle spielt. Leider war das lange nicht der Fall. Die mittelalterlichen Mysterien und Passionsspiele mögen nicht am wenigsten Schuld an den damaligen Judenverfolgungen tragen, und Shylock hat sicherlich hundertfach den Juden mehr geschadet als Nathan der Weise gut machen konnte. Ist aber die Bühne eine so gewaltige Stimmungserregerin, so sollte der Jude sich sehr bemühen, ihre Hilfe zu erlangen, in dem so schweren Kampfe des Tages und sich hüten, daß sie ihm nicht schade. Und helfen wird sie ihm, thut sie das, was ihre schönste Aufgabe ist: zu zeigen den Menschen nicht wie er ist, sondern wie er sein sollte, — edel, hilfreich und gut, nicht der Verfolger, sondern der Freund seines Nebenmenschen. Und wenn der Idealismus dem Realismus Platz machen muß, dann möge dieser in seiner Lust an der Wiedergabe des Häßlichen doch ja nicht vergessen, daß die Kunst aufhört Kunst zu sein, wenn sie dem Häßlichen nichts Versöhnendes beizufügen versteht. Und da muß ich auf den Aufsatz in der Nr. 34 der „Zeitung des Judenthums" „Eine Partie Klabrias" zurückkommen. Alle Hochachtung vor dem Wissen und Können des Herrn Fritz Mauthner. Aber seine naturalistische Schwärmerei für diese „Judenposse" geht doch wohl zu weit. Man kann ein guter Naturalist sein und doch vor dem Uebermaß von hautgout sich die Nase zuhalten. Gerade in heutiger Zeit, wo unsere Widersacher wahrlich schon genug thun, um aus dem Juden ein moralisches Zerrunb Schmutzbild zu machen, müßte sich jeder Jude, ja jeder wohlgesinnte Unparteiische gegen eine solche Beleidigung des Juden, wie sie die „Partie Klabrias" enthält, energisch wenden. Diese „Judenposse" wirkt wie eine Mischung von allerlei Gerüchen — aber nicht gar lieblichen. Da erscheinen vor uns nur vier Juden und eine Jüdin fünf Personen, aber alle fünf körperlich und sittlich ungewaschene Individuen — jeder Zoll ein Lump! Die Sprache gemein wie in der niedrigsten Spelunke. Und diese Gesellschaft soll ein Stück jüdischen Lebens charakteristisch wiedergeben? Ich danke! Nein! Das ist eine schauspielerische Pfütze, das sind Pennbrüder mit jüdischen Larven. Der Jude gerade ist in den seltensten Fällen ein ständiger Kneipensitzer, er ist kein stereotyper Falschspieler, kein Pumpgenie, und nie spricht er mit und von seiner Frau in so realistisch-pöbelhaftem Tone wie Herr Simon Dalles. Der „Realist" freilich wirft uns Nervosität vor, Unempsänglichkeit für derbe Komik re. Ich aber frage: Wo steckt denn eigentlich in dieser Bühnenzote das Neckende, wo der Humor? Lachen kann da nur die kritiklose Masse und — der Antisemitismus. Berlin, 8. September. U. ß. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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