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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-15 · Heft 37 (15.9.1893) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
Seite 442 (sequence 12)
Language
German
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442 Zwischen Himmel und Erde. Eine Jugenderinnerung. Von Wilhelm G o l d b a u m. Wunderliches Spiel der Erinnerung . . . Seit einem Vierteljahr- Hundert trug ich die (beschichte mit mir herum, wie etwas längst Gestorbenes, und eines Tages, da die Nachricht non dem Tode des weiland polnischen Jnsurgenteugeuerals Maryau Langiewiez kam, stand sie plötzlich, als hätte der Zauberstab eines Nekromanten sie berührt, mit allen ihren Einzelheiten lebendig vor meinem Geiste. Und mit ihr ging, wie zu ihr gehörig, die Melodie eines halb verschollenen Liedes, das damals gesungen wurde — des Boze cos Tolske — durch meinen Sinn. Ich dachte an die Geschichte, ich summte das Lied, als wäre es lvieder Anno 1863, da ich als fröhlicher Bursche an einer der östlichen deutschen Hochschulen die Fuchstaufe empfangen hatte und der ersten Mensur entgegenbangte, wie der Wanderer vor Theben dem Räthsel der Sphinx. O du fröhliche, selige Jugendzeit, wie bist du so weil, so weit! Und hat denn meine Geschichte einen Zusammenhang mit Maryan Langiewiez, der am User des Bosporus stückweise an seinem überlebten Ruhme gestorben ist? Ja und nein, wie man's eben nimmt. Gekannt habe ich weder den General, noch seine abenteuerliche Adjutantin Henriette Pustowojlow, die russische Amazone in polnischer Uniform. Mir war auch damals schon an Langiewiez zumeist der Umstand von Interesse, dag er ans demselben Ort stammte wie der um vier Jahre ältere deutsche Dichter Otto Roguette, nämlich aus der Stadt Krotoschin im Posen'schen, welche weder viele Kirchen noch viele Kapellen hat, dagegen viele unserer Glaubensgenossen, und die im Jahre 1848 sich durch einen liberalen Landrath hervorthat, dessen Tochter wiederum die verstorbene Erzählerin Klara Detlef, rede Klara Bauer war. Wie mannigfach die Früchte des nämliehen Bodens sein können! Der polnische Diktator — der Dichter von „Waldmeister'-) Brautsahrt" die deutsche Erzählerin russischer Geschichten sie Alle dem gleichen Stück Erde entkeimt, das sonst nicht-) tragt, als dunkle Nadelwälder ltnb lveitausgestrente Kartoffelfrucht, dazwischen schütteres Korn und dürftige Hafersaat. Und wie verschieden sich die BU'nsehenschicksale gestalten! Um den Einen. der zil Dannstadt als Professor zwischen seinen Büchern sitzt, klingt und singt cs von süßen Liedern, welche er einst in jungen Wandertagen den rauschenden Wellen des Aheinstroms abgehorcht; der Andere legt rnüde im Frankenviertel von Byzanz sein Haupt nieder, das ein flüchtiger Glorienschein kaum für etliche Wochen uunvoben . . . Doch davon soll nicht weiter die Rede sein, da ich nur eine Geschichte erzählen null, deren Held in dunkler Beziehung stand zu dem polnischen Todten — eine Geschichte, die vielleicht gar keine ist, weil sie ein Ende, aber keinen Anfang, eine Moral, aber keine Tendenz hat. Zwei sonderbare Stubenkameraden waren es, ein polnischer Student der Medizin und ein holländischer Student der jüdischen Theologie. Sie hockten zusammen in einem Erkerstnbchen, durch dessen Fenster man aus den breiten Strom hinabblickte und über densclben hinweg auf ein von zahlreichen Kirchthürmen überragtes Häusergewirr. Ter Pole, ein schlanker, hochgewachsener Jüngling, voll Beweglichkeit und Elastizität, mit blassem Antlitz und brennenden dunklen Augen, der Holländer klein und bucklig, mit einem endlos breiten Munde in dem weihen Gesicht nnd langet! Armen, die gleich Mühlenflügeln unanshörtich durch die Lust fuchtelten; der Pole schweigsani, gefällig, zurückhaltend nnd stets wie von einem Geheimnisse umhüllt. der Holländer von einer prosaischen Aufrichtigkeit, die in ihrer grenzenlosen Wortfülle beinahe komisch wirkte; der Pole ein Liebling der Professoren, der Kommilitonen, der Frauen, dee Holländer Allen ein Kuriosum. „Tu gehst heute nach dem Weidendamm," sagt der Pole in ge brochenenl Deutsch. „lind Tn?" fragte der Holländer in anders gebrochenen Deutsch. „Ich erwarte Besuch." Der Holländer thak, wie ihm geheißen und stolzirte in die weite blühende Gotteswelt hinaus. Im Grünen unter den Weiden welche das User des Stronies einsämnten, trafen mir ihn, nnd e paradirte zwischen uns, die Mütze so schief über dem rechten Ohr daß sie fast den spitzen Höcker, der ihm au der Schulter emporkroch zu berühren schien. Wir fragten ihn nicht nach seinem Stubenkameraden, denn de hatte eine Art Privilegium, geheimnißvoll zu sein; er lebte, kneipte pumpte nnd saug mit uns, aber wenn er auch lustig und aufge knöpft schien, blieb etwas Verstecktes, Heimliches au ihm, das mi zuerst vergebens zu ergründen suchten, daun als etwas Uuabäuder liches und Selbstverständliches hinnahuien. Einiges wußten wir doch über ihn auszusageu. Er war de Sohn eines Baders in jener kougreßpoluischeu Stadt unweit de galizischeu Grenze, wo ein berühmtes Muttergottesbild von hunder Meilen her die Wallfahrer anlockt; er hatte auch in Paris ge leb und daher stannnte sein vielbewundertes Französisch, das er bisweile' im Gespräche mit lustigen Gouvernanten glänzen ließ. Auf de Mensur mar er gefürchtet, und im Schwimmen, Reiten, Pistolen schießen that es ihm Keiner gleich. Wußte der Holländer mehr als wir von seinem mysteriöse! Schlafgesellen? Anscheinend nicht, denn so viel er auch schwatzte tun den Besuchen, die jener machte und empfing, verriet!) er nicht di leiseste Keuntuiß, und auch darüber machte er sich keine Gedanken woher der arme Baderssohn das Geld nahm, um die höchst elegant Toilette, die er machte, zu bezahlen. Ein arabischer oder hebräische Text war ihm interessanter als Alles, was um ihn her vorging, du blonde Fanny, das Töchterlein der Wirthin, ausgenonnnen, die ihn der Stubenkamerad zuweilen großmnthig abließ. Fanny aber wa stunun wie das Grab, sobald auf den Polen die Rede kam. Si nagte nur mit den kleinen raubthicrartigeu Zähnen au der rothei Unterlippe, und wie Verklärung schimmerte es aus ihren tiefblaue! Augen. „Zu Hause?" „Nein, auf der Klinik." „Wann tourmt er?" „Ich weiß nicht." Tie liebliche Schlange konnte still sein mie ein Weiher in de Waldeinsamkeit und auch wieder ausgelassen lustig wie ein Wildbach der zu Thal tanzt. Sie war, mie er's verlangte. Das Semester ging in die zweite Hälfte, da kam die Kund> von der polnischen Insurrektion. Es war eine Belveguug unter der polnischen Kommilitonen, die jeder Beschreibung spottete. Sie hielte! geheiuie Zusammenkünfte, kauften Revolver und verschwanden dutzeud weise, um über die Grenze zu schlüpfen und sich den Insurgenten banden anzuschließen. Fanny war nachdenklich, der Holländer unwirsch. Wir käme! zu oft in das Erkerstnbchen, wo wir Neues zu erfahren hofften „Zu Hanse?" „Nein, seit vorgestern hat er sich nicht gezeigt." „Wo kann er sein?" Fanny zuckte mit den Achseln, der Holländer besorgte, daß ei

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