Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-15 · Heft 37 (15.9.1893) · p. Seite 440

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
Seite 440 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228024--50161-3271761
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

440 -E» FEUILLETON -<*- Wie mein Urgroßvater meine Urgroßmutter bekam. Nach den Berichten seiner Mutter erzählt von Gustav Eichengrün. Tort, wo daS sauerländische Gebirge gen Norden abfällt, liegt in einein romantischen Wiesenthale das Dorf Wünnenberg. Ein liebliches Flüßchen, das in seinen Kindestagen im Berglande die mnthwilligsten Sprünge geinacht hat, fließt nun mit ruhigem Geplätscher durch seine bluinenbekränzten Ufer. Gar oftmals späht es noch, Jugenderinnerungen im Herzen tragend, wehmüthig zu den waldigen Bergen hinauf. Dann nimmt es Abschied von Jugend und Unschuld, nnd nachdenklich setzt es seine Wanderung fort zum großen Strome. Ein Fahrweg begrenzt das Wiesenthal. Jenseits desselben zieht sich die weite, friichtbare Ebene hi». Da sieht man Acker an Acker, saftiger, grüner Klee wechselt mit wogendem Roggen, Hanf und Flachs mit ährenschwerem Weizen ab. Durchschreite! man diese gesegneten Felder, da merkt man gleich: hier nniß ein gesunder Bauernstand sein. So ist's jetzt — und so war's auch damals, vor hundert Jahren schon, in jener Zeit, da unsere Erzählung spielt. Jedoch in einer Beziehung sah es damals anders aus als jetzt. Die Fahrstraßen waren in einem recht traurigen Zustande, und darum war die Verbindung mit der Stadt dem Bauer sehr beschwerlich. So kam es, daß die gewerbetreibenden Juden unseres Dörfchens ihin willkommene Abnehmer für sein Lieh und sein Getreide waren. Der Bauer kaufte bei seinem Juden seine Waare auf Borg, und erst im Herbste pflegte er mit einem Theile seines Getreides zu zahlen. Das ging Alles in Treu und Ehrlichkeit zu. Wußte doch der umsichtige Bauer, daß sein Jude ihm dieselben Preise für sein Getreide zahlte wie der große Kaufmann in der Nachbarstadt. Das Alles trug dazu bei, daß die zehn jüdischen Familien mit der übrigen Bevölkerung in Fried' und Freundschaft lebten. Nur das Eine konnte den derben westfälischen Bauer verdrießen, die vielen jüdischen Feiertage. Da will er sich heute gerade die Waare für den täglichen Gebrauch holen, und der gewissenhaft feiernde Jude will nicht verkaufen, wenn auch der Schulze oder der Eckersmeyer ihr ganzes Gut für ei» Pfund Zucker geben wollen. Auch heute feiert die Judenschaft. Sch'wuos war, das herrliche Fest. Da draußen keimt und sproßt es, singt und jubilirt, als wollt' die ganze Erde mit dem Menschen dem himmlischen Vater Dank abstatten, daß er heut vor tausend, tausend Jahren zwischen Mensch und Thier, und Baum und Strauch und Blume den großen Friedensbund geschlossen hat. „Ein schöner Feiertag ist's heute," spricht der greise, ehrwürdige Jakob Cohn zu seiner Ritvke. „Ein schöner Feiertag," wiederholt sie, nnd dabei schaut sie mit ihrem treuen, schwarzen Auge so frisch und sonnig in die Welt, als wäre sie noch in voller Jngendkraft. „Er geht mir nur zu schnell zu Ende," fügt sie hinzu. — Zwei junge Leute traten ins Zimmer. „Liebe Eltern," Hub der Eine an, „mein lieber Freund, Reb Chajtm, will nicht länger bleiben. Fest beharrt er bei seinem Vorhaben, mich heut nach Feiertags-Ausgang zum Markte nach Delbrück zu begleite» und seine Wanderung fortzusetzen." Der Sprecher war ein stark gebauter, großer Mann von etwa dreißig Jahren. Die gewölbte Stirn und das lebhafte Auge gaben ihm ein edles Aussehen. Sein Begleiter war in denselben Jahren. Kleidung und Aussehen ließen erkennen, daß er ein armer Wanderer war. „Ihr solltet noch bei uns bleiben, Reb Chajim," bat Jakob. „Es hat meinen alten Herzen gar wohl gethan, wenn Ihr mit meinem Markus Euch so eifrig aus Thora und Talmud unterhalten habt." „Auch mir," entgegnete Reb Chajim, „war es eine Wonne, mit Erirem braven Sohne debattireu zu können. Hab ich doch auf meiner ganzen Wanderung nicht einen Mann gefunden, der so in Mischnah und Gemarrha erfahren ist wie Euer Sohn." Leuchtenden Auges hatte die Mutter während dieser Unterredung ihrem einzigen Kinde ins Antlitz geschaut. „Mein Markus!" sprach sie. Dieser ergriff ihre Hand und streichelte sie mit inniger Zärtlichkeit. „Wenn ich Euch mm bitte, Reb Chajim," sagte sie zu dem Fremden gewandt, „würdet Ihr dann bleiben?" „Nein, nein, es geht nicht, gute Mutter," versetzte dieser. „Auch ich habe in der Heimath theure, liebe Eltern, die meiner Zurückkunft harren. Ich begleite Markus zum Markte nnd wende dann meine Schritte heimwärts." „Nun denn," fiel der Vater ein, wenn es nicht geht, dann ziehet in Frieden, Reb Chajim." „So scheide ich denn," schloß der Rabbi. „Doch Eure Gastfreundschaft werde ich nie vergeffen." „So laßt uns heute Nachmittag," begann Markus nach einer Pause, „noch ein Kapitel aus einem mir liebe», theuren Buche lesen!" Markus brachte „More Nebuchim" herbei, und die Jünglinge erquickten Herz und Geist an den weisen Worten eines tiefen Denkers. Vater und Mutter lauschten still, und des Himmels Frieden ergoß sich über Alle. Kommt man vom Gebirge thalwärts, so trifft man, ehe die Fahrstraße erreicht wird, auf ein Häuschen an der Felswand. Der eigenthümliche Geruch verräth, daß es das Haus eines Metzgers ist. Franz Tüns ist der Name des Besitzers. Er ist eine große, kräftige Erscheinung. Sein langes, struppiges Haar hängt ihm wild über der Stirn; listige Auge» schiveifen unsicher umher und geben dem Manne etwas Unheimliches in seinem Benehmen. Ein schwarzer Bart umrahmt sein fahles Gesicht. — Die Abendstunde ist herangekommen. „Geh zu Bett, Marie," spricht Tüns in befehlendem Tone zu seinem Weibe. Marie löst ihr langes, blondes Haar, faltet ihre Hände zum Gebet und will gehen. Doch sie wendet sich zurück, und ihr bleiches Antlitz zeigt die Spuren großer Erregung, als sie mit zitternder Stimme zn ihrem Manne spricht: „Du willst doch heute nicht wieder ins Wirthshans?" „Geh, Weib," fährt er sie zornig an. Kein Widerspruch, sie geht ins Kämmerlein. In ein Waschbecken, das neben der Thür angebracht ist, taucht sie ihre Hände und besprengt sich mit Weihwasser. Sie sieht nach ihrem Kinde, der vierjährigen Anna, küßt es auf Aug' und Mund und bang seufzend geht sie zu Bette. Franz Tüns begab sich nnterdeß in den neben seinem Hause gelegenen Garten. Der untere Theil desselben war mit Gemüse bepflanzt, der obere war, da er steil anstieg, zum Rain umgewandelt worden. Junge Zwetschenbäume standen da in regelmäßigem Abstande aneinander gereiht. Der Rain war nicht, wie das sonst geschieht, durch einen Zaun abgegrenzt, der Wald vertrat diese Stelle. Dort am Waldessaum legte Tüns sich nieder. Tiefe Nacht war indessen hereingebrochen. Dunkle Wolken zeigten sich hier und da am Himm sich m des D Walde bartlck an u» Delbri wieder „Hab fängt er hin Mark, vor, „ Schtik den 6 Gesich Glori „Du das heidni der 3 ihre 5 Glanl und: ist di dem Sam Bewe Langl kniete Händ wehe dem wäre „Nu, um < starb Hoff' die 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.