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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-15 · Heft 37 (15.9.1893) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
Seite 439 (sequence 9)
Language
German
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Zangr cke Andere en Schrifthen Nation ranzösischen sie heraus- In Deutschland giebt es diele und bedeutende jüdische Namen unter den Schriftstellern, ich nenne nur Lazarus, Steinthol, Karpeles, Rodenberg und Karl Emil Franzos, den Verfasser von „Eiir Kampf nm's Recht", einen der modernen Schriftsteller, der zu den „Aelteren" gehört, einen jüdischen Romanschreiber, der sich gegenwärtig besonders durch seine eifrige Thätigkeit für seine russischen Brüder auszeichnet. Ja sogar in Rußland ist der jüdische Gelehrte keineswegs unbekannt, denn zu den Juden zählen Weinberg, Rabinowitsch, Ledanda, Shapira und Chwolson. Wenn zu dem Bereich meiner Besprechung auch die Kunst, das Drama und die Musik gehörten, so würde ich die Anzahl der großen Namen unter jüdischen Schauspielern, Komponisten und Malern, welche in der Welt existiren, sehr vergrößern können. Vergessen will ich aber nicht zu erwähnen den Präsidenten der Maccabüer Mr. S. I. Solomon.'') Im vergangenen Jahr feierte „Jewish Clironicle“ sein Jubiläum durch eine glänzende litterarische Beigabe, und vor einigen Jahren that die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" eine jüdische Zeitung, die einen Ruf in ganz Europa besitzt, das Gleiche. Kurzum, ich kann bestimmt behaupten, daß der Jude augenblicklich eineu großen Antheil hat an der geistigen Arbeit der Welt. Und diese Namen, so hervorragend sie auch sind, was auch von ihren Trägern geleistet wurde und noch geleistet werden wird, sie sind vielleicht nur die ersten Früchte von dem, was der Jude auf dem Gebiete der Litteratnr noch schaffen wird. Wenn es richtig ist, „daß große Dichter in ihren Liedern lernen, was sie in ihren Liedern lehren", so ist die Vergangenheit des jüdischen Volkes, welches reich war an Unterdrückungen, sicher nur eine Schule gewesen, ans welcher noch große litterarische Geister hervorgehen werden. In der That, wenn man die unstreitig große geistige Kraft des Juden berücksichtigt, wenn man das wechselreiche Leben, welches er Jahrhunderte laug, in vielen Ländern durchzumachen hatte, wenn man seinen Humor, seine dramatische Begabung — sowie seinen heiligen Glauben, ivelcher ihn stets jung erhalten hat, da ihm daraus die Hoffnung auf eine große Zukunst leuchtet, in Betracht zieht, so ist es sicher keine leere Annahme, daß, wenn einstens noch ein hervorragender geistiger Genius erscheinen wird, es nicht unwahrscheinlich em Jude sein wird. Wir haben kürzlich genug von verschiedenen modernen Shakespeares — meist Talmi - Shakespeares — gehört, aber ich könnte mir viele Dinge vorstellen, die undenkbarer sind als die Prophezeiung, daß eines Tages ein jüdischer Shakespeare aus dem bewegten Leben, das die Juden in Rußland führen, entstehen könnte! Bei Behandlung des zweiten Theiles meines Vortrages: „Der Jude als Gegenstand der Litteratnr", begebe ich mich auf ein gefährliches Gebiet. Es tritt uns hierbei der alte Widerspruch entgegen, der stets au dem litterarischen Charakter des Juden haftet. Auf der einen Seite finden wir die Geschichte eines historischen Volkes, das groß im Glück und stark im Unglück war, auf der anderen Seite sehen wir das häßliche Bild, welches das Volk Jahrhunderte lang ivie ein erbliches Stigma mit sich herumschleppt. Denken wir an den Juden als Figur in der Litteratur, so erinnern wir uns zuerst an Shakespeare. Wie schilderte Shakespeare den Juden? Die Antwort scheint ungünstig auszufallen, dem er spricht von ihm stets wie von einem Ausgestoßeneu. Er schildert ihn als das Bild der Schlauheit und Falschheit, er wirft die Leber eines Juden — glücklicherweise eines ungläubigen — in den Hexenkessel, um schauderhaftes Unheil daraus entstehen zu lassen, und er giebt in der Person des Shylock deutlich wieder, welche Auffassung er von dem Juden hat. Es mag fein, daß der moderne Jude dieser Beleidigung wegen Shakespeare etwas weniger liebt trotz aller Verehrung des mächtigen Genius. Meine eigene Verehrung für Shakespeare ist aber so groß, und meine Ueberzeugung von seiner prophetischen Gabe so unbeschränkt, daß es mir leid thun würde, zu glauben, daß er in dieser Beziehung, nämlich in seiner Schilderung des Juden, nicht ebenfalls, wie in allen anderen Dingen, wenigstens um drei Jahrhunderte seiner Zeit voraus war. Wir müssen uns nur erinnern, daß zn seiner Zeit die Juden in dem Volke als eine ausgestoßene Nation, als Feinde der Menschheit und besonders der Christen galten, wie wir aus Marlowes „Jude von Malta" und anderen Schriften ersehen. Und wenn ein Jnde sich getränkt fühlen sollte, daß der größte aller englischen Dichter in dein jüdischen Charakter nichts Anderes, als Habsucht und unbarmherzige Rachsucht sah, so mag er in ein Theater gehen, wo Ter „Kaufmann von Venedig" gespielt wird, und er möge nicht auf das Spiel, sondern auf die Wirkung achten, welche das Stück auf ein christliches Publikum ausübt. Wenn er aber das Glück hat, — wie ich vor kurzer Zeit — Shylock von Henry Irving dargestellt zu sehen, so würde sein Aerger gegen Shakespeare für immer schwinden. Er wird sich überzeugen, daß der Mann, der als die Verkörperung alles Bösen geschildert loird, den Mittelpunkt des menschlichen Interesses bildet. Jedes tiefere Gefühl, welches bis zum Herzen dringt, wird durch Shylock hervorgerufen. Das Messer und die Wiegeschalen, die Erzählung vom Fleisch und Blut werden nur ein augenblickliches Schaudern Hervorrufen, aber der Sturz des gebrochenen Brenschen, der Hohn der Feinde, welche über ihn triumphiren, das Verlangen des Richters, daß er zum Christenthum übertreten soll, seine letzten Worte, die so recht die menschliche Schwäche kennzeichnen: Ich bitü Euch, laßt mich gehn oon hier, Ich bin nicht wohl — und sein Scheiden am Ende lassen nur ein Gefühl zurück. Es ist dieses Gefühl deutlich zu erkennen auf den Gesichtern der Zuschauer, es ist ein Gefühl tiefen Mitleids für den Mann, ivelcher Alles besessen hatte, doch da Jeder gegen ihn war, schließlich Alles verloren hat — sein Weib, das er liebte, seine Tochter, welche sein Schatz war — und seinen Reichthmn, welcher ihm als Bollwerk der Welt gegenüber diente. Alle Rhetorik über die Barmherzigkeit und selbst die erhabene Poesie in der Mondschein-Szene vergißt man über dem Gefühl des Mitleids für den Juden, das der Dichter durch das Schauspiel in ruis erweckt. Ich aber kann nicht glauben, daß eine derartige Wirkung lediglich durch Zufall hervorgerufen werden kann, es muß vielmehr hierbei die bestimmte Absicht des Dichters Vorgelegen haben. Kurzum, meine volle Ueberzeugung ist, daß Shakespeare wußte, daß er Verachtung auf den Juden laden müsse, um bei seinen Zeitgenossen Beifall zu finden, aber als Mensch sowohl wie als Prophet fühlte er und sah er voraus, daß die Zukunft dem Inden würde Gerechtigkeit widerfahren lassen trotz aller schlechten Behandlung, die er erleiden mußte. Ich bin davon so fest überzeugt, daß ich, wohl ohne Widerspruch zu finden, behaupten darf, daß in den ungefähr 300 Jahren, seitdem „Der Kaufmann von Venedig" gespielt wird, der Vorhang nach dem 4. Akt nie gefallen ist, ohne daß das Gefühl für Shylock wachgerufeu war. Und wenn dem so ist, daun können wir Shakespeare nicht mehr als Antisemiten betrachten, denn er hat sich drei Jahrhunderte hindurch als Freund der Juden erwiesen! 0 Mr. S. I. Solomon ist ein berühmter Maler.

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