Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1893)
- Date
- 1893-09-15
- Page
- Seite 438 (sequence 8)
- Language
- German
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438 im Allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben; daß ferner insbesondere die jüdischen Retigionsverhältnisse nirgend als ein Hinderniß beim Kriegsdienste hervorgetreten sind." Jeder vorurtheilssrei Denkende wird zngeben, daß die Juden im Kriege gegen Dänemark 1864, gegen Oesterreich 1866 und gegen Frankreich 1870 71 Schulter an Schulter mit den Preußen und Deutschen anderer Konfessionen gestanden und gleich diesen ihr Herzblut auf dem Altar des Vaterlandes geopfert haben. Herr Spanier hat seiner Arbeit als Anhang eine Liste derjenigen jüdischen Krieger beigegeben, welche an den genannten Kriegen theilgenoMinen haben, und er beabsichtigt, nächstens noch eine vervollständigte Liste herauszugeben. Obwohl die Gemeinde Magdeburg heute erst wenig mehr als ein halbes Tausend beitragspflichtiger Mitglieder zählt, haben am französischen Kriege allein aus Magdeburg 25 jüdische Krieger theilgenomnien, unter ihnen 5 Unteroffiziere und der Feldwebel Eduard Frank vom Posenschen Infanterie-Regiment, derselbe siel bei Sedan, unmittelbar vorher zum Osfiper befördert. Von zwei Jägern fiel der eine, Julius Reinhold, aui 18. August 1876 in der Schlacht bei Metz, der andere, Siegmund Remhold ^Magdeburger Jäger-Bataillon Nr. 4), in der Schlacht bei Beaumont am 30. August 1670. Als Aerzte fuugirten im französischen Kriege der als dirigirender Arzt am Magdeburger Krankenhause wirkende Tr. med. E. Aufrecht, Inhaber des eisernen Kreuzes, damals Assistenzarzt im Feldlazarett) Nr. 5 des 4. Armeekorps, ferner Dr. med. H. Rosenthal, Oberstabsarzt ct. D., Ritter des eisernen Kreuzes imb des Rothen Adlerordens mit Schwertern. W\t Recht konnte der Verfasser an die Spitze seiner kleinen aber dankeswerlhen Arbeit die Worte des Professor Lazarus stellen: „Die Brust manches jüdischen Soldaten ist durch die hohe Anerkennung des siegreichen Oberhauptes deutscher Nation mit dem eisernen Kreuze geschmückt, ein Zeichen und Zeugnis;, daß den Enkeln der Makkabäer das gleiche Herz uir's Vaterland schlagt, wie den Enkeln der Germanen. Tie lange Zurückaedrüngten und lange Zurückgestellten, sie haben es ebenso verstanden, freudig und eilig mit voller Manneskrast dem Rufe zu folgen: „Vorwärts mit Gott für König und Vaterland!" M. F. d Der Jude in der Litteratur. Vortrag von Mr. Hall Caine in London?) 1. Tie Stellung des Juden in der Litteratur bildet ein Thema so voll von Fragen, daß es erstaunlich ist, daß man sich mit demselben; bisher nicht viel inehr beschäftigt hat. Es giebt zum Mindesten zwei Gesichtspunkte, nach welchen diese Stellung betrachtet werden kamt;! erstens der Jude als Mitschöpfer der Litteratur, zweitens der Jude i als Gegenstand derselben. Beide Gesichtspunkte bieten uns viele! Ueberraschlingen.! Auf der einen Seite finden wir frühzeitig eine jüdische Litteratur,! welche so großen litterarischen Geist bekundet, wie solcher in gleich!! 6 Mr. Hall Caine genießt in der litterarischen Welt Englands j einen glänzenden Namen, den er sich besonders durch sein Werk „The j Fcnpe^ojit“ (Ter Snudenbock, in welchen! er einen Inden meisterhaft j schildert, erworben hat. Ter Verein der Maceabäer in London hat den! Dichter, der Christ ist, eingeladen, diesen Vortrag zu halten und ernannte! ihn zum Ehrenmitglied. Ter Bortrag ist von B. Levy für unser Blatt ins Deutsche überseht worden. hervorragender Weise vielleicht bei keiner anderen Nation gefunden wird. Der Jude wird es sich nicht gestatten wollen, die groß Litteratur seiner Vorfahren mit kühlem Verstand und kaltem Blü zu priifen, ich aber erkläre ohne Bedenken, daß die Schriften des alten Testaments, so wie wir sie besitzen, einige so vollendete Erzählungen entfalten, wie sie erhabener in der Weltlitteratur überhaupt nich existiren. Ganz abgesehen von der geistigen und geschichtlichen Beden tnng, und lediglich als eine Gruppe von Charakterschilderungen und Er eignissen vorn litterarischen Standpunkt aus betrachtet, kenne ick nichts, was in Schönheit, Begeisterung, moralischer Schilderung tragischer Kraft uub Hoheit sich vergleichen läßt mit dein Roma: (wenn ich diese Bezeichnung benutzen darf), welcher den Aufenthal der Israeliten in Aegypten schildert, der seinen Anfang nimmt mi denl Verkauf Josephs durch seine Brüder, und der mit dem Zlig Moses' und der Kinder Israel durch das rothe Meer endet. Sind wir aber zuerst überwältigt von beut Glanz des litterarischei Geistes der alten jildischen Geschichtsperiode, so sind wir dann uu so mehr überrascht zu sehen, wie dieser Geist im Mittelalter sich ver finstert. Zwischen der Zeit des Josephns und linserem Jahrhunder gab es ohne Zweifel jüdische Schriftsteller von großer Bedeutung und vielem Einfluß, aber ich glaube nicht mit Unrecht sagen zn dürfen, daß mit Ausnahme einiger Fälle ihre Kraft nicht schöpferisc war und hauptsächlich auf Erklärungen und Erläuterungen, au Kritik und Scholastik sich beschränkte. Und wenn dem so ist. so gieb es genügend erklärende Gründe hierfür. Der jüdische litterarisch Geist kann leicht durch die mittelalterlichen Unterdrückungen erstick worden sein. Schöpferische Kräfte tonnten nicht mit Litteratur fid beschäftigen, wo stündlich das eigene Leben in Gefahr war. Abe trotz alle dem leuchten auch aus dieser trüben Zeit zwei jüdische Namer als glänzende Sterne hervor. Der eine von ihnen ist der Namedy großen Philosophen, welcher einen so unendlicheil Geist besaß, das alle Juden, obwohl er liicht strenggläubig war, stolz auf ihn seil köiinen; — es ist Spinoza. Der cnidere ist das launische, eigenwillige, arg leidende und schwe bedrückte Musenkind, das ilnter Thränen scherzte und liistige Liedei zum Singen für deii glücklichen Theil der Menschheit schuf, während er selber in Paris in feiner Matratzengrust, umgeben von Arzneien krank lag. Ein ungläubiger Jude, aber trotzdem ein Jude, den bh Juden daher für sich gewiß gern in Anspruch nehmen — es ist Heine Unb jetzt, da der Jilde die Barbarei der mittelalterlichen Unter drückungen hinter sich hat, beginnt sich der in ihm schlummernde litterarische Geist wieder zu zeigen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hat auch der Jude seinen Beitrag zu dem was die Wissenschaft geleistet hat, geliefert, und in jedem Zweige der litterarischen Thätigkeit können wir Juden finden. Viele jüdisch« Journalisten, von denen die ineisten anonym schreiben und die deshalb hier nicht genannt werden können, darunter einige von großer Bedeutung, sind in London. Paris, Berlin unb an anderen Orten thütig. Einige davoii beftnben sich in dem Verein der Maccabäer - so auch der geistreiche Herausgeber der „Jewish Quarterly Review“. Mr. Israel Abrahams. Von englischen Dichtern und Schriftstellerir ist vielleicht eine viel größere Anzahl, als das Piiblikiim weiß, Inden. Ich nenne Amr Levy, meinen Freilich Air. Farjeon, Mr. Joseph Jakobs, M. Zangwill, Mr. Malcolm Salomon, Mr. Sidney Lee und viele Andere. In Frankreich gehören einige der berühmtesteii lebenden Schriftsteller lind Dichter dem jüdischen Glauben oder der jüdischen Nation an, aber die Juden haben sich dort derart mit dem französischen Volke verschmolzen, daß es für den Christen oft schwer ist, sie herauszusindeii.