Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1893)
- Date
- 1893-09-15
- Page
- Seite 435 (sequence 5)
- Language
- German
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Jahrhunderts -ach Dänemark; es waren ursprünglich nur die sogenannten „portu- | befischen", später auch delltsche, doch deren Zahl war sehr gering, j snt Jahre 1726 umfaßte die jüdische Gemeillde in Kopenhagen! '■•5 Familien und 30 Jahre später doppelt so viele oder ungefähr 00 Menschen. Der Zuwachs schrieb sich zumeist von der Einwallderung als Deutschland her, unb am Schlüsse des 18. Jahrhunderts läßt ich die Zahl vielleicht auf 2000 berechnen. Die erste vollständige und genalle Angabe über die Zahl der! zuden in Dänemark faild durch die Volkszählung im Jahre 1834 : tatt, wo es sich erwies, daß die Zahl ilunmehr im Ganzen genomlilen j 064 betrug, nämlich 2465 in Kopenhagen, 1545 in den Provinzial- I iüdten und 54 auf dem Lande, also im Verhältnis zu der gallzeu! Volksmenge im Königreich 3,3 pro Mille. Während der zwanzig j zahre vor dieser Volkszählung war die Verluehrung nur sehr gering! ewesen. llänllich kaum 100, unb dies läßt sich eillfach dadurch er- : laren, daß sich gerade lvührelld dieser Zeit viele Jllden taufen ließell.! 2er Rationalismus, welcher damals nicht allein in der dänischen Ztaatskirche, sondern auch wlter den Juden selbst verbreitet war,; rleichterte i()iien diesen Schritt, der ihnen den Weg zur bürgerlicheu Gleichberechtigung und zum gesellschaftlichen Verkehr mit der übrigen : Nwölkerung öffnete. Vergleicht man die Zählung 1834 mit ben spateren,! o kommt man gar bald zu der Beobachtung, daß die Juden in Dünelnark; oührend der letzten 56 Jahre bis zum Jahre 1890 sich fast gar nicht >ermehrt haben, inbent diese Vermehrung genau nur 16 Personen 'etragen hat. Gleichzeitig ist die Zahl der übrigen Bevölkerung sehr oesentlich gestiegen, so daß die Juden nunmehr kaum 1,9 pro Mille >er ganzen Volksmenge des Lundes ausmachten ' Man wird ferner die Bemerkung machen, daß die Inden sich innrer mehr in der Hauptstadt konzentriren; hier wächst nämlich die Pthl bei fast jeder Volkszählung: 1890 wohnten 7/g der Juden in Kopenhagen (nebst dem Vorort Frederichsberg); die Zahl der Jilden u Kopenhagen war 1890 : 3491 oder kaum 1 Prozent der Bevölkerung er Hauptstadt. Außerhalb Kopenhagen inkl. Frederichsberg lebten j a dem oben genannten Jahre 492 Juden, wovon der überwiegende! rheil, nämlich 334, in Jütland wohnten. In sehr vielen Städten es Landes findet man gar keine Juden, und in mehreren der größeren; Städte ist die Zahl sehr klein, wie 2 in Helsiugör, 12 in Aarhus, i - in Weile, 8 in Kolding. In Odense ist die Zahl 12, in Aalborg 41, i Horsens 35, in Fredericia 41; in Randers jedoch lvohnen 146. Die Ursache der geringen Vermehrung der Juden in Dänemark! legt leider zum Theil in dem Uebergang zum Christenthum, zum Theil i nd ganz besonders in den Mischehen. Freilich ist die Zahl der 1 »üben, welche im erwachsenen Alter während der letzten zwei Menschen-! lter getauft worden sind, nicht groß — genaue Angaben darüber i lebt es nicht — aber es ist bei Weitem öfter der Fall, daß jüdische ltern ihre Kinder, als sie noch klein waren, taufen ließen, ohne selbst en Glauben zu wechseln. (Sitte weit größere Verminderung ist inj ffsen durch die gemischten Ehen hervorgerufen worden. Wenn in! er jüdischen Gemeinde in Kopenhagen verhültnißmäßig ebenso viele - rauungen wie in der übrigen Bevölkerung der Hauptstadt borgez allen wären, so würden 32 Trauungen jährlich stattgefunden haben;! allein die Durchschtlittszahl ist nur 16, weil in den Jahren 1873 bis 1891 308 Trauungen stattfanden, also nur die Hülste. Gleichzeitig sind in Kopenhagen 121 bürgerliche Ehen zwischen Juden und Christen vollzogen worden, und außerdem sitld sicherlich mehrere Mischehen kirchlich eingesegnet worden?) Man darf sich daher nicht wundern, daß die Gesammtzahl der Juden in Dänemark nicht im Laufe der Zeiten gestiegen ist, da die Einunb Auswanderung von Inden als sich ausgleichend zu betrachten sein dürften. Eine Folge dieser Verhältnisse ist, daß in den Jahren 1873—91: 1068 Juden geboren wurden, während 1152 Jilden gestorben sind. Es ist auch anzunehmen, daß die Mischehen einen wesentlichen Einfluß auf die Vermilldernng der Inden in den kleinen Städten gehabt haben, wo die Juden bei Weitem mehr zwischen der übrigen Bevölkerung zerstreut wohnen. Aehnliche Erscheinungen finbet man zum Theil auch im Auslande. In West- und Mitteleuropa, wo die rechtliche und bürgerliche Stellung der Inden ungefähr der in Dänemark entspricht, herrscht eine ähnliche Neiglmg bei ihnen vor, sich in den großen Städten niederznlassen. In England, wo die Zahl der Juden stark gewachsen tvährend des letzten Dezennimns durch Einwanderung voll Rußland, nämlich gegen 100.000, wohnt wenigstens die Hüllte in London. Von den holländischen Juden wohnt die Hälfte (40,000) in Amsterdam, und in Frankreich, wo die Zahl der Einwanderung auf ca. 80,000 gestiegen ist. lvohnen 50,000 in Paris. Dieselbe Beobachtlmg macht man in Deutschland. Dort ist die Vermehrung der Juden während der 19 Jahre sehr gering gewesen, nämlich von 186,000 zu 196.100, also 9500, und während der letzten zehn Jahre fand sogar eine Verminderung von 1700 Personen statt. Allein in Elsaß-Lothringen ist seit 1871 ein Abgang von 6300 oder 15 Proz. zu konstatireu auf Grund der Allswanderung nach Frankreich, und wenn die Zahl in Hamburg während dieser Jahre mit einem Drittel, von 13,400 auf 17,900 gestiegen ist, so ist diese Vermehrung nur gering im Verhältnis; zur Steigerung der ganzen Volksmenge der Stadt (80 Proz.). Im ganzen Deutschland betrug die Gesammtznnahme nur 11 Proz., und während sie 1871 nod) 12,5 pro Mille der Volksmenge ausmachte, betragt sie jetzt nnr 11.5 pro Mille. Als Ganzes betrachtet, ntad)t die Zahl der Inden in Deutschland 1 Proz. der ganzen Bevölkerung ails. Die geringe Zunahme der Juden ist vorzugsweise der Am-wandertlng zuzuschreiben. Der Uebergang zmn Christenthnin findet vielleicht öfter statt als in Dänemark, tann aber doch keinen großen (StnfluB ausüben; dagegen werden itr Deutschland weniger gemischte Ehen geschlossen als in Dänemark, indem nur Vio der Inden solche Verbindungen eingehen gegen Vs w Kopenhagen. In welchem Uinfange Juden ihre Kinder taufen lassen, ohne selbst den Glauben zu wechseln, darüber existiren keine Angaben, aber es giebt sehr viele, von lvelchen man sagt, daß sie von jüdischem Blute herstammen, daß es sicherlich jedettfalls früher gewöhnlich stattgefunden hat. Schließlid) erinnert der Verfasser jener statistisd)en Mitlheilungen, der Bibliothekar E. Elberling, daran, daß die Antisemiten, um die Zahl von 1 Prozent Juden zu erhöhen, während Tausende von deutschen Familien zum Theil von jüdischer Geblüt sind, auf die Idee getommeit sind, auch alle getauften Juden oder Nachkommen von solchen und aus Mischehen zu den „Semiten" zu rechnen seien. Herr Elberling findet diese Erfindung ebenso verkehrt, als wenn man die Nachkommen der seiner Zeit nach Deutsd)land ausgewauderten Hugenotten zu den Franzosen red)nen wollte. Bei uns ztl Lande hat eben der deutsche Antisemitismus bisher, Gott sei Dank, noch nicht Wurzel fassen können. E. J. V Vor dem Eingehen einer Misd)ehe zwischen Juden und Christen in Dänemark müssen die Gatten sich verpflichten, die dieser Ehe entsprossenen Kinder als Christen zu erziehen. U