Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1893)
- Date
- 1893-09-08
- Page
- Seite 432 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Nur ein Schritt, nur überlegen — mehr gefordert war ja kaum. Noch kann er zurück — vergebens! Dem Verrath schon gab er Raum. Und er zeigt sich nicht bei Hofe, flieht, bevor genaht der Tag, 'llu dem vierten Tage hört er allwärts Lärm imb Trommelschlag. So verkünden läßt der Kurfürst: „Meine Milde ist vorbei. Um ist Deine Frist, las; hören, Rabbi, was die Antwort sei. Durch des Herolds Mund Dir sag ich Wer Dir Luft und Brod gewährt. Dessen Gott sollst Du gehorchen und nur einer sei geehrt." Bald gefesselt vor dem Fürsten stand der Rabbi: „Treff mich Tod! Dir zu dienen, ward ich sündig, frevelte auf Dein Gebot. Den Verrath nur 511 bedenken, heißt auch den Verrath schon thun, Fa, ich bab mein Wort gebrochen. Thu sein Werk der Henker nun " „sticht mein Geist und nicht inein Wille, meine Zunge fehlte hier, Sieh, ich spreche selbst mein Urtheil, ausgerissen sei sie nur. Ich bin Jahve's treuer Diener, meine Zunge sei verdammt, Gieb die Zange, an ihr selber übe ich des Henkers Amt." Fort schob stumm der Fürst das Schachbrett, dran der Rabbi häufig saß, Hebers 'Antlitz flog der Hohn ihm, wie die Schlange schleicht durch's Gras. „Deine Zunge, sagst Tu, Rabbis Nein, die Füße tragen Schuld; Denn Tu kamst nicht nach drei Tagen. Doch Du merkst es bald, Geduld!" Aus die Folter mit dem Rabbi! Schwörst Du ab den Glaubens — Nein! Abhau'n laß ich Dir die Glieder! — Herr, das schafft mir keine Pein! — Nun, wir werden sehn. Dem Häscher winkt er ... und was dann geschehn. Trüber laß des Mitleids Schleier sanft das Lied herniedergehn. Neujahr war. Tie Synagoge von der Beter Menge schwoll. Und den Kadosch grad beginnen wollt' der Kantor andachtsvoll. Da Geräusch am Eingang — düstrer brannte rings der Lichter Schein — 'Auf der Bahre, tief in Dhnmacht — brachte Amnon man hereilt. Neben ihm im Slorb die Glieder, dran das rothe Blut noch klebt. Stellt man zum Altar, 's ist stille. In dem ernsten Dunkel hebt Laut der Kantor seine Stimme. Horch, da in des Kadosch Klang Bon dem Fuß- und Händelosen jetzt ein Laut herüberdrang! „Halte!" rief er, unb der Beter schwieg, im weiten Tempel still. „Hört ntich, dessen letzter Athem seinen Schöpfer preisen will. Jsak sah in seinem Hause Weihrauch ziehn und Götzen stehn Ultd er blendete die Augen, nicht des Herrn Schimpf zu sehn. Und ich sage: Ter Neujahrstag ist dem Allgericht geweiht. Schon erdröhnen die Posaunen. Du, mein Gott, sei benedeit! Viermal, eh das Jahr sich wendet, richtest Du, 0 Herr, die Welt, Furchtbar ist Dein Spruch, doch größer ist die Milde, die uns hält. Bis in alle Ewigkeiten herrschest Tu, Erhabner, nur Raum und Zeit umspannt Dein Auge, Trieb und Kraft ist Deine Spur, Deine Hände ohne Ende schützen Alles, über's Meer- Mitten durch beit Sturm zieht leuchtend Deiner Engel Schaar einher. Ssfen ist das Bllch der Rechnung, alle Namen stehn darin. Jeder Traurn unb Zug der Seele ist enthüllt, ivann und wohin; Gleich wie Wogen angezogen kommt der Völker bang Geschlecht Ulld Tu richtest, theilst und schlichtest und Tu wägst die Schuld gerecht. Shne Ende Deine Tage, Deine Jahre uferlos. Deiner Macht und Größe Fülle ist für jede Zahl zu groß. Ein Geheimnis; ist Dein Name, ahnungsvoll vor seinem Klang Zittern Cherubim imb halten Sterne ein in ihrem Gang. Bon den; Schmettern der Posaunen bebt der Erde tiefster Kern, Und des 'Meeres dunkles Raunen grüßt in Ehrfurcht Dich als Herrn. In dem Staube, Schmach zum Raube, liegt vor Dir der Götzen Zahl, Segen sltllhen wird den Guten und den Bösen wird die Qual. Hör, Gerechter, unser Flehen, neig Dich, unser Leid zu schau'n. Nur in Dir ist straft und Hoffnung, ist Ergebung und Vertraun, Deine Huld und Güte heben mehr als Tugend, mehr als Macht, Du bist Herr der Welten, Jahve, ohne Dich ist dunkle Nacht.! Fürsten werfen ab den Purpur, Asche auf ihr Haupt zu streu'n -! Hört ihr über Meer und Wüste die Posaune mächtig dräu'n? Ich auch, Herr, Hab schwer gesündigt, neigte dem Verrathe zu . . . Nicht die Hände kann ich heben — aber gnadenreich bist Du!" Seufzeitd sank er nieder. Wolken dichten Rauches sah man ziehn. Kilonimus den Rabenu neigte still sich über ihn. Griff ans Herz ihm: „Ausgerungen! Heil ihm! Preist der Erde Hort! ' Und den unterbrochnen Kadosch setzt der Kantor wieder fort.! Während dessen auf dem Schlosse sitzt der Fürst bei Mahl und Fest, Und er kämpft mit seinem Bangen, das ihn heut nicht ruhen läßt. „Nun, inein Rabbi, was beschloß er? Will mir Niemand Bote sein? Seid Ihr alle stumm geworden? Laßt den Henker mir herein!" „Doch zuvor den Becher höher! Was beklemmt Euch, sagt es gleich! Unterm Bildnis; der Madonna warum brennt das Licht so bleichV Sieh, wer kommt? Das ist kein Henker. 7§ ist der Rabbi.. reckt den Stumpi i Seiner Hand zum Himmel ... Nieder siel der Kurfürst schwer und dump. Fitterarische Mittheilungen. — Professor Dr. W. Pohlmann: Jüdische Leiden. Neuwied 189:;, L. Heuser. — Der eifrige Vertheidiger humanitärer Interessen gegen dü antisemitische Lüge, Herr Professor Pohlmann, hat seinen früheren, viel' gelesenen Schriften über diese Frage eine neue folgen lassen, die nichtweniger das allgemeine Interesse aller Gebildeten beanspruchen darf, Mit Recht sagt der Verfasser dieser Schrift: „Wir reden so gern vo' der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts und von der christlichen Lieb;, und doch sind diese beiden Begriffe so weit davon entfernt, mit der Wirklichkeit im Einklang zu stehen, daß der Philosoph eines schmerzliche:; Lächelns sich nicht erwehren kann, sobald er diese Worte nennen hört. Es steckt in uns ein gut Theil unangenehmer Heuchelei und verderblick wirkender Selbstgerechtigkeit. Wäre unser neunzehntes Jahrhunderl wirklich eine Zeit wahrer Kultur und christlicher Liebe, so wäre c~ nimmermehr möglich, daß die Leute, die sich nach Christus nennen, fried liehe Mitbürger verfolgen, weil sie anderen Glaubens und andere' Stammes sind " In diesem Schriftchen hat sich Pohlmann die Aufgab gestellt, zu zeigen, wie die Judenhetze jenen geistigen Volkskrankheite gleiche, von denen das Mittelalter und auch die beginnende sogenannt neuere Zeit heimgesucht waren. Er vergleicht die Wirkungen des moderner Antisemitismus mit den Greueln des Hexenwesens und warnt in ein dringlichen Worten vor den Gefahren, welche sich nothwendig für jedec Volk daraus ergeben müßten, das sich an Recht, Moral, an gegebenen. Worte versündigt. In dem ersten Theile seiner Schrift giebt Professor Pohlmann einen Ueberblick über die Geschichte dieser Judenhetze st: Deutschland und tadelt vor Allem die lässige Haltung sowohl de. Staatsgewalten als auch einzelner hervorragender Männer gegenübe der beginnenden Bewegung. Der zweite Theil entrollt ein erschütternde Bild von den mannigfachen Peinigungen, denen der Jude gegenwärti in Deutschland „von der Wiege bis zum Grabe" ausgesetzt ist und wihm sein Leben, sein Fortkommen auf jede nur erdenkliche Weise erschwer wird. Was in dieser Schrift besonders wohlthuend auf den Leser wirst das ist das edle Rechtsgefühl des Verfassers. Wer durch die widerlich Antisemitenhetze nicht ganz um die Fähigkeit gebracht ist, eine moralisch Frage unbefangen zu beurtheileu, der wird dieses Schriftchen, dem mar die weiteste Verbreitung wünschen muß, mit Nutzen lesen. Bezirksrabbiner L. Schloss in ger: Mosche und Hillel. Schewuot festrede. Bretten 1893. F. Leitz. — Eine vortreffliche Rede voll inniger Begeisterung und gediegenem Inhalt, die das Leben Moses und Hillels schildert und deren Tugenden den nachfolgenden Geschlechtern preist Die Rede verdient die wärmste Anerkennung. Druck und Verlag von Rudolf Mvffe in Berlin Verantwortlich für die Redaktion- Mar Bauch Witz in Berlin