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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-01 · Heft 35 (1.9.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 35 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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In der vergangenen Woche war auch die bekannte Hauptzeugin Dora Moll, welche die kleine Leiche zuerst bemerkt hatte, wieder zum Verhör geladen worden. Wie verlautet, bewegt sich - die Untersuchung diesmal in einer ganz bestimmten Richtung und scheint doch noch nicht alle und jede Hoffnung auf endliche Klarstellung dieser Blutthat geschwunden zu sein. Oesterreich - Angarn. □ Wien, 28. August. Es ist wohl das erste Mal der Fall, daß ein ultramontanes Blatt, ein Blatt, das beinahe nur von katholischen Geistlichen für katholische Geistliche geschrieben wird, sich gegen das Taufen von Juden ausspricht. Dieses Blatt ist das Organ der fürsterzbischöflichen Kanzlei des Kardinals vor: Prag, der „Czech", der sich darüber ereifert, daß heutzutage schon jeder Jude nach Wien läuft, um sich dort taufen zu lassen, weil man in Wien bei der Aufnahme Andersgläubiger eine allzu milde Praxis habe einreißen lassen. Freilich trage daran das interkonfessionelle Gesetz von: Jahre 1868 die Schuld, welches eine strengere Prüfung bei Aufnahme in die Kirche erschwert. Eine Religions-Genossenschaft sei zwar nicht verpflichtet, jeden beliebigen Abtrünnigen aufzunehmen, aber die katholische Kirche wolle eben nicht tyrannisch sein und acceptire Jeden, der kommt, um sich taufen zu lassen, nach dem alten Grundsätze: Nemo maluspraesumatur, nisi probetur. Ein Jude, namentlich der gebildete Jude, lerne ja leicht die Grundsätze des katholischen Glaubens auswendig, die sage er dann auf, erkläre, daß er glaube, und werde getauft. Im Grunde seines Herzens bleibe er Jude, und daß ihm die Bezeichnung „Getaufter Jude" immer haften bleibe, davon ist wohl Jeder überzeugt. Dem Eiferer im „Czech" ist es in seinen Ausführungen vornehmlich darum zu thun, diejenigen Juden auszuschließen, welche sich taufen lassen, um Beamte werden zu können. Der „Czech" spricht auch ihnen die Fähigkeit ab, trotzdem sie getauft sind, einem Christen den Eid abnehmen zu können. Wir können da nur sagen: Timeo Danaos et dona ferentes! — Einige hundert Wiener Antisemiten machten jüngst einen gemeinschaftlichen Ausflug nach Salzburg. Darüber wäre nun weiter nichts zu sagen, denn gegenwärtig ist ja die Jahreszeit der Landpartien, und wohl Dem, der in der Lage ist, sich, wenn auch nur für einige Tage, aus dem Gluthofen Wien in die erfrischende Alpenwelt zu retten. Unsere sehr verehrten Parteigegner sind aber weit entfernt davon, sich mit einer so harmlosen Deutung dieses Ereignisses zu begnügen. Wie Alles, was sie unternehmen, wird auch ihr Salzburger Besuch zu einem politischen Kapitel der Weltgeschichte aufgebauscht. Während die sonst fast alljährlich in der herrlichen Hauptstadt des kleinen Alpenlandes tagenden Kongresse sich fast ausschließlich mit der Kunst oder Wissenschaft befassen, war die Fahrt der Antisemiten, wenn man ihnen glauben darf, ein politischer Eroberungszug von epochemachender Bedeutung. Sie! hielten auch, am Reiseziele angelangt, zu Agitationszwecken eine Ber-! sammlung ab, doch fiel diese ziemlich „stier" aus, denn es versammelten! sich fast nur die Besucher aus Wien, wozu schon ein weit kürzerer Aus-! flug, etwa nach Penzing, genügend gewesen wäre. Natürlich! Die Salzburger, selbst die Antisemiten dieser Stadt, haben jetzt Anderes zu thun, als die Reden der Herren Schneider oder Psenner, so schön diese auch ' sein mögen, anzuhören. Sie machen im Sommer weder konfessionelle noch! Rassen-Unterschiede, und der hohe Schwung ihrer Rechnungen kommt Katho-! liken, Protestanten, Juden und Mohammedanern re. gleichmäßig zugute. — > Bei der Rückkunft harrt ihrer übrigens eine unangenehme Ueberraschung. Der Magistrat hat nämlich den Armenrath im III. Bezirke, Herrn Leopold Hollo map, einen der wüthendsten Antisemiten, vom Amte suspendirt. Diese Verfügung des Magistrats erwies sich als die unabweisliche Konsequenz der Untersuchung über die inkorrekte Gebahrung mit Armengeldern im Bezirke Landstraße. — Großes Aufsehen erregen hier überall die Mittheilungen, die ein bekannter Arzt, Dr. I. Kohn, über die Cholera im Marmaroser Komitat in Ungarn macht. Es fällt dabei natürlich auf die Verhältnisse der Juden manches interessante Streiflicht. So erzählt Dr. Kohn: Als wir nach Nagy-Bocsko zurückfuhren, sahen wir die Leichen zweier russischer Juden zu Grabe tragen, von deren Erkrankung und Tod man gar nichts erfahren hatte. Dr. Munkacsy lieh die Juden der dortigen russischen Kolonie zusammenrufen und schärfte ihnen strenge ein, ihn, wenn sie schon keinen Arzt zu den Kranken holen lassen wollen, von jedem Todesfälle alsbald zu verständigen, widrigenfalls sie eingesperrt würden. Gegen Abend wurde er in der That zu einer cholerakranken Jüdin nach Kis- Lonka gerufen, und ich begleitete ihn. Wir fanden die Frau, von Schmutz starrend, mitten in Noth und Elend. Da sie schon ganz verfallen und stimmlos war, wollte ihr Dr. Munkacsy eine Aether-Jnjektion geben. Die Juden ließen dies aber nicht zu, weil sie fürchteten, daß wir die Frau tödten wollten. Wir mußten unverrichteter Sache heimgehen, und Dr. Munkacsy konnte den gemessenen Auftrag geben, ihm den Tod der Frau alsbald anzuzeigen, damit die Wohnung desinfizirt werde. Auf dem Rückwege sahen wir, daß Walachen in einem Zimmer, wo kurz vorher eine Cholera-Leiche gelegen, den Leichenschmaus hielten. Es mußten die dem Richteramte zugethcilten Gendarmen gerufen werden, um die Leute auseinanderzutreiben. Alles, was ich an diesem Tage sah und erfuhr, bekräftigte mich in der Ueberzeugung, daß die ganze Gegend j vollständig verseucht ist. In der Gegend von Körösmezö, am Ende des! Thales der schwarzen Theiß, bis wohin ich nicht gelangen konnte, soll > es nach den Aussagen des Bezirksarztes noch ärger sein. Ein nachahmenswerthes Beispiel hat die Judengemeinde in Körösmezö gegeben, indem die Mitglieder derselben einen Verein gründeten, um den an der Cholera Erkrankten die erste Hilfe zu verschaffen. Aln 5. d. hat sich dieser Verein unter dem Vorsitze des Herrn I. Rosenthal konstituirt; die anwesenden Mitglieder sammelten unter sich 260 fl., wozu die Kultusgemeinde noch 206 fl. beisteuerte. Dieser Krankenhilfsverein hat ein eigenes Lokal für die Aufnahme der Kranken gemiethet, einen Krankentransportwagen angeschafft und vier Wärter ausgenommen. Drei Cholera-Aerzte wohnten der Versammlung bei, zu deren Schluß Dr. Folkmann einen belehrenden Vortrag über die erste Hilfe bei Cholera-Erkrankungen hielt. Gleich nach der Versammlung hatte der Verein die erste Gelegenheit zur Hilfeleistung, die seitdem schon vielfach in Anspruch genommen wurde. — Ein trauriges Bild ungarischen Lebens enthält auch die folgende Mittheilung Budapester Blätter: Bei Kapriora (Krasso-Szörenyer Komitat) wurde, wie man uns meldet, der 50 Jahre alte Hausirer Jacob Grünstock aus! Prodin in Galizien von Bauern überfallen, die ihm den Hals durch-! schnitten, so daß der Kopf beinahe vom Rumpfe getrennt wurde, > und den Leichnam auch sonst verstümmelten. Die Mörder beraubten j sodann ihr Opfer, indem sie dessen namhafte Baarschaft sowie die Maaren Mitnahmen. Die Gendarmerie fahndet nach den Thätern. — Wie verschiedene hiesige Zeitungen melden, soll der Hofprediger a. D. Stöcker nach Chicago gereist sein, um dort Vorträge zu halten. Ich kann hier die Wahrheit dieser Notiz nicht kontroliren, die vielleicht nur ein schlechter Witz ist. Nnßlaud. U. E. Warschau, 21. August. Der berühmte Rabbiner Naftali Zwi Berlin, der Leiter der Jeschibah in Woloschin (Gouv. Wilna), ist nach kurzem Leiden verschieden. Der Verstorbene erreichte ein Alter von 77 Jahren, und 40 Jahre ununterbrochen stand er an der Spitze der russischen Rabbiner wie auch der obenerwähnten Lehranstalt, in welcher mehr als 400 Schüler auf seine Worte lauschten. Mehr als 40,000 Menschen, darunter Chassidim, Misnagdim, Orthodoxe wie auch Reformirte, nahmen an dem Leichenzug Theil. Die Polizei überwachte die Ordnung. Der Verstorbene wurde in seinem Bette, auf welchem er seinen Geist aushauchte, nach dem Friedhof, trotz der weiten Entfernung, getragen. Ueber sein segensreiches Wirken wie auch über seine verschiedenen Werke wollen wir nächstens ausführlich berichten. — Im Badeort Dubbeln ist der Rabbiner Berhan aus Plozk (Russ.-Polen) verstorben. Da in Dubbeln kein jüdischer Friedhof vorhanden ist, so wurde die Leiche auf Veranlassung seiner Gemeinde, die von der traurigen Nachricht erschüttert war, nach Plozk gebracht. Der Verstorbene wußte sich! durch seinen edlen Charakter bei der ganzen Gemeinde beliebt zu machen j und sämmtliche jüdische Einwohner gaben ihrem geliebten Rabbiner das! letzte Geleit. — Von einem schrecklichen Unglück wurden unsere Glaubensz genossen in der Stadt Wilna heimgesucht. Nach einer mehrtägigen > anhaltenden Hitze fand dort ein Wolkenbruch statt. In einigen Minuten waren die niedrig angelegten Straßen in ein Meer verwandelt. Das Wasser drang so schnell und unerwartet in die Wohnungen hinein, daß von einer Rettung gar nicht die Rede sein konnte. Zwei Unglückliche

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