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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-01 · Heft 35 (1.9.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 35 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 das überaus zahlreiche Trauergefolge nicht zu fassen vermochte, hielt zunächst der Gemeinderabbiner Dr. G. Perlitz unter Zugrundelegung des Textes: „Gin Weib, das den Ewigen fürchtet, werde gerühmt", die Leichenrede. Darauf bestieg der Direktor Dr. Baerwald die Kanzel und widmete seiner Mutter einen ergreifenden Nachruf. Zum Schluß nahm der Gymnasial - Oberlehrer Dr. Horowitz in Thorn, Gatte einer Enkelin der Hingeschiedenen, im Namen sämmtlicher Leidtragenden in tiefbewegten Worten Abschied von der Entschlafenen, deren Bahre sodann ins Grab gesenkt wurde. Frau Frommet Baerwald, die in ihrer wahrer Frömmigkeit und in ihren reichen Tugenden an die jüdischen Patriarchenfrauen erinnerte, wird Allen, die sie gekannt haben, unvergeßlich bleiben, ihr Andenken wird ein gesegnetes sein. 0a. Aus Schlesien, 27. August. An: 17. d. M. verschied nach kurzem, schweren! Krankenlager, Nachts 1j.ß Uhr, der Königliche Sanitätsrath und Kreiswundarzt des Kreises Tarnowitz, Herr Dr. med. Gustav Schlesinger in Beuthen (Oberschles.), einer der beliebtesten und geachtetsten Aerzte der Stadt. Der Verblichene war in weiten Kreisen überhaupt, besonders aber als Arzt für Kinderkrankheiten sehr geschätzt. Im Alter von 21 Jahren beendete er seine ärztlichen Studien, praktizirte alsbald in Lübbenau, um bald nach seiner Vaterstadt Beuthen überzusiedeln, der er fast drei Jahrzehnte lang seine Thätigkeit widmete Im Jahre 1864 diente Dr. Schlesinger in Posen, machte die Feldzüge von 1864 und 1870 71 als Arzt mit und war Stabsarzt der Landwehr. Auch im kommunalen Leben trat er hervor; er war zehn Jahre lang Stadtverordneter, seit vierundzwanzig Jahren als Kommunalarzt thätig und hat sich in diesem Wirken unzählbare Verdienste erworben. Länger als ein Vierteljahrhundert stand der Verblichene an der Spitze des Vereins „Gesellschaft der Jugendfreunde" und hat auch hier seiner humanen Gesinnung sehr oft Ausdruck und Bethätigung verliehen. Trotz der aufopfernden Bemühungen seiner Kollegen raffte ihn nach vierzehntägigem Leiden an Lungenentzündung ein Herzschlag im besten Mannesalter von 51 Jahren dahin. Am darauf folgenden Mittwoch wurde der Verstorbene unter zahlreicher Betheiligung zu Grabe geleitet. Den Zug eröffneten Bergleute, diesen folgte der Kriegerverein und die Arbeiter der Pringsheimschen Werkstatt. Hinter dem Sarge schritten der Magistrat und die Stadtverordneten, die Beamten der Gewerkschaften, deren Kassenarzt der Verblichene war, Aerzte und Bürger der Stadt und Umgegend. Herr Rabbiner Dr. Löwenthal aus Tarnowitz hielt die Grabrede. Unter Tronnuelgewirbel und dem Donner der Ehrensalven wurde der Sarg ins Grab gesenkt. — Ter Friedhossverwalter Herr Jakob Horrwitz in Myslowitz, welcher am 12. d. M. seinen 70. Geburtstag beging, erhielt vom Vorstande des israelitischen Krankenpflege- und Beerdigungsvereins ein Ehrengeschenk und von der dortigen Schützengilde, deren ältestes Mitglied das Geburtstagkind ist, ein prachtvolles Stammseidel mit eingravirter Widmung als Geburtstagsgeschenk. — Ebenda wurde am 10. d. M. unter zahlreicher Betheiligung ein allgemein geehrter Bürger, Herr Fleischermeister Heimaun Glücksmann, zur letzten Ruhe geleitet. Herr Rabbiner Dr. Kopfstein aus Beuthen hielt eine ergreifende Grabrede. — Wie aus Oppeln gemeldet wird, läßt gegenwärtig eine englische (Missions-?) Gesellschaft, die ihren Sitz in Berlin hat, dort, wie in anderen oberschlesischen Städten, kleine Schriften biblischen Inhalts gratis vertheilen, welche gegen den Antisemitismus gerichtet sind. — Am 6. September d. I. begeht der allverehrte greise Seelsorger der jüdischen Gemeinde in Oppeln, Herr Rabbiner Dr. A. Wiener, das Jubiläum seiner vierzigjährigen Thätigkeit am dortigen Platze. — Der am 10. Juni d.J. in Breslau verstorbene Kommerzienrath Bernhard Selten hatte der Synagogen-Gemeinde in Lublinitz ein Legat von 3000 Mark als eine Stiftung zur unentgeltlichen Ausbildung armer jüdischer Mädchen im Handarbeitsunterricht ausgesetzt. Jetzt hat der Herr Regierungspräsident die Genehmigung zur 'Annahme der Stiftung ertheilt. — Ueber eine Großthat des neugewählten Reichstagsabgeordneten für Neustettin, Prof. Dr. Förster, berichtet ein Freund des „Wüstegiersdorfer Grenzboten", welcher zufällig in Weisstein (Kreis Waldenburg) am 29. v. M. einer antisemitischen Bersanuulung beiwohnte, folgendermaßen: Herr Dr. Förster hielt hier seinen Jüngern, zu denen auch ein Theil der Spitzen unserer Behörden gehörte, einen Vortrag, der die Köpfe so sehr erhitzte, daß ein furchtbarer Radau entstand, so daß Nachtwächter und Polizei herbeigerufen werden mußten, die aber auch nicht viel ausrichteten. Es entstand eine Keilerei, welche sonst nur bei Jünglingen von untergeordneter Erziehung, bei sogenannten Raufbolden, üblich ist und wobei selbst die erste Person im Orte nicht verschont wurde. Bis drei Uhr Morgens setzte sich der entwickelte Straßenkampf fort, es hätte nicht viel gefehlt, bald hätte auch der Geistliche seinen Theil bekommen. — In Breslau verstarb am 14. d. M. Mittags Herr Max Kauffmann, Mitinhaber der Firma Meyer Kauffmann, der einzige Sohn des stellvertretenden Vorsitzenden der hiesigen Handelskammer und Seniors der genannten Firma, Salomon Kauffmann, nach schwerem Leiden. Das Hinscheiden des erst 39jährigen Mannes erweckt in den weitesten Kreisen aufrichtige Theilnahme. f. Magdeburg, 28. August. Der zweite gedruckte Verwaltungsbericht der hiesigen Gemeinde — der erste erschien vor 3 Jahren, ist soeben erschienen. Der Bericht enthält einen Rückblick auf die letzten 3 Jahre, dem wir die wichtigsten Daten entnehmen. Am 2. und 3. April 1892 feierte die Gemeinde das 25 jährige Amtsjubiläum ihres Rabbiners Herrn Dr. Rahmer. — Die vorbereitenden Schritte für den Neubau einer Synagoge, welche der Gemeinde Magdeburg zur Zierde gereichen soll, sind soweit gediehen, daß der Bauplatz auf dem Grundstücke der Synagogen-Gemeinde, Große Schulstraße 2 c, definitiv bestimmt und das Preisausschreiben zur Erlangung eines den Anforderungen entsprechenden Entwurfs bereits im Gange ist. In unmittelbarem Zusammenhang mit dieser wichtigen Angelegenheit steht die Gebetbuchfrage. Wenn der Kultus ein getreuer Ausdruck unseres religiösen Denkens und Empfindens sein soll und unsere religiösen Anschauungen nicht blos in der Vergangenheit wurzeln sollen, so muß auch das Gebetbuch in Zusammenhang mit der lebensvollen Gegenwart gebracht werden. Zur Lösung dieser Aufgabe ist hier eine Kommission zusammengetreten, bestehend aus 3 Mitgliedern des Vorstandes, aus 3 Mitgliedern des Repräsentanten - Kollegiums, sowie dem Herrn Rabbiner. — Ein hervorragendes Interesse bietet der Etat der Gemeinde, welche 535 beitragspflichtige Gemeindemitglieder zählt. Der Etat verzeichnet an Kultusbeiträgen für das Jahr 1893 23,049 Mark, an Synagogenstuhlgeldern (einschl. Nebensynagoge) 4700 Mark und einige ganz kleine Einnahmeposten, so für Traugebühren u. s. w. 200 Mark, Mizwothgelder 598 Mark. Demgegenüber stehen für Synagogen- und Schulzwecke recht umfangreiche Aufwendungen, bei denen die ökonomischen Talente der Verwaltung in bestem Sinne hervortreten. Die Religio ns sch ule, welche sich in dem der Gemeinde gehörigen Gemeindehause neben der Synagoge befindet, besitzt 3 Lehrkräfte, die Herren Rabbiner Dr. Rahmer, Lehrer M. Spanier und Lehrer M. Steinhardt. 159 Kinder besuchen die vierklassige Schule. Der Unterricht wird den Kindern der Gemeindemitglieder unentgeltlich ertheilt. — Der Stand der Wohlthätigkeitsvereine der Gemeinde kann als musterhaft bezeichnet werden. Die Israelitische Beerdigungsgesellschaft verfügt über einen Vermögensbestand von 11,186 Mark, der israelitische Frauenverein über 9650 Mark, die jüdische Kranken-Unterstützungsgesellschaft über 15,959 Mark, der israelitische Wittwen- und Waisen-Unterstützungsverein über 63,324 Mark, die B. Elbthal-Stiftung zur Unterstützung für Blinde und Kranke über 40,000 Mark, die G. Sommerguth-Stiftung zur Aussteuer armer Bräute über 10,000 Mark. Ferner stehen unter Verwaltung des Gemeindevorstandes milde Stiftungen mit einem Kapital von 19,850 Mark. Die Zinsen werden vor den hohen Feiertagen unter hiesige Hilfsbedürftige vertheilt. In den Händen des Magistrats liegt die Verwaltung der Gebrüder Friedeberg-! Stiftung, deren Kapital 10,000 Mark beträgt, die Zinsen werden an arme! christliche und 5 arme jüdische Familien gleichmäßig vertheilt. —Der | Bericht enthält eine Abhandlung: „Ueber den Antheil der Juden — und j vorzugsweise der Magdeburger — an den Freiheitskriegen," über die! wir ein besonderes Referat bringen. > * Trier, 28. August. Bei der Regierung zu Trier soll das! Dezernat über die evangelischen und israelitischen Schulen,! das durch die Versetzung des jetzigen Inhabers, Schulraths Schöppa, nach Schleswig frei wird, nicht wieder mit einem Schulrath ordentlich besetzt, sondern von einem evangelischen Geistlichen im Nebenamte verwaltet werden. Die geistliche Schulaufsicht rückt damit bis in die Bezirksinstanz auf. Als Grund für diese Maßnahme wird die geringe Zahl der evangelischen und israelitischen Schulen angegeben (23,000 Schüler). Der Gedanke, die Schulen einem Fachmanne ohne Rücksicht auf sein religiöses Glaubensbekenntniß zu unterstellen, hätte doch wohl näher gelegen!

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