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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-01 · Heft 35 (1.9.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 35 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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- wurden später in einem Ofen, wohin sie sich vor dem Wasser retteten, erstickt' aufgefunden. Viele Häuser wurden total zerstört; Hunderte von Familien haben ihr Hab und Gut verloren und stehen ganz mittellos da. ArH 14. d. M. fand die Beerdigung sämmtlicher Ertrunkenen aus dem jüdischen Friedhofe statt. Die ganze Stadt bietet ein schreckliches Aussehen und lange Zeit wird vergehen, bis dieselbe von der Zerstörung sich erholen wird. — Die von Juden bewohnte Stadt Lodi (Gouv. Mohilew) wurde fast ganz eingeäschert. 300 Häuser, dazwischen fünf Synagogen gingen in Flammen auf. — Vier jüdische Arbeiterfamilien, die jahrelang in Starobelsk (Gouv. Charkow) im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod redlich erwarben sind jetzt auf Verordnung der örtlichen Polizei ausgewiesen worden. Die Armen gedenken Beschwerde zu erheben, da zu ihrer Ausweisung keine Veranlassung vorhanden ist. Griechenland. * Athen, 12. August. Die antisemitischen Blätter brachten vor einiger Zeit eine Schauergeschichte aus Volos in Thessalien, wonach ein Jude aus angesehener Familie einen Knaben geraubt und ihn fünf Tage lang in einem unterirdischen Gefängniß eingesperrt gehalten habe, bis es dem Knaben gelungen sei, zu entfliehen und bei der Polizei Anzeige von dem Vorfall zu machen. Zur Aufklärung und Richtigstellung jener obigen Behauptung verweisen wir auf die in Athen erscheinende „Akropolis", da sie am besten im Stande ist, die Ungeheuerlichkeit und das Unsinnige jener Geschichte zu erweisen. Der Korrespondent der „Akropolis" schreibt aus Volos, vom 10. d. M. „Beinahe hätten sich die antisemitischen Szenen in Korfu auch hier wiederholt. Ein zwölfjähriger Knabe aus Janina, der als Gamin sich herumtrieb, erschien gestern aus der Polizei und gab an, daß er mit Gewalt von Juden fortgeschleppt und fünf Tage in einem jüdischen Hause eingesperrt worden sei; es sei ihm aber gelungen, durch die Gitter des einzigen Fensters seines Gefängnisses zu entweichen. Er fügte noch hinzu, daß ihm als Nahrung mit Blut befeuchtetes Brod u. A. gegeben worden sei. Sogleich begaben sich der Polizeikommissar und der Staatsanwalt mit dem Knaben nach dem bezeichneten Hause, dessen oberer Stock von einer christlichen Familie bewohnt wird. Ihre erste Aufgabe war natürlich, zu untersuchen, ob das Entweichen des Knaben aus dem Fenster möglich wäre. Der Junge machte nun verschiedene Versuche und bemühte sich vergeblich, seine Behauptung, von der zum größten Theil die weiteren Folgen seiner niederträchtigen Verlemndung abhingen, praktisch zu erweisen. Sobald sich die Grundlage der Erzählung des Knaben als Lüge herausgestellt hatte, ging die Behörde zu eingehenderen Nachforschungen über, und diese ergaben, daß der Bursche in den Tagen seiner angeblichen Gefangenschaft ungestört auf verschiedenen Trottoirs der Stadt und in dem Hause des Hüters vom Tempel „der Verwandlung" geschlafen hatte. Seine einzige Begegnung mit der jüdischen Familie war nach der bestimmten Erklärung der jüdischen Frau folgende: Sie bemerkte eines Tages den Knaben, wie er zerlumpt auf dem ihrem Hause gegenüber befindlichen Trottoir ausgestreckt lag, und redete ihn an: „Mein Kind, warum gehst Du nicht arbeiten?" „Ich habe keine Arbeit gefunden." „Soll ich Dich wegen Arbeit nach dem Hutgeschäft von Abraham schicken?" „Ich gehe zu keinem Juden, denn sie trinken Menschenblut!" Mit diesen Worten verließ er das Trottoir, eilte zu der Mutter des Tempeldieners, einer alten gottesfürchtigen Frau, und erzählte ihr obige Geschichte. In derselben Nacht erfolgte auch die oben erwähnte Anzeige bei der Polizei. Die Behörde ftiahm die Sache mit lobenswerther Energie und Sorgfalt in die Hand und machte unmittelbar darauf der erbitterten und aufgeregten Bürgerschaft die von ihr gemachten Entdeckungen bekannt, in Folge deren kein Zweifel bestehen kann, daß der Knabe das Werkzeug niederträchtiger Gesinnungen oder geistiger Krankheit war, und daß auf diese Weise die Erbitterung der Christen gegen ihre zahlreichen jüdischen Mitbürger, mit denen wir hier in brüderlicher Einigkeit leben, erregt werden sollte." Schärfer und zugleich vernichtender kann man dies nichtswürdige Treiben gewisser Kreise nicht brandmarken Dieser Vorgang zeigt recht deutlich, mit welchen Mitteln man antisemitischerseits arbeitet, und aus welchen Veranlassungen zumeist jene gehässigen und wahnwitzigen Beschuldigungen Herkommen, die man gegen sie zu schleudern nicht müde wird. Leider gelingt es nicht immer so klar und gründlich, jenen Bestrebungen einen festen Damm entgegenzusetzen. Won Nah und Fern. ----Für die preußischen Landtagswahlen sind bereits die nachstehenden antisemitischen Kandidaten aufgestellt: 1. Dr. Böckel in Marburg (bisheriger Vertreter der konservative Amtsgerichtsrath v. Stiernberg); 2. Dr. Böckel in Kirchhain-Frankenberg (bisheriger Vertreter der freikonservative Landrath Riesch); 3. Reichstagsabgeordneter Werner in Rotenburg-Hersfeld (bisheriger Vertreter der konservative Oekonom Seyfarth); 4. Reichstagsabgeordneter H irschel in Biedenkopf (bisheriger Vertreter der national-liberale Landgerichtsrath Seybert). Ferner verlautet, daßAhlwardt indem bisher konservativ vertretenen Wahlkreise Neustettin kandidiren wolle. — Eine relative Verminderung der Personen jüdischer Konfession im Deutschen Reiche ergiebt sich nach dem Statistischen Jahrbuch für 1893. Nach demselben trafen auf 10,000 ortsanwesende Personen im Jahre 1890: 6277 Evangelische (gegen 6263 im Jahre 1880), 3576 Katholiken (gegen 3589 im Jahre 1689), 29 sonstige Christen (gegen 17), 115 Juden (gegen 124), 27 anderer Religionen! (gegen 6,8). — Dem antisemitischen Abgeordneten Werner ist von! Parteigenossen der Vorwurf gemacht worden, er habe für die Auslieferung j des Wahlkreises Rinteln-Hofgeismar an die Deutsch-Sozialen eine j Bestechungssumme empfangen. Werner verwahrt sich in seinem „Antisemitischen Volksblatt" gegen diese Behauptung und produzirt ein Schreiben Liebermann v. Sonnenbergs, wonach Werner nur die Uebernahme von Wahlschulden in Höhe von 300 Mark sich ausbedungen habe. Uebrigens macht auch das Wernersche, sonst radikal gehaltene und mit Dühring sympathisirende Blatt gegen den „Berliner Radau-Antisemitismus" Front. — Der Kaufmann Michael Herz zu Posen ist zum Kommerzien- Rath ernannt worden. — Anläßlich der Gothaer Festspiele hat der verstorbene Herzog Ernst dem Dr.Julius Baron K ö nigswa rter in Hannover und dem Kammersänger R e i ch m a n n in Wien das Ritterkreuz Erster Klasse des Ernestinischen Hausordens verliehen. — In Straßburg haben sich habilitirt! Dr. Weintraub für innere Medizin, Dr. Klemperer für innere! Medizin und Laryngologie. — Infolge Erlasses des bayerischen Kriegsministeriums haben die General-Kommandos die unterstellten Truppentheile angewiesen, sowohl in den Garnisonen als auch bei den Manövern am 11. und 12. September, sowie vom 19. September Mittags ab beginnend für den 20. September den Soldaten israelitischer Religion, soweit sie es wünschen, und soweit es ohne Beeinträchtigung des Dienstes geschehen kann, behufs Feier der auf diese Tage fallenden religiösen Feste (Neujahr und Versöhnungsfest) Urlaub zu ertheilen. — Aus Oswieeim wird gemeldet, daß Kardinal Dunaj ewski aus Krakau dort eingetroffen und von einer Abordnung der israelitischen Kultusgemeinde, geführt von dem Kultusvorsteher Bernhard Pilzer und dem Oberrabbiner A. Schnur, begrüßt wurde. Auf die Ansprache des Letzteren erwiederte Kardinal Dunajewski, daß es ihn sehr freue, Frieden und Eintracht unter der Bevölkerung beiderlei Konfessionen bestehen zu sehen; er werde stets sein Möglichstes dazu beitragen, daß dieses Verhältniß erhalten bleibe, da dies auch den Intentionen unseres erhabenen Monarchen entspricht, der alle Konfessionen vollkommen gleichgestellt hat. — Bei den französischen Wahlen sind bisher als gewählt zu betrachten: Josef Reinach, D. Raynal, R. Bischoffsheim und Achilles Fould. Zur Stichwahl kommen M Klotz, F. Cremieux, A. Naquet, P. Strauß, S. Hirsch, R. Georges-Levy und Ed. Klotz. — Baron Hirsch hat den Direktor der Alliance-Schule in Tunis Herrn M. Cazös, zum Administrator der jüdischen Kolonien in Argentinien gewählt. — Der Rabbiner G. Cammeo in Neapel berichtet dem „Vessillo Jsraelitico", daß dort kein einziger Jude an der Cholera gestorben ist. Auch im Jahre 1884 blieben die Juden in Neapel von der Cholera verschont. Das rührt daher, daß sie mäßig, an Reinlichkeit gewöhnt sind und die hygienischen Gesetze des Judenthums beobachten. — Herr David Levi in Pinerolo, der in seiner Jugend für die Befreiung Italiens mitkämpfte, wurde zum Ritter der Krone Italiens ernannt. — Vor zwei Jahren ließ sich die zum Doktor der Medizin in Paris promovirte Felicita Mendelssohn in Kairo nieder. Letzthin erkrankte die Mutter des Khedive, und sie wurde zu derselben gerufen. Infolge dessen wurde sie zum Arzte des Khedive ernannt. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. MaxBauckwitzin Berlin.

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