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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-01 · Heft 35 (1.9.1893) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 35 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 416 (sequence 10)
Language
German
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416 r s die grade einen recht unbemerkten Blick ins Gesicht des gegenübersitzenden Königs gestattete, blieben die Beiden stehen. ° Thirza fühlte nur unaussprechliche Rache im Busen und ihr Auge schoß versengend« Blitze aus dem Dunkel auf den alten Elieser und den König; in Esthers Busen kämpfte Zaghaftigkeit vor den gewaltigen Männern mit der Angst um das Schicksal ihres väterlichen Freundes und der schwärmerischen Neigung zu dem Könige einen uuheilvosten Kamps. Thirza mahnte die Zögernde, Unentschlossene, heran zu gehen an die Tafel und beim König um Gnade zu bitten, ehe es zu spät sei. Esther zitterte heftig und rang vergebens nach Muth, da sah sie aber das Gesicht Eliesers und nun stürzte sie vor an den Sessel Bar-Kochba's, warf sich nieder auf die Knie und hielt ihm mit krampsig zuckender Hand das Silberstück entgegen, schreiend mit durchdringender Schmerzensstimme: „Gnade, hoher Prophet, göttlicher König! Gnade für den armen Vater, den Du heut Deiner Anrede gewürdigt im Häuschen am Wasserthore! Rette ihn aus den Klauen des Tigers! Schände nicht den ersten Tag Deiner Herrschaft durch eine Unthat, daß nicht Blutschuld den Glanz der Sterne trübe um Dein edles Haupt!" Bar-Kochba fuhr heftig bewegt empor, bewegt von der eigeuthümlich rührenden Schönheit der Bittenden, die heut schon einen großen Eindruck auf sein fast noch kindliches Herz gemacht, bewegt von der Schwere ihrer Worte, von der Melodie ihrer Stimme. Die Männer am Tisch staunten über die Kühnheit der Jungfrau. „Was ist mit dem alten Priester? Ich entsinne mich sein!" rief der König, Esther die halb ohnmächtig auf seinem Knie lehnte, bei der Hand hallend, und mit dieser Frage wandte er sich an Elieser, der ein mürrisches „Weiß ich's?" ecwiederte. In diesem Augenblicke trat ein alter Hauptmann herein und hinter den Stuhl Elieser, dem er leicht ins Ohr redete. „Was hast Du?" frug Bar- Kochba entrüstet; „darf der König nicht wissen, was cs hier zu verhandeln giebt?" Der Hauptmann trat heran, neigte sich tief und sagte: „Die sieben Ketzer haben nichts bekennen mögen, ich habe, wie mir befohlen war, die verstockten tödten lassen!" — „Ans wessen Befehl?" — „Sechs Samaritaner und ihr Oberhaupt auf Befehl Deines erlauchten Waffenträgers!" — „Ach! mein armer Vater! Du teuflischer Mörder! Deiner wartet ein schmählicher Tod!" schrie da in gellenden Lauten die arme Esther auf Elieser deutend und sank leblos am Könige zusammen, der den Sessel zurückwarf und zornglühend aufsprang. Wie ein zürnender Seraph stand er da mit gezogenem Schwerte und donnerte erst dem Hauptmann zu: „Weil Du andern Befehlen gehorcht hast, ohne eine gesiegelte Vollmacht von mir, so bist Du mir gerade auch um einen Kopf zu lang geworden; Wachen, führt ihn zum Tode!" — Als die Soldaten den erschütterten, zähneklappernden Delinquenten hinansgesührt, wandte er sich an Elieser, der mit starren Augen dasaß und seinen eigenen Ohren nicht traue» mochte. „Waffenträger!" rief er, „der Priester am Wasserthore war mein besonderer Schützling; Du hast ihn Deiner Rachsucht geopfert und meine Liebe und Achtung verscherzt. Ich bin König und habe Gewalt über Leben und Tod, und noch eine solche That schützt Dich beim lebendigen Gotte nicht vor blutiger Vergeltung! Wisse, lvo ich herrsche, wird nicht geschlachtet wie in Gaza; hebe Deine Schlachtlust auf für die Römerschlacht! für jetzt mir aber aus den Augen; Tu bist unrein durch sieben Tage von Morgen bis Abend und wirst sie einsam in Deiner Aliza zubringen mit Gebet und Bußwerken!" Bleich vor Grimm und Entsetzen erhob sich Elieser; so war ihm der König noch nicht begegnet Er schäumte vor Wuth, vor allem Volk eine solche Niederlage erlitten zu haben, aber das Volk jubelte dem Könige lauten Beifall zu und der Feldherr mußte sich zum Aufbruch bequemen. Als Elieser weggebracht war, übergab der verstörte König die noch immer ohnmächtige Esther einem alten Priester mit der strengen Weisung, sie so zu halten, als wäre sie die königliche Schwester. Kaum war dies geschehen, so fuhr plötzlich ein so scharfer Zugwind von der Unterstadt herauf, daß die meisten Lampen erloschen und die hochaufsprühenden Pechpfannen einen Funkenregen über die Häupter der Männer ergossen. Da erhob sich der König, zum Zeichen, daß das Fest beendet sei, und ehe man noch den Hof verlaffen hatte, fiel ein eisiger Platzregen, scharf wie Mefferwürfe herab, der jede Flamme verlöschte und das Volk in die bergenden Ruinen Jerusalems trieb. (Schluß folgt.) In btt Kunstausstellung. Von Eduard Münz. „Bernhard Herzmann" — war auf der Visitenkarte zu lesen, die ich auf meinem Schreibtische fand. Ich konnte mich nicht entsinnen, den Namen je gehört zu haben. Wer mochte mein Besucher sein? Was war sein Begehren? . . . Meine Neugierde sollte recht bald befriedigt werden. Es klopfte. Auf mein „Herein!" trat ein schlanker, ernstblickender junger Mann ins Zimmer. „Ich heiße Herzmann, Bernhard Hcrzmann!" — stellte er sich mir mit einer verbindlichen Verbeugung vor — „Sie werden sich meiner wohl schwerlich erinnern?" „In der That. ich wüßte nicht . . ." „Haben Sie Gumpel den Maler schon vergessen?" „O nein! Was ist's mit dem wackeren Alten? Lebt er noch?" „Mein guter Vater ist todt! Vor drei Monaten habe ich an seiner Bahre gestanden!" eutgegnete mein Gast, den Blick zu Boden gewandt. „Sie sind also . . . ." „Gumpel Maler's Bärele! Anch’ io son pittore!" fügte er nicht ohne ein gewisses Selbstgefühl hinzu. Ein Bild vergessener Zeiten tauchte vor meinem geistigen Auge empor: Es war kurz vor dem Passahfeste und das „große Reinemachen" gerade im Gauge. Gumpel der Maler, ein kleines, spindeldürres Männchen, mit einem freundlichen, von einem langen, weißen Barte umrahmten Gesichte, in einem blaßgrüncu, abgelebten Arbeitskittel, der, in den buntesten Farben schillernd, das Gewerbe seines Besitzers nur allzu deutlich verrieth, war eben damit beschäftigt, auf dem taubengrauen Grunde, den er nach seinem Lieblingsbrauche unserem Ofen gegeben, einen Blumenstrauß hervorzuzaribern. Es war ein schweres Stück Arbeit für den Alten; er gab sich redlich Mühe und blickte, als der Erfolg dennoch ausblieb, verlegen auf seinen Sohn, einen etwa elfjährigen, hübschen Jungen, der ihm die Farben mischte. Ich konnte Gumpel Maler's künstlerischen Versuchen nur wenig Aufmerksamkeit schenken, da ich meinem Großvater, deß Augen schwer waren vor Alter, die Zeitung vorlas. Das Bild eines bekannten Meisters war von einem Kunstmäcen um zwanzigtausend Gulden angekauft lvorden. Gumpel horchte auf: „Zwanzigtausend Gulden! Ein Vermögen!" rief er. „Sie sind ja auch ein Maler!" fiel ich ein, „weshalb . . .?" Mein Spott verstummte alsbald. „Hab' ja bei meinem Vater — Gott Hab' ihn selig — der auch mein Meister war, so wenig, blutwenig lernen können!" meinte er ernst, „aber sehen Sie, mein Jüngel..." Er schaute sich nach dem Knaben um. Was war denn das? . .. Der „Blumenstrauß" auf taubengrauem Grunde prangte in frischester

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