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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-01 · Heft 35 (1.9.1893) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 35 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 412 (sequence 6)
Language
German
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412 Von weltlicher Lektüre und Belustigung fern, dulden keine Sonntagszeitung und kein Sonntagstheater. Sie bestürmen jetzt alle Behörden, um die Schließung der Chicagoer Weltallsstellung am Sonntag durchzlisetzen, und der extremste Flügel unter ihnen hält das Theater überhaupt für ein Werk Satans, so daß sie darin mit dein seligen Rabbi Moses Sofer, der seinen Nachkommen in seinen! Testamente den Theaterbesuch für einige Zeiten verbot, auf gleicher Stufe stehen. Ja, ihre Führer erklärten das mosaischeGesetz, selbst in seinem juridischen Theile für rechtsverbindlich und betonten gleich dein Midrasch Kohelet 8,2 die Lehre, daß die Staatsgewalt die Religion nicht bestimmen dürfe, doch waren sie dabei gleich den Juden durchaus loyal. Wenn die Puritaner mit dem Rufe „der Herr Zebaoth ist mit uns" (Ps. 46, 12) in die Schlacht zogen, so will das nicht viel bedeuten. Es gehörte zu ihrer Gesammtauffassung, sich, wie es die Hnssiten thateu, mit dem Gottesvolke zu ideutifizireu, aber einer cigenthümlichen Sitte muß ich erwähnen, die mir kürzlich von einem protestantischen Pastor mitgetheilt wurde. In den Dörfern Neu- Englands, — so nennt man die östlichen Staaten, welche ursprünglich englische Kolonien waren—herrscht dieSitte, daßman amDanksagungstage den Kindern drei Maiskörner auf ihren Teller legt und ihnen dann auf ihre Frage erklärt, daß die puritanischen Väter, die ersten Ansiedler in den Vereinigten Staaten, die vor den Verfolgungen der Staatskirche hierher flohen, in so großer Noth sich befanden, daß sie bei ihren Mahlzeiten nur abgezählte Maiskörner essen konnten, deren Zahl auf drei herabgesunken war, als die lange ersehnten Schiffe aus der alten Heimath ankamen und die Ansiedler bei reichlichem Mahl ihr thanksgiving feiern konnten. Diese merkwürdige Parallele mit unserer Sederabendsitte dürfte allerdings mehr ans zufälligein Zusammentreffen als aus Bekanntschaft mit der letzteren zu erklären sein, da die im Jahre 1620 hier gelandeten Puritaner keine Gelegenheit hatten, in der alten Heimath jüdisches Leben beobachteii zu köniien, aber auch als psychologische Parallele ist sie interessant genug. Der Danksagungstag ist ein amerikanischer Festtag geblieben, und Präsident Lincoln wollte durch Anordnung einer alljährlichen Feier dieses Tages, dessen Datum der Präsident zu bestimmen habe, ein stärkeres Zusammengehörigteitsgefühl schaffen, um den Gegensatz zwischen Norden und Süden zu überwinden. To weit ich sehen tonnte, wird der Tag meist nur durch eine Mahlzeit gefeiert, bei der Truthahn und cranberry obligat ist. Von den letzteren kann ich nur sagen, daß sie gut schmecken, allerdings, wenn man Zucker nicht spart, daß ihr wissenschaftlicher Name Oxycoccus niacrocarpus ist und sie den Namen Kranichbeere von dem langen, den Kranichbeinen vergleichbaren Stengel habe». Damit sich aber Niemand allzusehr über meine Gelehrsamkeit wundere, füge ich hinzu, daß ich diese Weisheit frisch aus Webster's Wörtcrbuche habe, einem Werke, dem wir an Brauchbarkeit, Handlichkeit uiid Verbreitung in deutscher Sprache nichts an die Seite zu stellen haben. Außer dem Truthahn und den CTanbenies hat der Tanksagungstag keine Bedeutung Der Gottesdienst ist spärlich besucht und das Geschäft geht seinen regelmäßigen Gang; der Amerikaner ist Feiertagen nicht günstig gestimmt »iid hält deren nur zwei im Jahre, Weihnachten und Neujahr. Ostertiitb Pfingstmontag sind gewöhnliche Werktage, an denen höchstens die Kirchen ihre Ausflüge und andere zu sinaiiziellen Zwecken veranstalteten Vergnügunge» abhalten, ein Gottesdienst eristirt aber an diesen Tagen iiicht. Von dei> nationalen Festtagen hat nur der 4. Juli, der Tag der Unabhüngigkeilserklärung, Bedeutung. An demselben hat jeder Schuljunge seinen geladenen Revolver in der Tasche, um damit, wie cs sich gerade trifft, in die Luft, in das Schaufenster eines Ladens oder in den Kops eines Passanten zu schießen. Daneben brennt man auf den Straßen Feuerwerke ab, errichtet Scheiterhaufen, nnbekümmen um die bei den vielen Holzhäusern gesteigerte Feuersgefahr, und de,- gleichen mehr von gefährlichen Beliistigungen. Wenn dann, wie in der Regel geschieht, einige Leute erschossen werden, andere durch Explosionen von Feuerwerkskörpern ein Auge oder ein paar Fing > einbüßen und ein halbes Dutzend Häuser niederbrennen, so heißt daivie es im vorigen Jahr hier der Fall war, ein „ungewöhnlich still > tourtll ot' July". Ans dem Gesagten kann man sehr leicht ersehen, daß d>- amerikanische Leben der Fortdauer des zweiten Feiertages bei bui Juden durchaus nicht günstig ist, und wird sich über dessen allgemeine Beseitigung iiinerhalb der Reformgemeinden nicht wunder,,, vielleicht auch darüber nicht, daß Leute, die strenge den Sabball, halten, am zweiten Feiertag ihren Geschäften nachgehen. Ich will bei dieser Gelegenheit auch auf einen anderen Punkt aufmerksai, machen, der im Gegensätze zu unseren Verhältnissen den zweite,, Feiertag überflüssig macht, das ist der Wegfall der Seelengedächtnij - feier, die hier zu Lande mir am Versöhnungstage stattfindet. Du Grund dafür liegt in dem Unistande, daß die Reformgeineinde,, von süddeutschen Juden begründet wurden, welche nach dem Wor - laute des Schulchan - Aruch (Magen Abraham 621,6) die Seele,- gedächtnißseier nur am Jomkippur begehen, ivährend die norddeutsche, und österreichischen Gemeinden, wahrscheinlich von ihren polnische i Rabbinern im 17. und 18. Jahrhundert beeinflußt, den polnische , Minhag der Gedächtnißseier an allen drei Festtagen acceptirt Habei, was vielleicht mit der Chmelnitzki'schen Verfolgung zusammenhüng jedenfalls nicht über das 17. Jahrhundert hinausgehen kann. Es iß, nebenbei gesagt, ein Beweis des großen organisatorischen Talente- Abraham Geigers, daß er, ein Süddeutscher, die Bedeutung diese Einrichtung so glücklich erfaßt und für die Belebung des religiöse, Elements so glänzend verwerthet hat. Moses Mendelssohn. Eine Gedächtnißrede von Schuldirektor Dr. Wicken Hagen in Dessaus „Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Ist eingeweiht; nach 100 Jahren klingt Sein Wort und seine That dem Enkel wieder." Dies Dichterivort, hochgeehrte Anwesende, hat sich bereits vo 60 Jahren — arn 6. September 1829 — erfüllt, als Dessau de, 100jährigen Geburtstag seines Mendelssohn beging, es erfüllt siü auch heute an dem 100jährigen Todestage desselben. Mendelssoh, hat in der That unser Dessau eben nur betreten; nur eine fnrj Jugendzeit hat er hier verlebt und ist dann nicht wieder hierhe zurückgekehrt. Nur Weniges hat er seiner Vaterstadt zu verdanken das Beste verdankt er sich selbst. Aber der Genius zahlt mit Wucher zinsen zurück, was er einvfangeu, und so ist auch aus dem schwache, Saamenkorn, tvelches hier gelegt ist, ein Baum geworden, an dessei stattlichem Wachsthum, an deffen reichen Früchten doch vor Allen die Vaterstadt ihre Freude haben soll. Mit Recht erneuern wir darum heute das Andenken des Moses Dessau, wie er sich selbe, ursprünglich nannte, oder des deutschen Sokrates, ivie seine Verehre, ihn nannten; und wir wollen uns dankbar nicht blos daran erinnern, was er unserem Volke bereits gewesen ist, sondern auch die Hoffnung 0 Die obige Rede wurde in der Aula der Herzogliche» Antoinetten schule in Dessau, deren Direktor Herr Dr. W. ist, am hundertsten Todestage des jüdischen Philosophen gehalten, aber damals weiteren Kreisen nicht zugänglich gemacht. Wir freuen uns, daß wir dieselbe heute — zum 6. September — unfern Lesern bringen können. Die Red.

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