Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1893)
- Date
- 1893-08-25
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Jda Cohn und des Herrn Posthalters Meseritzer (Neuendorfer-, Seelower- und Eisenbahnstraße) unter der Aufsicht der Lehrerin Frl. Arnheim und Lehrer Jakob geweilt und der Schreiber dieses täglich die 60 Kinder bei den verschiedenen Mahlzeiten, bei ihren Ausflügen und Spielen beobachtet, kann man erst ein vollständiges Bild über diese Institution geben. Bleich, matt und mitunter hohläugig kommen die Kinder hierher; von der Sonne gebräunt, gekräftigt und vollbefriedigt verlassen sie unsere idylliscke Waldstadt, und der Name Fürsienwalde bleibt ihnen auf ewig in Erinnerung. Was in dieser Beziehung speziell hier geleistet wird, ist fast unglaublich und für den unbetheiligten Beobachter geradezu rührend. Man sagt, nur eine natürliche Mutter könne mit Aufopferung für ihr Kind sorgen. Frl. Jda Cohn straft dem Worte Lügen. Eine Mutter von 60 kleinen und 20 großen Kindern, die sie allein in ihr großes Herz eingeschlossen! Auch in ben besten Familien erhalten die Kinder keine bessere Pflege, kein reichhaltigeres Essen in der mannigfachsten Abwechselung. In den Vormittagsstunden werden Spaziergänge nach dem schönen Park, Nachmittags weitere Ausflüge in die Umgegend gemacht, wo die Kinder ebenfalls Speise und Getränke erhalten. Das genannte Aussichtspersonal ist stets, auch Nachts, bei den Kindern und exekutirt Spiele und Gesänge. Zweimal iu der Woche werden besondere Gottesdienste abgehalten, wobei es auch nicht an Ansprachen fehlt. Die von dem Berliner Magistrat ernannten Komitee-Mitglieder, die Herren Weinhändler Mayer und Korach, kommen in jeder Woche zur Inspektion herüber. Nun noch einige Worte über die gesammten Ferienkolonien des Berliner Magistrats. Es sino in diesem Jahre 6000 Kinder in die Sommerfrische gesandt worden, wozu etwa 96,000 M. aufgewendet und zum größten Theil schon durch Sammlungen gedeckt sind. Nach verschiedenen Städten der Provinz Posen wurden eirea 150 Kinder in einzelne jüdische Familien in Freistellen gegeben Interessant ist die "Aufzählung der Vertrauenspersonen, die die Kolonien unterbringen und beaufsichtigen. Wo es das Wohl der Heranwachsenden Jugend gilt, da hat der Rassenhaß Gott sei Dank noch keinen Boden gefunden. Wir finden darunter 17 protestantische Geistliche mit ihren Frauen, mehrere Rabbiner, jüdische Lehrer und Kaufleute, Bürgermeister, Amtsrichter, Lehrer und Lehrerinnen. Den in diesem Bericht mehrfach genannten Herrn Kaufmann Ad. Mayer finden wir nicht weniger als fünf Mal als Vorsteher ebenso vieler Kolonien aufgeführt. Außer den Bollkolonien, zusammen etwa 1900 Kinder, finden wir noch 21 Halbkolonien mit 1100 Kindern." Was wir im Vorstehenden einer konservativen Zeitung entnehmen, ist eine Schilderung der jüdischen Ferienkolonie. 600 jüdische Kinder aus Berlin sind es, die mit Hilfe unserer Gemeindemitglieder in den B'ne B'rith- Logen iu diesem Jahre in die Sommerfrische gesandt wurden, die alle Herr Ad. Mayer mit Unterstützung der Lehrerin Frl. Worrmann aus gewählt und zum größten Theil auch wiederholt inspizirt hat. Möge der Wunsch des Schreibers in Erfüllung gehen und das Komitee im nächsten Jahre die doppelte Anzahl Kinder diese Wohlthat genießen lassen können! <D Berlin, 22. August. Wir erhalten aus Mährisch-Ostrau die schmerzliche Trauerkunde, daß der auch in wissenschaftlichen Kreisen geachtete Rabbiner Dr. B. Zimmels in jugendlichem Alter an den Folgen eines vor Kurzem erlittenen Schlaganfalles verschieden ist. Die Leiche soll nach der Heimath des Verblichenen, Brody, überführt werden. Herr Rabbiner Dr. Margulies aus Florenz, ein intimer Freund des Verstorbenen, welcher sich gerade in einem schlesischen Bade befand, war telegraphisch an das Sterbebett berufen worden und begleitete den Leichenkondukt bis Krakau. Außer der großen Zahl von Freunden umstanden eine tiefgebeugte Mutter, Gattin und ein kleiner Sprößling die Bahre des selig Entschlafenen. a. Marienwcrder, 20 August. Am 1. August er. ist im ganzen Regierungsbezirk Marienwerder eine Polizeiverordnung betreffend das Tödten der Schlachtthierein Kraft getreten, welche folgenden Passus enthält: „Jedes Schlachtthier ist vor der Blutentleerung durch Stirnschlag zu betäuben. Für öffentliche Schlachthäuser kann nach Anordnung des Regierungspräsidenten das Schächten nach jüdischem Ritus ausnahmsweise und auf jederzeitigen Widerruf gestattet werden. Zuwiderhandlungen werde;; mit 30 M. Strafe und mehr geahndet" Diese Verordnung ist zwar vom 14. Juni datirt, ist aber erst jetzt im Amtsblatt veröffentlicht woden, so daß alle Gemeinden des Regierungsbezirks davon überrascht wurden Auf Grund dieser Verordnung wurde dem hiesigen Kultusbeamten das Schächten im Schlachthause an; 7. August von der Polizei untersagt. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat darauf den Herrn Regierungspräsidenten telegraphisch um ausnahmsweise Gestattung des Schlichtens ersucht, wurde aber abschläglich beschieden. Erst als in einer neuen Depesche arff den Fleischmangel hingewiesen wurde, unter dem die hier einzuquartierenden Soldaten zu leiden haben würden, wurde das Schächten ausnahmsweise für einen Tag, den 10. August, ausgestattet. Der Vorstand hat sich nun mit einem Gesuche an den Herrn Oberpräsidenten gewendet, der hoffentlich Nemedur eintreteu läßt. Es wäre wohl am besten, wenn sich die jüdischen Gemeinden des Regierungsbezirks Marienwerder schleunigst zu einem gemeinsamen Schritte zusammenthäten. P. Aus Bayern, im August. In den Tagen vom 8.— 12 August fand in Würzburg die XII Generalversammlung des bayerischen Volksschullehrervereins, der ca. 16,000 Mitglieder zählt, eine vortreffliche Organisation besitzt und die schönsten Früchte bereits gezeitigt hat, unter überaus zahlreicher Betheiligung — es waren 6000 Lehrer anwesend — statt. Man hatte dieser Versannulung mit Spannung und auch mit Beklemmung eutgegengesehen, denn es war von Seiten eines jüngst entstandenen spezifisch „katholischen Lehrervereins" ein Antrag eingebracht worden, der nichts Geringeres als die Sprengung des allgemeinen Landesvereins und konfessionelle Umgestalluug desselben bezweckte. Der Antrag lautete im Wesentlichen: In Erwägung, daß die Mitglieder des bayerischen Volksschullehrervereins mit verschwindender "Ausnahme einem positiv christlichen Bekenntnisse angehören, in der ferneren Erwägung, daß wir in der uns auvertrauten Jugend die Kinder eines christlichen Volkes zu erziehen haben u. s. w. u. s. w. erhält § 1 der Vereinssatzungen folgende Fassung: „Der bayerische Volksschullehrerverein setzt sich zur Aufgabe: Förderung unseres vaterländischen Volksschulwesens in positiv christlichem Geiste und auf gleicher Grundlage Kräftigung des bayerischen Volksschullehrerstandes. Demgemäß sind simultane Lehrerbildung, simultane Volksschule, sowie alle Bestrebungen, welche die Beseitigung des kirchlichen Einflusses auf das Volksschulwesen zur Folge haben, von den Vereinszwecken ausgeschlossen." Dieser Antrag nun wurde von der genannten Generalversammlung des Vereins, dessen Mitglieder naturgemäß zum größten Theil Katholiken sind, einstimmig verworfen. "Aus der Entgegnung des Vorsitzenden stehe hier nur folgender Passus: „Unser Verein ist paritätisch wie die Bevölkerung des Landes. Wir würden unsere israelitische;; Mitglieder durch diese Aenderung der Satzungen und durch Annahme des "Ausdrucks: „im positiv christlichen Geiste" nöthigen, aus dem Verein auszutreten oder sich nur als geduldet zu betrachten. Wir wollen aber keine geduldeten, sondern gleichberechtigte Mitglieder." Diese Ausführung fand stürmische Zustimmung. : In der erregten Diskussion wurde von gegnerischer Seite auch gegen die; Existenzberechtigung des israelitischen Lehrerunterstützungsvereins ge-; sprachen, ohne jedoch eine Wirkung zu erzielen. Darüber vielleicht; Näheres nach Erscheinen des stenographischen Berichtes.! * Karlsruhe i. B., 16. August. Der großherzogliche Oberrath der Israeliten in Baden erläßt eine Bekanntmachung, die Hebung des G ottes-! dienstes durch Einführung des Gemeindegesanges betreffend, die ' auch für weitere Kreisen interessant und beherzigenswerth ist. Es heißt i darin u. A.: Anläßlich der im Jahre 1889 von uns veranstalteten