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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-25 · Heft 34 (25.8.1893) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 34 (25.8.1893)
Date
1893-08-25
Page
Seite 408 (sequence 12)
Language
German
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408 Samt) und Lea sind nach Weit gezogen und der Schwnderer. ' der sein Hans stattlich wieder aufbant, hat das Judcnhäusle auf! den Abbruch gekauft. Bald erinnert das nicht mehr an seine Bewohner und über kurz; schläft and) die Erinnerung an die gelbe Dirne ein, die ehemals wie! ein Eichkätzchen in den Zweigen des alten Baumes hat Hausen können, i der noch so stolz dasteht, als habe er Lust, einem neuen Jahrhundert - Trotz zu bieten.! Fitterarische Mittheilungen. — Leo Löwentbal: Wundersteins Tochter. Roman in zwei; Büchern. Berlin 1893. Cassirer Danziger. In der ernsten Zeit > eines traurigen Rassenkampfes ist es ganz natürlich, daß die jüdische j schöngeistige Litteratur weder berufene Vertreter erzeugt, noch derartige! leichte Waare dankbare 5täufer findet. Was die letzten Jahre an! belletristischen Gaben brachten, war kaum der Rede werth. Umsomehr sind wir erfreut, wenn endlich einmal ein wirklich guter Roman aus dem jüdischen Volksleben uns zu Gesicht kommt. Ter Verfasser ist uns nicht ganz unbekannt, denn seine jüdischen Humoresken „Am Freitag Abend", die treu nach den: Leben gezeichnet sind, haben uns schon vor Jahren einige vergnügte Stunden bereitet. Er zeigt in der vorliegenden Arbeit, das; seine eigentliche Domäne das ernste Genre ist. Das erste Buch enthält einen gewöhnlichen Romanftoff: die Liebe zwischen einem Offizier und einer reichen Jüdin, doch fehlt es auch hier nicht all packenden Momenten. Tie eigentliche Tendenz zeigt sich erst in dem zweiten Buche. Wie könnte auch in jetziger Zeit ein begeisterter Jude ein Buch schreibell, und sei es ein Roman, ohne von den brennendsten Tagesfragen berührt zu werden! — Ein junger Lssizier und ein Diplomat werden durch den christlichen Vater Ulld die jüdische Mutter zur Toleranz! erzogen. Wie7 Das muß man selbst in dem Buche lesen, und man wird! Unterhaltung und reiche Anregung in Fülle finden. U'. j — Fu den Jugendgottesdiensten, die an den bevorstehenden Festen > wohl in allen israelitischen Gemeinden abgehalten werden, empfehlen wir! das bereits tn diesem Blatte wiederholt besprochene Gebetbitch „Thora! llnd Tesillah" mit Uebersetzuugund Erläuterung von Tr. Theodor Fröner! (Hannover-Linden, 1893, Verlag von Mauz und Lange) wegen seines! pädagogischen und praktischen Werthes, wegen der vorzüglichen Aus-! stattung und des müßigen Preises auf das Angelegentlichste allen Eltern > und Lehrern. B. * Sprerhsaat. Rr. 31 der „Allg. Zeitung des Judenthums" brachte den Aufsatz eines Herrn aus Westfalen, der bestimmte Wüllsche für ein Gebetbuch der deutschen Israeliten stellte. Neben prinzipiellen Gesichtspullktell wllrdell in diesem Aufsätze auch praktische Forderungen gelteild gemacht, Es sollte:; die Gebete für das ganze Jahr womöglich in eineru Bande vereinigt werden, es sollte dem deutschen Gebete ein weiter Raum gegeben werden, es sollten deutsche Gesänge aufgenonunen werden; sodann sollte die Uebersetzung aus dem Hebräischen keine starr buchstäbliche sein, sonder:: sich wie ein ursprüllglich deutscher Text lesen. Nach den Auseinandersetzungen des betreffenden Herrn hat es den Anschein, als existirte ein solches Gebetbuch nur in der Idee des Verfassers, dem gegenüber möchte der Unterzeichnete hervorheben, das; z. B. in der Gemeinde Glogau ein Gebetbuch eingeführt ist, welches allen den Forderungen, die in dieser Zeitung geltend gemacht worden sind, entspricht und außerdem noch mallches Andere für den jüdischen Ritus und für das jüdische Denken enthält. — Dieses Buch kommt, ohne irgendwie den Prinzipien religiöser Allfklärullg untreu zll werden, konservativen Anschauungen weiter entgegen, als mallches andere jüdische moderne Gebetbuch. Jll einem stattj liehen, doch handlichen Bande von (>(>4 Seiten ist Alles enthalten. Auch! der Preis ist bei solchen Büchern von nicht geringer Wichtigkeit. Das Breslauer Gebetbuch z. B kostet 12 Mark. Das bildet für eine Familie, > die mehrere Bücher gebraucht, schon eine bedeutende Ausgabe. Das in Glogau eingeführte Gebetbuch kostet in einem festen eleganten Einbande nur etwas über drei Mark. Zu bedauern bleibt es, daß das schön gedruckte Buch von Druckfehlern nicht ganz frei ist. Gr.-Glogan, 14. August. Lehrer Max Graf. U Mi scell en. Eine Partie Klabrias. Seit drei Jahren wird in Pest und Wien eine Posse unter diesem Titel gegeben, die allgemeine Heiterkeit und großen Beifall findet. Kürzlich ist dieselbe auch nach Berlin gebracht worden, und Fritz Mauthner schreibt darüber in der „Nation": Die Berliner Buhne ist seit einigen Wochen um eine neue Spezialität bereichert worden, um ein jüdisches Possentheater. Vom Cityhotel in der Dresdenerstraße ist es seit Kurzem ins Reichshallentheater übersiedelt. Die Truppe ist offenbar nicht die galizische Originaltruppe, die seit einigen Jahren von Lemberg aus die halbasiatischen Städte bis nach Wien erfreut Aber das Stück „Eine Partie Klabrias" mag wohl dem Originalstück ziemlich nahe kommen. Es gehört trotz seiner burlesken Rohheit eigentlich zur Gattung der naturalistischen Charakterstücke. Schon die Ouvertüre hat viel Humor. In die ungarischen Natioualmelodien sind — wenn ich nicht irre — uralte Synagogenmotive hineingearbeitet, und so wie diese Musik ist auch die Eharakieristik der wenigen Personen. Ich stehe nicht an, den Kartenspieler Simon Dalles und den Zählkellner Moritz für zwei ganz meisterhaft beobachtete Gestalten zu erklären, die nur besser gefaßt werden müßten, um in ihrer ganzen Komik zu wirken. Namentlich der Kellner Moritz ist ganz köstlich in seinem Jammer über die Gäste seines kleinen Budapester Kaffeehauses: Einer von ihnen verzehrt nie etwas, bittet Moritz aber jedesmal um vier Uhr, ihm den Stuhl zu reserviren, weil er nach Hause Kaffee trinken gehen müsse. Von dieser harmlosen Art sind die meisten Scherze. Aber wie gesagt, die Charakteristik ist vorzüglich. Die Spielwuth, die Unbildung, die Kameradschaftlichkeit des Kellners, die Unsauberkeit und die Geldnot!) sind dargestellt wie nur in einer Humoreske ersten Ranges. Ich habe in diesen Blättern schon öfter bedauern müssen, daß die antisemitische Bewegung hüben und drüben die alte Freude an jüdischen Schnurren verdorben hat. Die Gegner wollen einen Angriff sehen und höhnen, die Juden empfinden eine Kränkung, wo doch fast immer nur Neckerei oder Selbstironie vorliegt. Selbst unsere „Fliegenden Blätter" sind leider nervös geworden, Judenschwänken gegenüber. Es wäre schade, wem: die durchaus harmlose Judenposse „Eine Partie Klabrias" durch Gehässigkeit oder Empfindlichkeit etwas an Wirkung einbüßte. Stück und Darstellung haben aber einen Fehler mit allen Schöpfungen des konsequenten Naturalismus gemein. Der Dialekt ist fast unverständlich. Kaum eine Hälfte der groben Scherze sind einem deutschen Publikum verständlich. Es wimmelt von Mansche!worten, bis zu deren Kenntnis; vorzudringen nicht Jedermanns Sache ist, die aber nach der ungeheuren Heiterkeit einer kleinen und lebhaften Minorität zu schließen, sehr lustig sein müssen. Hier wäre für einen übermüthigen Possendichter eine dankbare Aufgabe. Der Schauplatz der Handlung wäre in eine Gegend zu versetzen, wo Herr Simon Dalles zwar noch nicht hochdeutsch, aber doch dreiviertel deutsch redet, und dann könnten die köstlichen Typen an einer Handlung dramatisch belebt werden. So allein wäre der Zählkellner Moritz, der mit seiner jammervollen Unverschämtheit wieder einmal eine neue gute Gestalt ist, in den Winter hinein zu retten. Ich glaube nicht, das; meine Freude am Zählkellner Moritz nur ein sommerlicher Ferienirrthum ist. Wohl aber ist es möglich, daß dieser jüdischen Posse mit ihrer erstaunlichen Rohheit und mit ihrer unmöglichen Sprache auch ein Hauptreiz genommen wäre. Gelänge aber eine Verdeutschung der Partie Klabrias, dann könnten wieder einmal die extremsten Parteien gemeinsam lachen. Ganz geschmacklos sind die aufgeflickten berlinischen Anspielungen der Reichshallenbearbeitung; und von der Leipzigerstraße zu reden, wenn Budapest der Schauplatz ist, das darf in einem Werke auch des unbewußten Naturalismus nicht geduldet werden, es wäre denn im Juli. Truck und Verlag von Rudolf Blosse in Berlin Verantwortlich mr die Redaktion- Mar Bauckwitz in Berlin.

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