Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-25 · Heft 34 (25.8.1893) · p. Seite 406

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 34 (25.8.1893)
Date
1893-08-25
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228021--50100-3271697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

406 rief sie freudig, nicht beachtend den Ausdruck tiefer Verachtung im Antlitz des Greises; „fei getrost! Esther kennt ihre Pflicht!" Mit diese» Worten eilte sie ins Nebengeniach, dessen Thür sie verriegelte, und hier sank sie erschöpft ans ihr Ruhebett, wo sie bald in einen tiefen Schlaf sank. Als sie erwachte, war es bereits dunkel um sie. Sie erschrak, wußte sie gleich nicht, über was, und bald fielen ihr die Begebnisse des Tages ein. Schnell aufspringend, suchte sie die Münze, die ihr Bar-Kochba zum Geschenk gemacht, und als ihre Hand sie erfaßte, durchzuckte sie ein namenloses Frcndengefühl. Aber nun tvard sic auch traurig, denn sie dachte an das Zerwürfnis; mit dem guten Samaja, ihrem frommen Oheim, den sic nur allein auf der Welt hatte, und der als Vater, Lehrer und Freund ihre volle Liebe verdiente und besaß. Sic öffnete zagend die Thür, um Abbitte zu leisten wegen ihres unkindlichen Betragens; als sic aber in das dunkle Stübchen trat, erschrak sie aufs Heftigste, denn Samaja war nicht darinnen, und am wieder offenen Fenster saß eine fremde, hohe Weibsperson mit unheimlichem Ausdruck — es war Thirza von Kalirrho,"! Tas Mädchen war, nachdem sic im Vertrauen auf Eliescrs lockende Versprechungen die Verschworenen in Gaza eingelassen hatte, von dem Haupte der Verschwörung in den Samsonsberg gebracht worden. Hier mußte sie viele Tage verharren, als sie aber endlich zu Bar-Kochba, ihrem königlichen Bräutigam, gebracht zu werden verlangte, fragte sie der Alte mit Hohn, ob sic wahnsinnig sei, zu glauben, daß eine Hcideubuhlerin Gemahlin des reinen Königs von Israel sein könne, und indem er die Erschütterte, um welche Himmel und Erde sich drehten in diesem Augenblick, hinwegschleppen ließ in die südlich von Gaza gelegene Wüste vom Jsaaksbrrnrneu, da heulte Thirza laut und schauerlich auf in ihrer wilden Verzweiflung, daß die Tigerkatzc und der Schakal entsetzt aufspraugcu und das Weite suchten. Rache gelobte Thirza dem, der sie ins furchtbare Elend gestürzt, und auf den Weg nach Jerusalem machte sic sich, Mangel imb Ungemach preisgegeben, denn sie hatte gehört, daß der König künftig dort wohnen werde. Bei Hebron war sie dem Triumphzuge des Königs begegnet, und hier mischte sie sich unter die Weiber und kam in die öde Stadt, und zufällig sah sie auch die Szene an dem Häuschen, in welchem sie jetzt am Fenster saß. Ehe noch Esther von ihrer Uebcrraschung sich erholen und die Fremde »ach ihren, Begehr fragen konnte, war Thirza rasch an sie herangctretcn und hatte das Mädchen fest bei der Hand gepackt. „Ta bist Tu ja, Tu verliebte Prophetin," sagte sie mit kaltem, schneidendem Hohne; „hast Du ausgcschlafen, mein Kind, den verliebten Rausche Tu hättest aber lieber wachen solle», mein Schatz, denn auch am hellen Tage geht der Teufel umher und suchet, wen er verschlinge." Unter solchen Umständen halte das Weib die bestürzte Jungfrau, der nun ernstlich bange ward, aus Fenster gezogen, und auf den Sessel sich uiedcrlassend, sie in ihren Arm geschlossen. „Was willst Tu von mir?" fragte, sich sträubend, das Mädchen, „laß mich los, Du kannst kein Weib sein, denn sonst würde mir nicht so unheimlich werden bei Dir." „Du meinst, ich sei ein Mann?" fragte Thirza zurück und betrachtete mit boshafter Schadenfreude das Mädchen; „cs scheint aber nicht, als ob cs Dir bei Männern, denen Tu vor Liebe die Hand absressen willst, sonderlich bange wäre. Tu witterst in mir die Nebenbuhlerin, n»d darum bin ich Dir verhaßt. Aber laß Dich das nicht anfechtcn; der schöne, nengeschaffcne König von Israel, der siebentehalb Anhänger hat, der Stern Zions kann uns Beide vollauf beglücken; für eine ist er zu gut!" „Laß mich los, Weib!" schrie Esther, über die ruchlose Rede empört, und mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut, rang sie sich aus de» muskulösen, umschlingenden Armen Thirza's und sprang zur Thür, um gleich entfliehen zu könne», wenn neue Haft ihr drohte. Thirza schlug ein lautes Gelächter auf und sagte: „Eile Dich nicht, mein schüchternes, unschuldiges Täubchen. Du entfliehst mir nicht, denn die Thür ist verschlossen mit dem Siegel Salomonis, und Tu mußt, willst Du ins Freie, bei mir hier zum Fenster hinaus, durch das ich herein gekommen bin, um mit Dir einen Bund zu schließen." (Schluß folgt.) U Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Be ly. (Schluß.)' Binelc mag sich selber noch nicht niederlcgen, es steckt ihr eine Unruh in de» dürren Gliedern, sie fürchtet sich auch und sucht ihr Gesangbuch — so ein Gebet, das kann nimmer schaden. Zwar mühselig ists ihr mit dein Entziffern, sie hat auch aufs Gerathewohl aufgeschlagen, das ist ja am Ende aber gleich, unser Herrgott weiß schon, wie sie's meint, wenn sie auch eine Fürbitte wegen Jeuersgcfahr au ihn richtet; laut und langsam liest sie die Verse vor sich hin: „Beschirmst Du nicht mit Rath und Macht Uns vor des Feuers Wüthen, Vergebens dann der Wächter wacht. Er kann ruis nicht behüten." Da stört sic ein lauter, gellenderRuf auf: „Feuer! Feuerio! Feuerio!" Erst blickt sie »m sich, es kann doch nur ein Spuk sein, daß der aber vom Beten und Frommsein kommen soll? „Feuerio, Feuerio!" „Ja, >vo denn?" fragt sie, als könnte ihr von den Wänden eine Antwort werden, dann läuft sie ans Fenster, und wie sie das aufgerissen hat, kommt ein Fnnkenregen vom Hausdach herab — im Schwadererhof selber brennt's. Ein wilder Math kommt über sie. Auf der Straße sammeln sich Leute, auf dem Thurm beginnt die Glocke zu wimmern, das Hofihor wird von Außen erbrochen mit gewaltigen Axtschlägen. Sie weiß mit einem Male, daß das ganze Haus auf dem Spiele steht mit Allem, tvas drin ist, aber sie weiß auch noch mehr — daß dort oben im Eckkämmerlein, von woher der Wind die Funken treibt, das Dörtlc steckt. „Schreit auch, schreit Ihr da draußen—" ruft sie verzweiflungsvoll, „und helft und rettet! I will nix, als mein Kind retten." Aber sie findet erst gar den Ausgang der Thür nicht, und wie sie im Flur ist, stürzen Hannele und die Knechte an ihr vorüber und schreien nach ihren paar Lumpen, die man ihnen bergen helfen soll. „Tas hat auf dem Dach begonnen, das ist ein Feuer, als wenn's angemacht war," sprechen die Leute draußen. Bincle ist endlich oben, vor Dörtles Kämmerlein, aber sie kann nicht hinein. „Herr, mein Gott! die Thür ist »och verschlossen. Dörtle, mach auf, Dörtle, mein Kind!" jammerte sie und stemmt sich mit aller Kraft gegen das Schloß. Es knistert und kracht lind dicke Rauchivolken nehmen ihr den Athem. Wie mit feurigen Zungen leckt es an den dürren Balken über ihr; sie hat nur die eine Empfindung, daß die Thür da vor ihr nicht lange mehr uachgeben darf, sonst schlagen die glühenden Hölzer auf sic herab, und innen —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.