Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1893)
- Date
- 1893-08-25
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
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Der große Strom der Auswanderer hat sich auch bei der Errichtung jüdischer Kolonien dein Westen zugewandt, und so hat denn die Sehnsucht nach dem! gelobten Lande der Freiheit zu neuer Zerstreuung der Kinder Israel j über die Erde geführt. j Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Friedensmission, die z Israel unter den Völkern zu erfüllen fähig ist. Gegenüber der Ge-! fahr, welche der Menschheit durch den revolutionären Sozialismus j droht, der keine andere Solidarität kennt als die der Begierden und! des Neides, ist der nationale Fanatismus kein Schutz. Wahrhaft s einigend ist nur die Religion, die über die nationalen Schranken! hinausführt. Sie bekämpfen, heißt die Gefahren Hervorrufen, denen man vorzubeugen behauptet. Das Judenthum mit seinem Glauben an den einzigen, einigen Gott, den Vater aller Menschen, hat zuerst der Welt die Lehre von der Brüderlichkeit aller Menschen gebracht; seine messianische Verkündigung gipfelt in dem Frieden unter den! Menschen, Frieden zwischen den Völkern und Klassen, den unsere in j Waffen starrende Zeit sehnsüchtig erharrt. Seine Bekenner können! durch ihre Anlagen und ihre geschichtliche Erziehung ein Bindeglied j werden zwischen den Stämmen der Menschen. Mit der Ueber-; zeugung, daß er schon darum mit der Vertheidigung Israels ein! Friedenswerk gethan habe, schließt der Verfasser. j 9 FEUILLETON Ver Stern von Zion. Eine historische Erzählung von L. Tarnowski.! (Fortsetzung.) j Als des Helden leuchtendes Auge auf ihr ruhte, färbte ein tiefer ' Karmin Esthers Wangen und sie sagte mit bebender Stimme: „Gesegnet sei die Stunde, in der ich gewürdigt bin, Dein Anlitz zu schauen, i Du Hoher, Göttlicher, der Du die Schönheit und Anmuth einer Welt! in Dir vereinigst. Du bist der wahre Messias, der gottgesandte Prophet, der Stern von Zion; Dein Reich wird ewig währen. Die Heiden werden kommen über Dich mit großer Gewalt, Du wirst sie aufessen wie Brod, Du wirst sie schlagen, daß ihrer nicht zwei bei einander bleiben; ein fressendes Feuer wird von Dir cmsgehen, das ihre Rosse und Waffen zu Asche verwandelt. Du Hoher, Göttlicher, Du hast den Fluch genommen von Deinem Volke! Jerusalem wird unter Deiner Wunderhand erstehen aus seinen Trümniern und viel herrlicher und gewaltiger werden als ehedem; die Kraft der stolzen Roma wird hinichwinden wie die schwache Salzpflanze ini tödtenden Pestwiude; Dein Reich und Deine Stadt wird ewig währen." Die Jungfrau sprach diese Worte mit Blick und Ton einer begeisterten Prophetin; ihr Haupt schien eine Glorie zu umstrahlen; ihr Auge, das voll inniger, schwärmerischer Liebe auf Bar-Kochba ruhte, fesselte diesen, wie alle Männer, die näher getreten waren, mit magischer Gewalt. Bar-Kochba, in dessen Herzen wunderbare Regungen mochten erwacht sein, streckte seine rechte Hand nach Esther aus, und diese ergriff die dargereichte, drückte sie ans Herz und bedeckte sie mit flammenden Küssen; darauf sank sie, die eine Hand fest zugedrückt, erliegend ob der Uebermacht des Entzückens, mit geschlossenen Augen in des i entsetzten Samaja Arme. Bar-Kochba erbleichte, als er dies sah, da tönte eine rauhe, widrige j Stimme in sein Ohr und schnell war er wieder gefaßt. Die Stimme! gehörte dem alte» Elieser, der unterdes; den Zug wieder in Gang gebracht und unbemerkt das Ende der Szene mit angesehen hatte. Er gab dem Jünglinge in griechischer Sprache zu verstehen, daß er sich nicht abgeben dürfe mit diesem Volke, das nur heuchle, um ungestört verrätherische Pläne zu brüten, und daß er Befehl geben werde, alle Samaritaner, so viel man deren habhaft werden könne, zu vertreiben. Bar-Kochba, der unterdeß sein Ros; bestiegen und nach einem wehmüthigen Blick an das Fenster, das jetzt leer war und zugehangen, neben dem Rabbi weiter ritt, empfand einen Unwillen gegen Elieser, der von nichts sprach als Zerstörung und von Befehlen, die er als Waffenträger des Gebieters, ohne diesen zu Rathe zu ziehen, zu ertheilen gedächte. Der Jüngling entgcgnetc mit tiefem Ernste, daß er ein Gelübde gethan habe, die ersten Bewohner Jerusalems, denen er begegnen würde, freundlich zu begrüßen, da er die Schutthaufen, aus denen seine Hauptstadt bestünde, nicht anreden könne; daß er erst untersuchen wolle, ob Jene Berrüther seien, und daß namentlich die Leute in dem Häuschen am Wasserthore unter seinem besonder» Schutze ständen. VII. Inzwischen war die schwärmerische Esther unter den Händen des besorgten und erschütterten Samaja ins Leben zurückgckehrt. Als sie die Augen aufschlug, blickte sie gleich nach dem Fenster und wandte sich weinend ab, als sie es verhängt sah. Samaja stand vor ihr mit gefalteten Händen, und seine Blicke redeten eine erschütternde Sprache, aber Esther mied diese Blicke, als wisse sie, daß sie etwas begangen habe, das straffällig sei. Sie richtete sich rasch vom Lager auf und öffnete die Hand, welche sie fest verschlossen gehabt hatte. Als sie binein sah, überflog Frcudenröthe ihr Gesicht, und alle Trauer war verschwunden. Sie hatte eine funkelnde Silbermnnze in der Hand, auf der einen Seite mit einem Palmbaume, einer Posaune und zwölf Sternen versehen, auf der anderen mit dem Namenszuge des Bar- Kochba in zierlichen, dem Phönikischen ähnlichen Schriftzeichen ausgeführt, von denen der neue König hatte einige Scheffel gießen lassen, und die der Numismatiker heut mit dem Namen der Bar-Kochbaischcn bezeichnet. Sie küßte das Geldstück mit Entzücken, aber schnell entriß es ihr der Greis, sprechend: „Gieb her, Unglückliche, den Teufelszauber, der Deine Seele umgarnt; vielleicht gelingt es meinem Gebet und meinen Geißelhieben, Dich zu retten." Heftig fuhr Esther auf. „Gieb her!" rief sie mit schmerzlich bewegter Stimme; „es ist von ihm, den meine Seele liebt! Der Vater der Liebe hat mir die Liebe gegeben in mein schuldloses Herz! Gieb her, oder ich sterbe in diesem Augenblicke!" Dies rufend, rang sie mit dem Greise um die Silbermünze, der sie mit leichter Mühe abwchrte und mit schwerem Zorneswort entgegnete: „Elende! Besser, Du stirbst am Leibe, um Dein ewiges Theil zu retten!" „Gieb mir das Geldstück!" schrie Esther heftiger, „oder ich fluche meiner Geburt und verliere nirin ewiges Heil, das noch nicht in Gefahr ist! Ist es denn Sünde, eine Silbermünze als Geschenk von lieber Hand, von der Hand, die Tod und Leben verhängen kann, zu haben und zu schützen? Gieb her, Vater!" bat sic dann flehend und nicht mehr so wild; „ich lese in der Zukunft, das Geldstück aus de§ Königs Hand, den ich liebe im reinen Herzen, wird zum Heil für uns sein und wird den alten Tiger an des Königs Seite, der den Bekennern unserer Lehre todfeind ist, znrückschrecken von unserer Schwelle und von der aller Unsrigen, die er vernichten will, wie mein Geist mir verkündigt. Gieb her die Münze! Nur in meiner Hand behält sie ihre Wirkung!" Berächtlich warf Samaja der Jnngfran die Münze zu Füßen, die sie hastig aufnahm und im Busen verbarg. „Gott lohne Dir!"