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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-25 · Heft 34 (25.8.1893) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 34 (25.8.1893)
Date
1893-08-25
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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404 Franzos kennt er, glalibt aber nicht, „daß sie den friedlichen deutschen Sinn in der Ruhe gestört haben". Wohl aber habe die deutsche Exegese und die deutsche Metaphysik sich als ein ganz anders wirk-- sames Zersctznngsmittel erwiesen. Eine andere hochtönende Anklage gegen die Inden beschuldigt sie, das; sie das nationale Ideal herabsetzen, oerunstalten. Auch Leroy-Beaulieu erkennt an, daß es nnserm Zeitalter an Idealität mangelt, aber den Juden dafür allein verantwortlich zll machen, erscheint ihm lächerlich. Den deutschen Antisemiten ruft er zu: „Die gerühmten deutschen Tllgenden müssen nicht allzu fest im Herzen des Deutschen verankert sein, wenn sie ihm von einer Handvoll Semiten eutrii]cit werden können." Das; der Chaldäer, der Karthager idealem Sinne unzugänglich war, kann derThatsache gegenüber nichts beweisen, „daß unsere Seelen seit 2000 Jahren von dem Ideal leben, das die Söhne Judas gebracht haben". Mögen die Leiden den Inden auch erniedrigt haben, dieselben Leiden legen Zeugnis; ab für seine Hingabe an dasjenige Ideal, das ihm allein gelassen war. Tie Rachel, Joachim und Rubinstein, Meyerbeer und Mendelssohn haben in der Kunst ihr Streben nach dem Ideal bewährt; und welche Philosophie ist idealer als Spinozas? Wie des Juden Charakterbild „von der Parteien Haß und Grinst entstellt" im Roman uiib im Drama schwankt, das bildet einen interessanten Abschnitt. Shylock und Esther, Balzacs Nucingen und der Samuel Brohl von Cherbnliez, Nathan der Weise und Daniel ans Dumas' Femme de Claude, der Elliott'sche Mardochai, der Jankiel des Mickiewicz, der Jakob des Kraszewski, Meyer Ezofowicz von Elise Orzeslo, Scotts Rebekka und Grillparzers Jüdin vor; Toledo fehlen darin nicht, und rnan staunt über die Belesenheit des Alltors auf diesen Gebieten, rvo seine Urtheile allerdings manches Ueberraschende haben. Leroy-Beaulieu begann mit den Worten: „Ties Buch ist von einem Christen rrnd Franzosen geschrieben." Zeigten manche befremdliche ästhetische Urtheile. daß die Nationalität ihn sein Werk hin mrd wieder erschwert, so wird er auch ab und zu seiner Aufgabe ans dem Grunde nicht ganz gerecht, daß er sie als Christ thut. Um den Idealismus der Juden im wirklichen Leben darznthnn, führt er neben Mendelssohn und Spinoza and; heilig gesprochene Konvertiten und den Fürsterzbischof Kohn in Olmütz an. Das jüdische Ideal selbst scheint ihm. des ritterlichen und mystischen Elementes bar, ein wenig kleinbürgerlich, trotzdem es die messianische Idee, „das große Dogma und die große Originalität des Judenthums", jedes materiellen Beisatzes entaußert, zum Eottesreich auf Erden ansgestaltet. Dieser Messiasgedanke entstammte der Bibel, aber sie sei beim Lichte der Encyklopädie gelesen, und so lvard aus dein religiösen Dogma die philosophische Lehre von der inenschlichen Perfektibilitüt. Er habe nichts Anstößiges für den gläubigen Christen. Trotzdem sein Messias schon erschienen ist, habe er mitzuwirken an der Erfüllung der Bitte: „Dein Reich komme". Das Wort Christi: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt", warne nur vor Utopien, hindere die Kirche aber nicht, an der sozialen Reform zu arbeiten. Leroy-Beaulieu hat also gefunden, das; weder das Blut noch die Ideen die Inden von den Böllern Europas scheiden; er kann für ihre frühere Absonderung nur die geschichtlichen Umstände verantwortlich machen. Wie bei anderen religiösen Minoritäten, bei den französischen Protestanten, bei den russischen Presbyterianern, haben sich eigenthümliche Sitten und Anschauungen bei ihnen entwickelt und erhalten. Ja, manche charakteristische Einzelheiten scheinen ihm dafür zil sprechen, daß die partiklllaristischeli Neigungen der Juden nie so stark gewesell sind, als man behauptet. Die Spaltung zwischen Sephardim und Aschkenasim zeigt, daß die Solidarität der religiösen Interessen dem iiationalen Gefühle gegenüber ihre einigende Kraft nicht siegreich geltend machen konnte. Selbst die Besonderheiten jüdischer Sprache wld Kleidung beweisen, daß der Jllde von seinem christlichen Nachbar Tracht und Redeweise zu entlehnen Pflegte, ja die nufgezwungene pietätvoll festzilhalten liebte. Ist doch der für orientalisch geltende Kaftan ein Theil des alten polnischen Kostüms, der Jargon der polnischen Juden ein mit hebräischen Ausdrücken gemischter alterthünllicher, oberdeutscher Dialekt; er bezeugt genall so wie das wohllautende Castilianisch der Sephardim und das Frallzösisch der Hllgenottenfamilien die Anhänglichkeit an das Land, das sie verstieß. Die Sprache ihres palästinensischen Stammsitzes, die Sprache der Bibel, das Hebräische existirte fort; aber wie das Latein schrieben und sprachen es nur die Gelehrten, die Gebildeten. Die hebräischen Lettern wurden in den Dienst der Landessprache gestellt, mitunter wohl um als Geheinlschrift zu dienen. Heutzutage hat das Hebräische durch die Erfordernisse der moderilen Bildnllg so viel Terrain in den Ländern, wo die Juden emanzipirt silld, eingebüßt, daß seine Existenz sogar im Gottesdienste bedroht ist, nur die Ausnahmegesetze in Rußland und Rumänien scheinen das Wiederaufleben und die Dauer des Neuhebräisch zu begünstigen. Als Beweis für die Neigung der helltigen Juden, alle trennellden äußeren Merkmale zll verwischen, wird auf die häufigen Namensänderungen der Juden verwiesen. Durch Uebersetzling, Abünderlmg suchen sie sich der Namen zu entledigen, die ihnen theilweise aufgenöthigt worden waren und die in ihrer schematischen Aehlilichkeit, ihrer störenden Häufigkeit mitunter wie ein lästiges Abzeichen wirken. Am weitestell vorgeschritten ist der Ausgleich der Unterschiede naturgemäß in den Ländern, wo sie am längstell ansässig sind, wie besonders in Italien, wo wenig neue Einwanderungen stattgefunden habeil. Unleugbar existirt eine wesentliche Verschiedenheit zwischen den einheimischen und ben eingewauderten Juden. Es bedarf für ben Menschen jeder Abstammung längerer Zeit, ehe er in einem Lande feste Wurzelll schlägt. Der Patriotismus aber braucht nicht einmal mehrere Generationen, um sich in den Neuangekonunenen zll entwickeln. Er ist das natürlichste Gefühl dessen, den man als Staatsangehörigen behandelt. Gambetta, von Genfer Juden stammelld, lvar ein französischer Patriot; Disraeli, der Ellket eilles venetianischen Inden, fühlte sich darllm nicht welliger als Engländer. Der demtsche Kastengeist hat dem Patriotismus der deutschen Jlldell zu Leroy-Beanlieus Staunen nicht Abbruch gethan. Es giebt sogar russische Inden, die als Russen fühlen unb denken. Diejenigen aber, die über das Meer auswalldern, vertauschen nicht das Vaterland mit einem andern, sondern sie suchell eills, dem sie alsdann mit inniger Liebe anhällgen, weil sie in ihm als Menschen behandelt werden. Bei bcm eifrigen Streben der Juden, ihre Zugehörigkeit außer Frage zll stellen, könnte die Frage, ob sie nochmals einen eignen Staat zu bilden fähig würell, genall so müßig erscheinen, als etwa gegenüber den französischell Normannen. Selbst lvo die messianischen Hoffnungell lloch buchstäblich gellonlillell werden als die Erfüllung des Wunsches: „Jill kommellden Jahr in Jerusalem", hinderil sie so wenig all der Ausübung des Berufes, verbannen sie die Sorgeil lim ben kommenden Tag nicht erfolgreicher, als die Träume mancherEliglällder voll der baldigell Ankullft des tauselldjährigen Reichs. Die trallrigen Bedrückllllgen aber, welchen viele Tausellde voll Jlldell des Ostells in den letzten Jahren erlitten haben, konnten lltcht verfehlen, die Idee einer Wiederherstellung des jüdischen Staats diskutabel zll machell. Die Beobachtung voll Leroy-Beaulieu ist nur zll richtig, daß viele voll benen, welche beim Erscheinen voll George Elliots „Daniel Deronda" den neuen Allszug der Judell alls ihrem Stiefvaterlande als eine Ueberspanntheit Mardochais belächelten, sich sehr ernst mit einer theilmeisen Verwirklichung dieses Plans be-

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