Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1893)
- Date
- 1893-08-25
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
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400 Mojcber aber wollen |ic essen — dorm sind sie eisern, wa-isich ober mitunter recht schwer machen läßt. Aber der liebe Gott verlaßt die Seinen nicht. Ta wohnt in dem vier Meilen entfernten Insterburg ein wohlhabender jüdischer Kaufmann E. — ich nenne deshalb seinen Namen nicht, weil er es sicher nicht null —, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, jüdische Soldaten, die noch den Willen haben, koscher zu speisen, in diesem Bestreben möglichst zu unterstützen. Ans sännntliche Garnisonen der hiesigen Umgegend, in welchen Inden sich befinden, erstreckt sich diese Fürsorge, die große finanzielle Opfer erfordert. Allein Herr E. bleibt hierbei nicht stehen. Alan weiß, wie zahlreich diejenigen unserer armen Glaubensgenossen sind, die aus Rußland herüber kommen, um die Mildthätigkeit der deutschen Inden in Anspruch zu nehmen. Die Grenzstädte wissen indeß mehr als andere davon zu erzählen. Tie also Ankommenden nehmen ihren ersten Anlauf nach Insterburg und suchen vor allen Dingen Herrn E. auf. bei dem sie, von Anderen darin unterrichtet, auf eine lohnende Spende zu rechnen haben. Das Merkwürdige dabei ist, daß, wenn es zuweilen Herrn E. — wie einst unserem Stammesvater Abraham — an Gästen fehlt, er auf den Bahnhof geht, sich dieselben aufznsuchen. Das verdient wohl als gutes, edles Beispiel öffentlich verzeichnet zu werden, obwohl zu bezweifeln ist, daß die Reichhaltigkeit, womit Herr (*. die Wohlthütigkeit übt, und die Gedttld, die er dabei zeigt, die zu wünschende Nachahmung bei Bielen finden wird. Zu dem in Nr. 30 d.Bl. von Herrn Bähr-Neichenbach gemachten Borschlag behufs Besserstellung der Beamten in den kleinen Gemeinden resp. Unterstützung der letzteren in ihrem Unvermögen, gut vorgebildete Beamte zu erlangen, möchte ich mir Folgendes zu bemerken gestatten: Wenn mau dem Herrn die gute Absicht, die in seiner Anregung liegt, absprechen wollte, so thüte man sicherlich Unrecht daran. Eine praktische Verwerthung der von Herrn B. gegebenen Rathschläge, eine mögliche Verwirklichung der von ihm gehegten Hoffnungen wird aber so lauge ausbleiben, als er nicht andere Faktoren in Borschlag zu bringen hat als diejenigen, mit welchen er jetzt rechnet. Selbst der unverwüstliche jüdische Optimismus reicht nicht aus und kann nicht ausreichen, um die Unmöglichkeiten zu beseitigen, welche bei der zu versuchenden Realisirung dieses Projektes zu Tage treten würden. Tie großen und größeren Gemeinden werden leider wohl nie in der Weise für die kleinen Gemeinden eintreten, wie Herr B. hofft, wobei noch zu bezweifeln ist, ob sie es überhaupt können. In Ostpreußen hat sich ja die Bereinigung der Gemeinden bereits vollzogen, der Verband zahlt 40 derselben, und in sein Programm gehört auch die Unterstützung der kleinen Gemeinden zur Unterhaltung des Beamten. Solches geschieht bei zweien mit dem Betrage von je 100 Mark. Das ist aber auch Alles, was der Verband leisten kann, denn er hat noch andere Zwecke, so z. B. die Hergabe von Stipendien an unbemittelte junge Leute, die sich dem Lehrfache widmen wollen. Möglich, daß in anderen Provinzen bessere Resultate erzielt werden, allein bis zur Aufbringung der kolossalen Summen, welche zur Realisirung des von Hrn. B. entworfenen Projektes nöthig sind, wird es nie gebracht werden können. Aber auf einen andern Mißstand möchte ich die Aufmerksamkeit des Herrn B. hinlenken, burd) dessen Abstellung er sich ein großes Verdienst erwerben könnte. Dieser bunftc Punkt findet sich zuweilen bei der Bakanzausschreibung der Gemeinden vor. Es ist wahr: die Borsicht ist die Mutter der Weisheit; allein es kommt sehr oft vor, daß der Gedanke, der sie erzeugt, ein sehr unnatürlicher Vater ist. In wie weit und wie oft solche Mißgeburten zu Tage treten, wollen wir hier nicht untersuchen, solches gehört nicht in dieses Blatt. Was indeß doch hierher gehört, ist die Art und Weise, womit gewisse Gemeinden zu Werke gehen, wenn sie einen Beamten anstellen wollen, und was sie in die dabei gebräuchliche Ausschreibung hinein zubringen verstehen. Wir verdenken ihnen dieses nicht, denn das ist ihr gutes Recht, darzulegen, wie der Beamte gualisizirt sein muß, den sie anzustellei beabsichtigen. Dahin gehören die beruflichen Leistungen, Nachweis über seine sittliche, religiöse Führung u. s. w. Ganz anders aber und zwar recht häßlich — wir wollen sage)! unzart — sieht diese Ausschreibung aus, wenn noch dabei das Lebensalter des Anzustellenden präzisirt wird, daß mit Ausschluß alleälteren nur jüngere Beamte in Betracht kommen können. Wir kennen diese Vorliebe für die Jugend. — Wir wissen, da' sie keine platonische, keine solche ist, wie sie den Jüngling erfüllt, dec sich die Gefährtin seines Lebens sucht, sich mit ihr zu zieren, an ih zil ergötzen. Nein, die praktischen Gemeinden suchen sich die junge i Beamten, weil sie berechnen, daß deren Arbeitskraft länger un weiter Vorhalten werde, als die der älteren Männer. Ja, das i: auch eine Vorliebe für die Jugend! Beanlte, die über 35 Jahre alt sind, sollen sich nicht melden denn sie sind — verbraucht. Ein solcher, der 36 Jahre zählt, n bereits veraltet und nicht mehr zu verwenden. Allein wissen benn die Väter solcher Vakanzausschreibungen nich daß die Erfahrung, Würdigkeit und Berufskenntniß sich erst mit be i Jahren an dem Beamten herausbildet, wissen sie nicht, daß das Gebe, das in den ernstesten Augenblicken des Jahres von dem Vorbetc gesprochen wird, vor Allem die Würdigkeit und die Erfahrung dl?! Alters im Auge hat? Wir haben sicher nichts gegen die jüngeren Beamten, sie kömu: | tüchtig, charakterfest und höchst würdig sein, allein sie mit Hinte!' ansetzung aller derjenigen zu suchen, die bereits lange Jahre du segensreichen Wirksamkeit hinter sich haben, das ist, gelinde qefao unrecht und — unjüdisch, wenn wir uns auf die Schriftstelle web - durtii pne saken beziehen. | „Aeltere Herren sind ausgeschlossen", lasen wir einmal in ein e solchen eben besprochenen Annonce. Ganz gut für ein Heirathsgesim, j welches eine junge Dame in die Welt sendet, aber durchaus \m i I schön und Passend, wenn es der Anstellung eines jüdischen Killtu -! beamten gilt. Mögen doch Diejenigen, die über diese Skrupel hi > I Weggehen, sich einmal umsehen, wie man es in dieser Beziehung i! andern Berwaltungskreisen hält, und sich damit bekannt machen, was m> i z unter Anciennität Zu verstehen hat, welcher bei allen Behörden Rechnen z! getragen wird, wenn es sich um Anstellung von Beamten handelt.! „Das „Memeler Dampfboot" schreibt: Fast alltäglich sehen sich i n hiesigen Polizei-Organe veranlaßt, russisch-jüdische Auswanderer, > t; tHeils ohne Legitimation, theils ohne Ueberfahrtskarte sich hier dun - > geschmuggelt haben, sestzunehmen. Düse Auswanderer werden reg. j müßig sofort über die Grenze zuriicktransportirt. Das gleiche Schick'!! erfuhren auch heute fünf russische Juden, drei Erwachsene und zmi! Kinder, die bei der Revision eines Stettiner Retourdampfers bn: :i! den Steilerbeamten in einem Winkel versteckt vorgesllndell wurde) Auch sollst erfährt man hier, daß der Strom der russisel l | jüdischen Auswanderer wohl in etwas eingedämmt sein mag, daß - | sich aber dennoch in einer Weise fortsetzt, welche mit großen 6 fahren für die Betheiligten verknüpft ist. So wurde vor ungefä r 14 Tagen eine ganze jüdische Familie aus Rußland, die die Bahnstation n meidend auf Fuhrwerk die Grenze überschritten und so in Preußen d 1 Weg weiter verfolgte, in hiesiger Stadt von einem Polizisten aufgegrispn : und ohne Säumen nach dem Lande zurück befördert, bem sie schon en-! rönnen zu sein lvähnten.