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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-18 · Heft 33 (18.8.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 33 (18.8.1893)
Date
1893-08-18
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Die im März dieses Jahres vorgeuommene Rechnungsprüfung des Gesammtvermögens des Vereins ergab >'inen Vermögensstand von 97,837 Mark. Unter den 14 dem Verein zu- > gegangenen Stiftungen und Vermächtnissen ist die bedeutendste die von Herrn Ferdinand Sulzberger in Newyork zum Andenken an seine verewigte Gemahlin Rosa Sulzberger geb. Weil errichtete Stiftung von 14,000 Mark. Mit den Einnahmen des Vereins wachsen aber auch die an ihn gestellten Anforderungen; die Errichtung eines selbstständigen Waisenhauses für das Großherzogthum Baden bleibt eine nicht abweisbare Forderung. Dem Vorstände des Landesvereins gehören Rabbiner Dr. I. Eschelbacher-Bruchsal als Vorsitzender und die Herren Bezirksrabbiner Dr. A. Lewin-Freiburg, Dr. L. Löwenstein-Mosbach, Dr. B. Mayer-Bühl, Dr. M. Rawicz- Zchmieheim und Bezirksrabbiner Dr. H. Sondheimer-Heidelberg u. A. an. Erfreulich berührt auch die Theilnahme, welche in Heidelberg Professor Dr. Leser, Professor Dr. Moos als immerwährendes Mitglied und Professor Dr. Oppenheimer dem Verein zuwenden. Als nachahmenswert und für diesen speziellen Zweck mustergiltig muß die Organisation der Sammelbüchsen des Vereins' bezeichnet werden, die allerdings nicht überall uachgeahmt werden kann, denn nicht allerorten giebt es ein jüdisches votel „König David", wie überhaupt so viele jüdische Gasthäuser wie im Badischen. Solche Sammelbüchsen in jüdischen Restaurationen besitzt?>er Landesverein bereits 70, welche zum Theil namhafte Ergebnisse liefern und Gelegenheit zu stiller Wohlthätigkeit Jedem, auch dem Aermeren, der nur eine ganz kleine Gabe spenden kann, bieten! jl. Aus Bayern, im August. Der „geschäftssührende Ausschuß der freien Konferenz bayerischer Rabbiner" richtete an das Kgl. Kriegsministeriurn die Bitte, bei den bevorstehenden Her bst Manövern die israelitischen Soldaten an den hohen Feiertagen und eventuell auch am Sukkotfest so zeitig am Rüsttage in Urlaub zu schicken, daß die Beurlaubten noch vor Festeseingang sich in benachbarte israelitische Knltusgemeinden begeben könnten. Hierauf wurden durch Kriegsministerialreskript vom 5. August 1893, Nr. 14575 „die unterhabenden Generalkommandos entsprechend der gestellten Bitte für thunlichste Berücksichtigung derselben mit Weisung versehen." Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 14. August. Unter den letzten Experten der Gewerbe- Enquete im österreichischen Abgeordnetenhause befand sich ein Herr Thaddäus Epstein (israelitischer Handelsgehilfenverein in Krakau). Bei Erörterung der Lehrlingsausbildung verlangte Exp. Stein, daß kein Christ einen jüdischen Lehrling und kein Jude einen christlichen Lehrling halten dürfe. „Wie solle der Christ einen Juden erziehen, wenn er vom Talmud keinen Dunst hat, und wie soll der Jude, der naturgemäß nur jüdisch denken kann, einen Christen religiös-sittlich im christlichen Sinne erziehen?" Der Expert wollte im Weiteren eine Stelle aus dem alten Testament eitiren. Der Vorsitzende Dr. Exner unterbrach aber diese Ausführungen als nicht zur Sache gehörig. — In Karlsbad starb am 10. August d. I. Herr Abraham May, Großindustrieller und Gutsbesitzer, nach längerem Leiden im 79. Lebensjahre. Die Leiche wird nach Wien überführt. — In Prag fand am 9. d. M. vor dem Erkenntnißsenat des Landesgerichts die Verhandlung gegen den früheren Beamten der Speditionsfirma Schenker L Comp., Peter Ritter v. Mitis, statt. Derselbe hatte 2700 fl. veruntreut und sich aus Prag geflüchtet. Kürzlich ist derselbe gänzlich subsistenzlos zurückgekehrt und hat sich hier selbst dem Gerichte gestellt. Er wurde zu drei'Monaten schweren Kerkers und zum Adelsverluste verurtheilt. Mitis war Vorstandsmitglied mehrerer antisemitischer Vereine! — In einer sozialdemokratischen Frauen- Versammlung der letzten Tage erklärte ein Fräulein Grasser: „Wir 'Arbeiterinnen wissen, daß eine wirthschastliche Boykottirung der Juden uttb Judengeschäfte unsere Lage gewiß nicht bessern würde. Unser Feind ist der konfessionslose Kapitalismus und der reaktionäre Klerikalismus. Für beit Antisemitismus sind wir nicht zu haben." In ähnlicher Weise sprach sich die erste Vollversammlung des Vereins der österreichischen Reformpartei aus, die fast durchgehends aus ehemaligen Parteigängern des edlen Fürsten Liechtenstein besteht. * Budapest, 12. August. Zur Frage der Judenreception bringt der „Zsido Hirado" ein wahrhaft ergreifendes Argument. Der Kultusnrinister Graf Esaky erhielt dieser Tage ein dringendes Telegramm aus Erlau von einer Frau Berta Ronai. Es hat folgenden Wortlaut: „Excellenz! Vor Jahren bin ich aus nicht näher anzugebenden Gründen vom Judenthum zum christlichen Glauben übergetreten. Ich liege nun auf dem Sterbebette, aber Gewissensbisse lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Erlauben Sie mir, Excellenz, daß ich vor meinem nahen Tode zum Glauben meiner Väter zurückkehren darf!" Der Minister war natürlich nicht in der Lage, dieser flehentlichen Bitte zu willfahren, da der Uebertritt in Ungarn noch verboten ist; die Vorlage der Judenreception ist ja noch nicht Gesetz geworden. Der Minister konnte also nur der armen Frau sein inniges Bedauern aussprechen. Da erhielt er ein zweites Telegramm: „Excellenz, die Qualen lassen mich nicht sterben. Noch einmal flehe ich Sie an, lassen Sie mich zu meinem alten Glauben zurückkehren." Selbstverständlich hatte das zweite Telegramm so wenig Erfolg wie das erste. * Baja (Ungarn), 10. August. Frau Oberrabbiner Wittwe Eva Nascher ist in noch nicht vollendetem zweiundsiebzigsten Lebensjahre nach kurzer und plötzlicher Krankheit im Bade Palies im Kreise ihrer Kinder am 5. d. M. sanft verschieden. Die Ueberführüng der sterblichen Ueberreste erfolgte von Seiten der Chewra Kadischa in Rebadka mittelst Eisenbahn nach Baja, wo am 6. d. M. eine überaus zahlreiche tieferschütterte Trauergemeinde in tiefster Bewegung der edlen Frau und Muttör in Israel nach der letzten Ruhestätte das Ehrengeleite gab. Eine ergreifende Gedächtnißrede hielt Herr Rabbiner Dr. Adler, und auch Herr Oberkantor Berger verstand mit einem gut geschulten Chor durch Trauergesänge die Herzen der Hinterbliebenen und Trauernden mächtig zu bewegen. Dem erstgeborenen Sohn der Verblichenen, dem Oberrabbiner Professor Dr. S. Nascher, fiel nun die überaus schwere Aufgabe zu, von seiner theuren Mutter im Namen der Familie Abschied zu nehmen. Selbst auf's Tiefste von dem unersetzlichen Verluste erschüttert, ergriff auch er die ganze Gemeinde, deren Zierde die Heimgegangene war. Sie war ihrem ihr im Tode vorausgegangenen Gatten, dem unvergeßlichen sel. Oberrabbiner Moses Nascher, eine mustergiltige Lebensgefährtin, voll Anmuth, Sanftmuth und Demuth, ihren Kindern ein Vorbild der Tugend, wahrer, duldsamer Frömmigkeit, der Gemeinde eine rath- und thatbereite Vertreterin ihres Standes, den Armen eine edle Wohlthäterin. Sie entstammte als Tochter des sel. Oberrabbiners von Lipto Set. Miklos, R. B. Simandl, des Verfassers des „Minchath Ani", einer angesehenen altjüdischen Gelehrtenfamilie des Landes, sie war noch als Greisin voll Schönheit und Jugend des Herzens und Geistes, voll häuslicher Tugenden und edler Hingabe an das Judenthum. Ihr Name wird gesegnet bleiben, der Trost ist nur im Glaubender göttlich ist, nnd in der Liebe der Menschen zu finden. * Krakau, 10. August. Bei Dembiea, einem zwei Stunden von Krakau entfernten, an der Karl-Ludwigbahn gelegenen Orte, wurde vor zwei Tagen in einem Walde in der Nähe der Stadt die Leiche eines polnischen Juden gefunden, welcher einige Tage vor der Auffindung ermordet worden war. Das Motiv des Verbrechens scheint eher ein Rache-Akt als eine Raubabsicht gewesen zu sein, da der Ermordete ein armer Mann war. Neben der Leiche fand man zwei leere, von Petroleum riechende Flaschen. Der Mörder hatte, um die Jdentifizirung seines Opfers zu erschweren, nach vollbrachter That das Gesicht des Ermordeten mit Petroleum begossen und angezündet. Der Mord wurde durch Hiebe mit einem stumpfen Werkzeuge verübt. Wer der Ermordete ist, konnte bisher nicht konstatirt werden, da von den 4300 jüdischen Einwohnern in Dembiea keiner vermißt wird. Auch ist es bisher nicht gelungen, dem Thäter auf die Spur zu kommen. Frankreich. mf. Paris, 12. August. Der Ernst unserer Zeit spiegelt sich auch irr einigen künstlerischen Darbietungen unserer Glaubensgenossen im diesjährigen Pariser Salon wieder. So hat der auf der Zeichenschule in Wilna vorgebildete Bildhauer Bernstein, welcher seit vier Jahren als Schiller Antokolskys und Dallons in Paris studirt, einen Esra ha Sofer ausgestellt, der aus dem Leben Esra's den Moment wiedergiebt, der in Esra 9, 3 geschildert ist: „Und als ich dies hörte, zerriß ich mein Kleid und mein Obergewand, und raufte die Haare mir von Kopf und Bart, und saß da betäubt." Die Komposition, welche mir einer mentiun honorable von der Jury ausgezeichnet wurde, zeigt uns Esra mit jammervollen

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