Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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396 „Das sollt i so hingehen lassen, i, der Aigle's Peter? Nix sollti dawider thun, damit die Leut ihren Spott haben könnten? Nein, ' das giebt's nit!" Und plötzlich kommt ihm ein Gedanke, über den er anflachen iiuijp i „Wart auch, Eichkatz, da droben, i will Di schon ausräuchern, aus Deinem Nest, wo Tu warm sitzt, und Ihr Schwadererleut, Euch soll auch die Lust öergehen, eine Reis' wieder zu machen, gebt nur Acht." Das Hosthor knarrt, die Dienstleute kommen heute später als sonst, haben hie und da im Dorf einen Schwatz gehalten, mit dem Binele seiner Herrschaft nimmt man's nit so genau. Unbeachtet, so glaubt er, schlüpft Peter der Scheune zu. Aber das Luisle hat hinter der Eiche gekauert, weil es dem Binele ein Stück Speck gestohlen hat und sich nor der Entdeckung fürchtet, das hat ihn gesehen! und seine wilden Reden mit Verwunderung gehört.! Die alte Magd hat mit unruhiger Hast den Leuten die Abendmahlzeit gerichtet und auch dem Dörtle davon hinaufgctrage». Der Thür abgewandt sitzt das Mädchen immer, aber heut hat's nicht einmal Licht. „Warum bist denn auch im Dunkeln?" fragt Binele. „Mir wird's bang, i kann'S Dunkel nit leiden!" „Macht, weil i ein gut's Gewissen Hab," antwortete Dörtle herb, „i Hab Niemand belogen und betrogen, da schreckt mi's Dunkel auch nit." Binele schüttelt den Kopf, es hat wie eine Absicht aus den Worten geklungen und kann doch eben nicht sei», denn das Mädchen weiß ja von Nichts. Betrübt ist sie hinansgeschlichc», aber es läßt ihr nirgends Ruh. Warn», es doch wohl sein muß, denkt sie, daß ihr eigen Fleisch und Blut so ungut mit ihr ist? Sic hat doch das Dörtle so mächtig! lieb in ihrem Herzen. Und dann möchte sie sich selber an ihre»; struppigen Haaren zerren — wie kann sie denn auch verlangen, das;; das wunderliebe Müdle gut zu ihr sein soll — das ist ja die Erbj tochter und weiß nimmer, daß sie das Kind der wüsten, alten! Magd ist. I Wen» sie's wüßte? fragt sich Binele. Ob sich da wohl etwas! in dem Herzen des Dörtle für sie regen thät? Sie wird ganz heiß! und verschämt bei dem Gedanken. Es hat sie oft verlangt, nur ein-! mal das herzige Kind an die Brnst drücken zu dürfen.! Es läßt ihr keine Ruhe jetzt; wenn sie wieder hinaufging, im j Dunkeln zu dem Kinde hinsäße und ihm auch beichten thäte, wie j vorhin dem Bartel? Da säh Dörtle nicht, daß ihr auch noch das Feuer der Scham in die Wangen steigen kann — und tröstete sie vielleicht liebreich — und wissen muß es die Dirne ja, wenn Binele ihr helfe'» soll, den Liebsten zu kriegen. Sie kämpft lange so mit j sich, läuft hin und her, sieht die Andern zu Bett gehn und denkt I dann, daß es nun wohl schon zu spät ist, das Dörtle wird auch! bereits schlafen. Aber sic schleicht sich ans den Zehenspitzen die Stiege j hinauf, lauscht an der Thür und faltet die dürre» Hände.? „O Du lieber Gott, mein Kindle, mein Alles auf der Welt ist's! ja — und i möcht nichts Lieberes, als daß Du's machen thätst, o! Herrgott, daß es auch so recht vom Herzen glücklich wird. Sauber! und brav hast's ja auch ohnedies schon werden lassen." Sie breitet die Arme in die Luft, sie hat eine so gar unbezwinglichc Sehnsucht, ihr Kind nur einmal zu herze». Zitternd drückt sie auf de» Thürgriff, er giebt aber nicht »ach, Dörtle hat sich eingeschlossen, j „Schläfst schon, mein Engete, Du?" murmelt die alte Magd! am Schlüsselloch, „schlaf auch gut — i thu für Di schon wachen."! Und dann schleicht sic recht behutsam wieder hinab. \ (Schluß folgt.) | U! Literarische Mittheilungen. — Unter der Redaktion von Dr. M. A. Altschüler und C. Schott erscheint im Verlage von Robert Claussner-Leipzig ein „Familienjahrbuch für gebildete Israeliten", welches sich die schöne Aufgabe gestellt hat, durch populär gehaltene wissenschaftliche Artikel die Kenntniß des Judenthums, seiner Geschichte und Litteratur zu vermitteln. Diesem Programm entspricht auch der Inhalt des Jahrbuchs für 1893 vollkommen. Neben einer Reihe sehr interessanter, belehrender Abhandlungen über „die Geschichte Israels", „die Feste der Juden" und „die alt-hebräische Litteratur", zumal über den so wenig gekannten und vielverlästerten Talmud bringt dasselbe noch einen geistvollen Aussatz des bekannter: Schriftstellers Dr. Moritz Brasch über die Philosophin Dr. Susanna Rubinstein, deren Porträt dem Jahrbuch beigegeben ist. Den Schluß bilden zwei reizende Erzählungen aus dem jüdischen Leben: „Tusche" von Clara Schott und „Der Wunderrabbi" von Leo Herzberg-Fränkel. In Betreff des Kalendariums wäre eine größere Übersichtlichkeit, sowie die Beifügung der üblichen Regententafel und anderer praktischen Zwecken dienender Bemerkungen zu wünschen, damit das „Familienjahrbuch", dessen Ausstattung eine ganz vortreffliche ist, endlich einmal die sogen. Familienkalender mit ihrem öden Schundinhalt aus den jüdischen Häusern verdrängen möge. P. Der von uns kürzlich besprochene Roman: „Das Reich Judäa im Jahre 6000" von Max Osterberg-Verakoff, ist laut Edikt der russischen Censurbehörde wegen der vom Verfasser geübten Kritik der Stellung Rußlands zur Judenfrage im russischen Reiche verboten worden. d Spvectzsaal. Geehrter Herr Doktor! In Nr. 32 Ihrer Zeitung findet sich ein Artikel: „Der Antisemitismus in Bade::", der mich zu einigen Bemerkm:gen veranlaßt. Es ist in dem Artikel in Bezug auf den Antisemitismus gesagt, daß die Liberalen in Mannhein:, in Karlsruhe „so lange ihnen das Wasser nicht selbst an den Hals geht, auch nichts zur Bekämpfung thun." Diese Bemerkung beruht auf einer Verkennung der thatsächlichen Verhältnisse. Seitdem der Verein zur Abwehr des Antisemitismus gegründet wurde, hat derselbe bei allen Maßnahmen, die inzwischen geschahen und unser Land betrafen, bei unfern hiesigen Glaubensgenossen stets das weitgehendste Entgegenkommen und Verständniß für die Frage gefunden. Ich glaube nicht, daß in einer zweiten Stadt, mit Ausnahme von Frankfurt und Berlin, jener Verein mit gleich großen Mitteln unterstützt wurde, wie dies seitens der hiesigen Juden geschehen ist. Wir haben seit Jahren die antisemitischen Vorgänge im Lande genau verfolgt, und es sind in Baden wiederholt Schritte geschehen bei der Regierung und anderen Behörden und in der Presse. Die Gründung des „Schutzvereins gegen wucherische Ausbeutung des Volkes im Großherzogthum Baden" ist ein solcher Schritt. Es sind drei Juden — darunter der Vorsteherder hiesigen israelitischen Gemeinde — im Vorstand, welcher im Uebrigen aus den Kreisen der angesehensten hiesigen Bürger christlicher Konfession zusammengesetzt ist- Angesichts der Thatsache, daß die konservative Partei die Beschränkung der Emanzipation der Juden auf ihr Programm geschrieben hat, hat sich vor zwei Monaten hier auf Veranlassung des Herrn L. Willstätter eine Vereinigung gebildet zu dem Zweck, die Abwehr des Antisemitismus und die Vertheidigung unserer Rechte mit allen gesetzlichen und moralischen Mitteln nunmehr selbst in die Hand zu nehmen, und es hat dieser Gedanke in allen Kreisen der hiesigen jüdischen Bevölkerung ohne Unterschied der politischen oder religiösen Richtung die weitgehendste Unterstützung gefunden. Ich glaube nicht, daß in irgend einem anderen deutschen Lande der Antisemitismus aufmerksamer verfolgt und eifriger bekämpft wird als bei uns; von dem Jndifferentismus dieser traurigen Bewegung gegenüber, wie ihn der Schreiber des angegebenen Artikels unterstellt, ist also keine Rede. Nebenbei bemerke ich noch, daß es, ich sage leider, nicht richtig ist, daß der größte Theil der badischen Juden der nationalliberalen Partei, der ich selbst angehöre, zugehört, der größere Theil ist freisinnig. Karlsruhe, 13.August. Hochachtungsvollst Ein Badenser. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.