Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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394 sind ganz andere Jubelpsalmen, als die man im Tempel ehemals gesungen; das ist ein ganz andres Hosianna, als damals getönt hat am Tempelthore! Höre, höre! Sie kommen näher und hier vorbei! Da, da! der Hohlweg am Thore ist schon voller Menschen!" Samaja trat ans Fenster und war so verwirrt von dem Ge- \ tümniel draußen und den Reden des Mädchens innen, daß er einen , Augenblick nicht Worte fand. „Du meinst den Betrüger, den Bari Kochba!" sagte er mit großem Ernst zu Esther, die sich hinaus streckte! und mit brennender Ungeduld in die Ferne sah; „was ist mit Dir! vorgegangen? Bete, bete, daß der Versucher von Dir weicht und j Du nicht unglücklich wirst und elend für Zeit und Ewigkeit." Esther; achtete auch dieser Worte nicht, denn was jetzt kommen sollte, erfüllte j ihren Sinn und ihr ganzes Wesen. Auch Samaja mußte unwill-! kürlich seine Blicke hinausrichten, denn die einsame Gasse war schon mit einem Menschenstrome erfüllt, der zum Theil dicht unter dem! offenen Fenster des Priesters vorbeilärmte. j Es waren Juden von allen Geschlechtern, Stünden und Altern,! die einherivogtcn, mit Habe und Gepäck beladen; glänzend und zcrj lumpt, leichtfüßig und schwerfällig, stolz und freudig, lachend und j ernst, singend und schreiend. Sie kamen ans verschiedenen Städten! des südlichen Landes, um ihren Messias nach Salem zu begleiten j und das öde, dem größten Theil nach in Ruinen liegende Jerusalem! und seine Mauern, Burgen und Thürine wieder anfzubaucn. Es waren mehrere Hundert, die den Vortrab des fröhlichen Zuges bildeten, und da die Straße nicht allzu breit war, dabei an vielen ■ Stellen durch Schutt lind Trümmerhaufen verengt, dauerte es lange, j ehe der Schwarm vorbei war. Das Häuschen des Priesters, fast! das einzige der Straße und das erste vom Thore an, sprang etwas j vor, so daß es Jedem der Vorbeigehendcn auffallen mußte, und in i der That warfen die Meisten ihre Blicke ans den Greis, der mit! trübem Gesicht und gefalteten Händen in den Tumult sah, und auf! und auf das Mädchen, das wie eine Entzückte in die Ferne schaute;; Viele wandten indeß die Augen verächtlich ab von den Beiden, die | man bald als Samaritaner erkannt hatte.! Endlich lvar das untergeordnete Gesindel vorüber und nun | kamen Kriegsleute zu Fuß, mit Schild, Helm und Lanze gewasinct,! die recht stattlich aussahen. Ihnen folgte anderes Fußvolk, nach Art j der Römer mit Schwertern und Wurfspeeren versehen, diesem aber! Pfeilschützen mit ledernen Kollern. An diese schlossen sich Priester! und Leviten, die man hatte auftreibcn können. Sic waren von Posaunenbläsern begleitet, die eine melancholische Psalmweise exekutirten, seltsam kontrastirend mit dein fröhlichen Geträtsch der Vorangehenden. Hinter dem Priesterchore kamen wieder Fußsoldaten und hinter diesen eine Abtheilung Reiter. Auf die Reiter folgten in einigem j Zwischenräume eine Schaar Mädchen und Frauen in reichen orienta-! lischcn Gewändern, mit Edelsteinen, Perlen, Stickereien und Blumen! geziert. Sie sangen zu Cymbeln und kleinen Pfeifchen ein improvisirtes j Loblied auf den Stern von Zion. Hinter den Töchtern Israels > kamen wieder in gebührender Entfernung Reiter, nur etwa zwanzig j an der Zahl, aber in auserlesenen versilberten Rüstungen, in der j Mitte ein großes blaues Banner haltend, das im Wehen und Flattern; den Namen Bar-Kochba, mit goldenen Sternen umgeben, zeigte. Hinter der Fahnenwache schritten paarweise zwölf Männer in weiten rothen Gewändern, von denen Jeder einen goldenen Schild und j einen schwarzen Stab trug, diesen aber folgte er endlich, dem die Feierlichkeit des ganzeil Zuges galt. Alls einem kohlschwarzen, sehr : zahmen Manlihier, in goldncr Rüstung, den Plirplir leicht übcrgeworfen, auf dem schwarzlockigen Haupt die goldne, mit großen Rubinen und Hyazinthen verzierte Krone, um die an erhöhten dünnen j Drahtreifen zwölf bewegliche Sterne mit den Namen der Stämme Israels funkelten und blitzten, saß der Jüngling Bar-Kochba mit freudestrahlendem, bildschönem Gesicht und echt königlichem Anstande. Neben ihm ritt der greise Rabbi Akiba Ben Joseph, der in Demuth seiile graue Kutte trug, mit ernstem Gesicht nnb in tiefem Sinnen. Die beiden Gewaltigen befanden sich jetzt an dem Häuschen des Priesters, und da der Zug mit einem Mal ins Stocken gerathen war, so hatten die Beiden am Fenster volle Muße, die Helden des Tages zu beschauen. Akiba hatte nur einen Blick auf den Priester geworfen, dann sich abgewendet, und als der Aufenthalt entstand, ritt er vor bis in die Nähe der Weiber, um die Ursache der Zögerung zu erfahren. Bar-Kochba blieb allein zurück und sah einen Augcw blick auf das Fenster. Der Priester schien ihn nicht sehr zu interessiren, aber als er Esther gewahrte, die auf ihn schaute wie eim Verklärte, ward sein schönes Auge lebhaft und zum Staunen seiner Umgebung schwang er sich vom Rosse und trat ans Fenster. „Wc> bist Du?" fragte er mit freundlicher Miene den Greis, der das Käppchen vom Haupte nahm und, von dem Glanz des Machthabers verwirrt, stammelte: „Ein alter Priester, Herr, und der Vorstand der kleinen Samaritanergemeinde in dieser Stadt, die ihrem Gott treu dient und ihrem Könige." — „Ein Samaritaner?" fragte ernst der Jüngling; „Ihr seid mir geschildert worden als böses Rebellenvoll, das vernichtet werden nmß, wenn mein Reich bestehen soll." — „Dann vernichtest Du," entgegnete Samaja, schon viel gefaßter, und seiner Pflicht als Gemeindevorsteher eingedenk, „eben so viele trcw Unlcrthanen, die Dein menschenleeres Reich im Frieden bewohnen. Deine verfallenen Städte aufbauen, zu Dir stehen gegen die Heiden und redlich ihre Steuern bezahlen." Bar-Kochba antwortete darau> nichts, sondern sah auf Esther, die in der Stellung einer andächtigen Beterin stand, von ungeahnter und unverstandener Stnrmfluth durchdrungen. (Fortsetzung folgt, i Kagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Be ly. (Fortsetzung.) Oben in ihrem Kämmerlein gleitet Dörtle, die durch das offen. Fenster Alles gehört hatte, auf die Knie nieder. „O mein Herrgott, Du mein Herrgott!" stöhnt Dörtle uns ringt die kleinen Hände. „Hab geglaubt, i könnt nit elender werden - und nun hat's doch noch ein Maß darüber geben müssen! Nun ist's gar — nun möcht i mi nur so niederlegen und sterben, denn was thu i noch auf der Welt!" Zusammengebrochen ist sie zugleich mit ihrein Stolz. Sie iü nicht das rechtmäßige Kind des Hauses, sie, die sich nicht ausgekanni hat vor Hochmuth und Ueberhebung — sie ist der Barmherzigst! halber angenommen, und nicht die Frau mit dem blassen Leidens gesicht, die häßliche verachtete Magd ist ihre Mutter. Ihre langen, blonden Zöpfe wühlt sie los und rauft in den weichen Haaren. Sie hat neulich mit dem lieben Gott gehaderl, daß er den Menschen eine Liebe ins Herz giebt und sie dann doäi nicht Zusammenkommen läßt, wie sie und den Bartel — was ist ib> denn das jetzt noch. Sie hat ja mm viel Schlimmeres erlebt - sie ist nicht das stolze Kind hier aus dem Hause. Sie blickt in dem Kämmerlein umher. Wie oft hat sie's m diesen Tagen verwünscht, weil sic gefangen hat darauf Hansen müssen; ivenn man sie jetzt tellertief in die Erde fleckte, sie würde nichis dagegen haben.