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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-18 · Heft 33 (18.8.1893) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 33 (18.8.1893)
Date
1893-08-18
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
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Bei der Betrachtung der Rolle, welche die Juden in den Künsten und Wissenschaften spielen, will Leroy-Beaulieu ihre lange Unfruchtbarkeit in den bildenden Künsten nicht als einen semitischen Zug gelten kaffen; aus dein alten Gesetz ist sie vollständig erklärlich; Talente der Neuzeit, wie Liebermann, Israels, der berühmte holländische Maler, Antokolsky, der größte russische Bildhauer, bestärken ihn in dieser Meinung. Die hervorragenden Leistungen der Juden ans dem Gebiete der Musik und der Philologie scheinen ihm durch die historische Entwickelung des Volks gefördert worden zu sein; die philologische Begabung gedieh durch das Studium der alten Texte, durch den Zwang, sich in vielen Sprachen zu verständigen; die Musik, an sich bei den Orientalen wenig heiuiisch, ward, begünstigt durch das häusliche Leben und die Bedürfnisse der Liturgie, der Ausdruck der zurückgedrängten Empfindungen des Israeliten, den seine Nervosität und sein Kombinationsgeist für sie prädisponirten. Die Prosa der niedrigen Geschäfte, der pedantische Formalismus konnte nicht alles Gefühl für Poesie ersticken, dank zwei lebendigen Quellen, an denen der Jude sich immer erfrischen konnte: der Bibel und der Haggada. Poetische Begabung, nicht, wie die Verächter wollen, die Fähigkeit sich zu verstellen, hat den Juden zu ihren dramatischen Triumphen verholfen; gerade die edlen Gestalten haben sie am glänzendsten verkörpert. So leicht erklärlich als die reichen Erfolge der Juden auf dem Gebiete der abstrakten Wissenschaften, der Jurisprudenz und der Medizin sind, so unerwartet sind ihre Leistungen als Politiker, so unerhört ihr Einfluß auf die arischen Maffen. Drei Politiker jüdischer Herkunft haben im neunzehnten Jahrhundert bei aller individuellen Verschiedenheit, im Dienste ganz entgegengesetzter Richtungen tmb Sachen, dieselbe glänzende Karriere gemacht. Disraeli, Lassalle und Gambetta, der englische Tory, der deutsche Sozialist und der französische Republikaner, alle drei haben Schule gemacht; ihr Einfluß auf ihre Partei hat sie überlebt, sie sind zu Götzen der Massen ihres Adoptivvaterlandes geworden; ihre Gedenktage werden pietätvoll gefeiert, zu ihren Gräbern pilgern Schaaren von enthusiastischen Anhängern. Was sie mit einander gemein haben, „viel Lebensklugheit, große Kunst der Juscenirung, ein wenig Charlatanismus, vielleicht auch einen verborgenen Untergrund aristokratischer Verachtung für das öffentlich umschmeichelte Volk", das ist nichts Semitisches, das andet sich auch bei Staatsmännern, die keinen Tropfen vom Blut oer zwölf Stämme in ihren Adern haben. (Schluß folgt.) 9 -d- FEUILLETON -**>- Ner Stern von Zion. Eine historische Erzählung von L. Tarnowski. (Fortsetzung.) VI. Acht Wochen waren vergangen seit dem eben beschriebenen Erigniß und Judäa war nicht mehr, das heißt: die römische Provinz, me jenen Namen geführt hatte; au seiner Stelle war das freie Kanaan, das alte Königreich Israel erblüht. Bon Gaza aus hatte -ich die Revolution wie ein reißender Waldstrom von Süden an der 'lüste hinauf nach Norden, und über das ganze Land gebreitet; die festen Städte, Askalon, Joppe, waren durch Verrätherei den Huden in die Hände gefallen, die festen Schlösser im Innern, besonders die Ueberreste der Tempelburg von Jerusalem, mit aüithender Tapferkeit erstürmt worden. Die Sieger ließen überall die römischen Besatzungen über die Klinge springen; die Adler und Feldzeichen wurden beschimpft, dem furchtbaren römischen Koloß war der Vernichtungskrieg erklärt. Bis zum Flusse Kison, der vom galiläischen See bis zum Meere reicht, war das Land unterworfen; Galiläa und die Gegenden jenseits des Jordans sollten erst später vom Feinde gesäubert werden. „Es werden falsche Propheten auferstehen, die Wunder thun werden und das Volk berücken. Und wenn sie euch nun sagen werden, er ist in der Kammer, so geht nicht hinein; oder er ist auf dem Felde, so geht nicht hinaus und glaubet es iricht." Also betete ein alter samnritanischer Priester im einzigen Stübchen seines kleinen Häuschens. „Ein Betrüger ist aufgestanden unter dem Volk der Juden, der sich Messias nennt, und die Heiden sind erschlagen worden im Lande; wer weiß, wie lange noch Dein Knecht, o Herr, das Wort der Wahrheit verkünden, das Brod des Lebens spenden darf, denn die Schaar des Bar-Kochba, der sich für den Stern Zions hält, zieht herauf gen Jerusalem und wird mit Blut und Raub walten über Deiner Gemeinde. Doch, Herr, wie Du willst, so geschehe mir und meiner Gemeinde. Amen." Der alte Mann mit dem Silberhaar und dem hagern, blassen Gesicht, auf dem ein fairster Friede lag, wie ihn die Welt nicht geben kann, sprach dies mit dein unverfälschten Ausdruck inniger Ergebung und dann rollte er das Buch zusammen, aus dem er gebetet und schaute zum kleinen Fenster hinaus, das die Aussicht auf das Wasserthor hatte. Eine Weile schaute sein Auge gedankenvoll in die Ferne, dann schrak er auf und schaute im Gemache sich um, deffeir einzige Gerüthschaften außer dem schöngeputzten Altar und außer Tisch und Scheine! nur noch ein einfaches Strohlager war, und sagte: „Esther, wo sie bleiben mag; der Lärm vom Zuge des Bar-Kochba tönt schon nahe anl Thore; wenn sie ins Gedränge der Rosse und Menschen küme und fortgerissen würde oder ein anderes Unglück hätte!" Wirklich vernahm inan durch die Stille, die über dem ödesten Theile Jerusalems lag, ein Geschrei aus der Ferne, das immer näher kam und wie der Jubel einer siegestrunkenen Menge klang. Der Priester jamnierte ailss Neue über Esthers Abwesenheit, da ging rasch die Thür auf und ein zartgebautes, bloiides Mädchen, glühend, wie es schien, vom eiligen Laufen, flog herein und in die Arme des Alten, wo sie nach und nach sich erholte und Kraft zum Sprechen bekam. „Ich habe ihn gesehen, Vater!" rief sie mit leuchtenden Blicken; „ach, ein Gesicht wie Morgenroth und schöne Aiigen voll dunklen Feuers, und leuchtende Sterne ums Haupt wie Himmelsglorie, und den schlanken Leib in Gold gepanzert wie der Erzengel Michael, und das Schwert in der Hand mit dein Oelzweige, wie der Engel der Vergeltung!" Verwundert sah der Greis dem Mädchen, dessen angenehme, wenn auch nicht schöne Züge fast noch kindlich waren, ins Gesicht. „Was fehlt Dir?" fragte er bekümmert, „wen hast Du gesehen? Besinne Dich, Du sprichst mit einer Lebhaftigkeit und in Worten, die einer frommen Jungfrau nicht ziemen." Die Worte des Priesters hatten keine Wirkung hervorgebracht, j denn Esther hatte während derselben stillselig gelächelt und gelauscht j auf das Jubelgeschrei, das immer näher kam. „Hörst Du, Vater, die Jubelpsalmen?" rief sie, ans Fenster eilend, „die gelten dem Manne in Seraphsgestalt, dem Manne, in dessen Auge man nur einmal zn sehen braucht, um dann selig sterben zu können. Ich kann mir j diesen Tod recht schön denken, obwohl ich »och jung bin, denn ich - habe auch sein Auge gesehen, aber seliger noch muß es sein, immer! und immer in diese Strahlenbäche zu schauen und die herrliche Gestalt! zu — ach, meine Sinne verwirren sich! Vater, höre nur! Das

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