Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-18 · Heft 33 (18.8.1893) · p. Seite 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 33 (18.8.1893)
Date
1893-08-18
Page
Seite 392 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228020--50077-3271673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

392 lichem Ehrgefühl erfüllt sein konnte, daß dieser Paria auch seinen Stolz hatte, erkennt Leroy-Beaulieu wohl an. In der Ueberzcugnng Non der lteberlcgeuheit Israels lebte er, voll Verachtung blickte er auf die Menge seiner andersgläubigen Bedränger. In seinen eigenen Augen konnten ihn die barbarischen, ungelehrten Herren nicht erniedrigen. So erklärt sich, wie der Jude durch Jahrhunderte unter dem Druck der Verachtung verharren konnte, ohne ihm zu erliegen. „Die innere Spannkraft des Juden blieb unversehrt; er war bereit, sich am Tage der Befreiung zu erheben. Daher bei ihm die häufigen Ausbrüche eines lange zurückgedrängten und wie verhaltenen Hochmuths, oder einer, weil unerwarteten, desto anstößigeren Empfindlichkeit: Wenn er stolz sein null, wird er anmaßend." Die Sephardim, die zwar viel gelitten haben, aber weniger erniedrigt worden sind, zeigen in ihre», stolzeren, würdevolleren Auftreten, daß nicht das Gesetz oder das Blut für die Entartung des jüdischen Charakters verantwortlich sind. Man erinnert sich unwillkürlich an Franzos' Ausspruch: „Jedes Volk hat die Juden, die cs verdient", wenn man liest, wie Leroy- Beaulieu die Regierungen in Rußland und Rumänien anklagt, daß sie die Juden für den Betrug abrichten, da dieselben unmöglich existiren können, wenn sie nicht durch die Maschen des Gesetzes schlüpfen, das sie wie ein Netz umschließt. Wie lauge aber leben die Juden des Westens frei und sicher? Nicht lange genug, als daß die Freigelassenen ganz die Gedanken und Gefühle der Freigeborenen in sich ausgenommen haben könnten. Wie mitunter in der Kindheit, in der Schule das Gleichgewicht der jungen Seele durch die Grausamkeit der Kameraden gestört ivird, schildert Disraeli in seinen Romanen. Die Lebensgeschichte Salonion Maimons, den der Vater ähnlich den alten Spartanern strafte, wenn er sich auf einer Missethat ertappen ließ, dagegen zeigt, wie die Lebensweisheit des Juden in der Zeit der Knechtschaft als Erziehungsprinzip wirken mußte. Leroy-Beaulieu nennt Maimon den vollkommenste» Typus des Juden vor der Revolution; eine erbärmliche Seele mit hoher Intelligenz. Daß bei ihm der Deuker die Gefühle, die Instinkte, die Triebfedern eines Schmarotzers der niedrigsten Sorte behält, trifft übrigens Wort für Wort auf Lord Baron zu, wenigstens nach Macaulays Darstellung.') Wenn die Moral des modernen Juden sich häufig mit der des Maimon deckt, so erinnert Leroy-Beaulieu an die Wandlung, welche die Mißhandlungen der Türken in dem edelsten Volke des Alterthums bewirkt haben, um die Wahrheit des Satzes zu erhärten, daß jedes Volk sich eine zu seinen Existenzbedingrurgen passende Moral macht. Nicht Großmuth und Uneigennützigkeit üben sich beim Trödelhandel, bei der Eintreibung der Pacht, beim Wechselgeschäft; nicht die hohen Kräfte der Seele kommen bei dem Kleinhandel ins Spiel. Lange war sein Erwerb unsicher und gefahrvoll, nur durch Verstellung zu schützen; demoralisirend wirkte das Geschäft des Steuerpüchters, des Faktors, das jedes Gefühl abstumpfend, ihn zum kriecherischen und erbarmungslosen Werkzeug der Machthaber erniedrigte. Daß sein Herz sich trotzdem nicht allen menschlichen Gefühlen entfremdete, daß auch der Verhärtetste noch eine weiche Stelle in seinem Gemüth bewahrte, Shakespeare, der den Juden so wenig kannte, hat es mit dichterischem Instinkt herausgefiihlt. Für seine Familie, für seine Brüder sparte er Alles auf, was gut und milde in ihm war. Die Familie ist immer „die Zuflucht des Juden gewesen; häusliche Tugenden haben selbst die Feinde ihm nie abgesprochen; Laster, unter denen Frau und Kinder leiden, kannte er kaum; darin blieb er auch in seinem dumpfen Ghetto der Mann von guter Geburt und Erziehung." Leroy-Beaulieu hält überhaupt den Juden großer Selbstbeherrschung fähig, findet ihn l) Critical and historical Essays. bei aller Lebendigkeit selten impulsiv, weniger den Instinkten als der Vernunft gehorchend, und rcsümirt sein Urtheil über ihn dahin, daß seine Charaktereigenschaften ihm zu seinen Erfolgen verhelfen, daß er mit seinen Fehlern und Tugenden der große struMlakörtiker der Erde ist. Die hiermit abgeschloffene Charakteristik läßt er nur für den Juden von ehemals gelten; die vornehmste jüdische Eigenschaft, die Anpassungsfähigkeit, bewirkt eine rasche Metamorphose bei ihm, die, mit dem Kopf beginnend, allmählich den ganzen Menschen ergreift. Am auffallendsten ist das bei gewissen russischen Juden, die, an die alten Sphinxgestalten gemahnend, mit ihren Ideen Deutsche oder Franzosen sind, deren Herz und Gefühl aber noch einem andern Volke angehört. Oft macht sich jedoch nur das andere Land, die andere Erziehung geltend; das im Menschen tiefgewurzelte Mißtrauen gegen das Fremde nährt das Vorurtheil gegen das Fremdartige, das beim Juden noch zu Tage tritt. Denn wie groß auch die Gabe des Juden sei, sich zu assimiliren, hier und da fehlt es ihm noch an Distinktion, an Geschmack und Takt. Lange in seinem Stolz gekränkt, legt er übergroßen Werth auf Titel und Auszeichnungen; bisher genöthigt, seine Reichthümer zu verbergen, stellt er sie jetzt gern zur Schau. Wie schwer es selbst für hochbegabte Persönlichkeiten ist, sich das maßvolle Wesen des Weltmannes anzueignen, zeigt der junge Disraeli mit seinem Hange zum Prunk, Laffalle mit seiner gern Aufsehen erregenden Eitelkeit. Nach der Behauptung eines Engländers bedarf es nicht weniger als vier Generationen, um den vollendeten Gentleman zu bilden. Die Vornehmheit der Gesinnung, die der wohlwollende Franzose bei manchen modernen Juden gefunden hat, lassen ihm die moralische Vervollkommnung des Volkes unzweifelhaft erscheinen; denjenigen, die den Juden in seiner Gesunkenheit der Erhebung für unfähig halten, ruft er zwei Namen aus der Zeit der Erniedrigung ins Gedächtniß zurück: Mendelssohn und Spinoza. Mendelssohn, mit dem kleinen Körper und dem großen Geiste, der schiefen Gestalt und der geraden Seele, erscheint ihm als das lebendige Symbol Israels, der erste Repräsentant des Judenthums in der modernen Gesellschaft; an Adel des Charakters alle Zeitgenossen überragend, ein Weiser durch das innige Verständniß dessen, was in der Thora Gesundes, Wohlabgewogenes ist. Der Weise ist nach Leroy-Beaulieu das typische Ideal Israels, während das christliche der Heilige ist; aber er selbst bewundert rückhaltlos mehr noch als den Geist Baruch Spinozas sein Leben, das, zwischen Stolz und Demuth die Mitte haltend, nirgends die einfache Natürlichkeit über der heroischen Ueberspannung vermissen läßt. Der Stamm, dem in seinen schwersten Tagen ein Spinoza entsprossen ist, bedarf nur der Freiheit, um zu gedeihen. Diese heut so übel berufene Zauberin hat dem verwandelten Prinzen aus Jakobs Geschlecht wieder Menschengestalt verliehen. Aber „mehr als einer verzeiht ihr nicht, was sie für Jakob gethan hat". Eine neue Beschwerde haben die Finsterlinge erbracht: Der Jude, von den entehrenden Fesseln befreit, soll durch seinen besonder» nationalen Geist den der modernen Völker gefährden. Es ist daher nothwendig, sich die Juden auch auf ihren spezifisch jüdischen Geist hin anzusehen. Was Israel von den Völkern des Alterthums unterschied, den prophetischen Geist, den allen profanen Dingen abgewandten Sinn, kann Leroy-Beaulieu bei den Zeitgenossen nicht entdecken. Von der Eigenart der Bibel, der hebräischen Poesie, ist in den Werken der Abkömmlinge der Ghettojuden nicht viel zu verspüren. Freigelassen, hat der Jude sich voll Eifer mit der modernen Kunst, Wissenschaft und Politik vertraut gemacht, und seine intellektuelle Verwandtschaft mit dem Arier hat er schlagend dadurch erwiesen, daß er so erfolgreich mit ihm rivalisirte, daß sein Erfolg ein nicht zu unterschätzender Fakte Rolle will Küns alten Liebe der Die Musi Wickel Bega Zwa: bei d liche gedrö fein I Gesch für 5 Jude Poeti sich verhc körpe dem Medi tmerl Herkt Verse Sach Gam zösisck auf i Adof gefeie hang große auch vas i finde: ocr z >gn> Die j llanc iid) 1 llüste die 1 v'sube besou wüth

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.