Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
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Denselben Namen führten unter der Herrschaft der Araber die Städte Lucena und Granada. Die Juden Spaniens genossen selbst unter den Westgothen die volle bürgerliche und politische Gleichstellung, so lange dessen christliche Bewohner dem arianischen Glaubensbekenntnisse huldigten, daß Christus Gott dem Vater blos ähnlich ist. Seitdem aber der König Reccared auf dem Konzile zu Toledo (589) das arianische Bekenntniß mit dem katholischen vertauscht hat, daß Christus Gott dem Vater gleich ist, erhob sich die Scheidewand zwischen Juden und Christen trennender denn je. Seitdem unter den schwachen Königen der Westgothen der katholische Klerus zur Herrschaft gelangte, wurden die Juden aufs Grausamste verfolgt, so daß ihre Lage völlig unerträglich wurde. Wir begreifen es, daß die so furchtbar bedrängten Juden Spaniens den Mohammedanern, welche 711 über die Meerenge setzten, bei Acres de la Frontera die Spanier besiegten, freudig zugejubelt und deren weiteren Eroberungen nach Kräften Vorschub geleistet haben. Das Jahr 711, in dem die Schlacht bei Acres de la Frontera geschlagen wurde, ist ein welthistorisches Datum und bildet in der Geschichte der Juden von Spanien eine neue Aera. Letztere begrüßten die immer siegreicher vordringendcn Maure», d. h. die arabischen Bewohner der Berbcrei, als ihre Erlöser von jahrhundertlanger Knechtschaft. Sie haben sich in der Erwartung, die sie auf dieselben setzten, nicht getäuscht. Die Araber haben ihnen Freiheit und Duldung gebracht und ihnen den Impuls zu neuem geistigen Leben gegeben. Der Anschluß der Juden an die Araber wurde durch mancherlei Berührungspunkte beider Völker begünstigt, so unter Anderem durch die Gemeinsamkeit der semitischen Rasse, die Aehnlichkeit der hebräischen und arabischen Sprache und die Verwandtschaft einiger religiöser Begriffe. Aus dem Schooße des Judenthums sind zwei Religionen hcrvorgegangen: das Christenthum und der Islam. Die ältere Tochter des Judenthums steht in der Sittenlehre ihrer Mutter außerordentlich nahe, aber in der Lehre vom Wesen Gottes ziemlich fern, die jüngere Tochter dagegen steht ihrer Mutter in der Sittenlehre fern, in der Lehre vom Wesen Gottes sehr nahe. Der Fatalismus, d. h. die absolute göttliche Vorbestimmung alles dessen, was den Menschen betrifft, seines Glückes und Mißgeschickes, selbst seines Glaubens und Unglaubens, seiner Seligkeit und ewigen Verdammniß, ist einer der wundesten Punkte des Islams. Er hat dessen Bekenner durch die Beschränkung des freien Willens zur trägen Unthätigkeit und dadurch zur völligen Erschlaffung geführt. Die Bibel dagegen, die nicht müde wird, hinzuweisen auf die Liebe und Gerechtigkeit, die Allmacht und Allwissenheit Gottes, dem gegenüber der Mensch so gering und nichtig ist, unterläßt es doch nicht, des Oefteren den Menschen an seinen freien Willen zu erinnern, durch den er sich zur sittlichen Vollendung aufschwiugen kann. Bedeutet doch selbst der Name Israel den Kampf mit göttlichen Wese». Werth hat für uns nur, was wir aus eigener Kraft erringen. Die Sittenlehre des Islam hat ihre Schwächen, aber der Glaube an Einen Gott, der Monotheismus, tritt in demselben klar und bestimmt hervor. Die Wände der Alhambra sind mit unzähligen Inschriften aus dem Koran bedeckt. Eine Inschrift kehrt hundertmal wieder und bildet den Grundton des ganzen Baues: „Kein Ueberwinder außer Gott." Das Christenthum predigt die Liebe, aber seine Bekenner übten im Mittelalter gegen die Juden den Haß. Der Islam predigt nicht die Liebe, aber seine Bekenner haben weniger Haß gegen die Juden geübt. (Schluß folgt.) Gin französischer Friedensapostel. Von R. Landsberg. (Fortsetzung.) Obgleich alt, ist Israel nicht abgelebt, nicht erschöpft, auf dem Gebiete des Geistes gewiß nicht. 1500 Jahre der Verfolgung haben wohl das schöne Gleichgewicht zwischen Geist und Körper beeinträchtigt, das den Hellenen zierte, das der Brite besitzt, aber den Geist haben sie gestählt, geschmeidig gemacht. Daher auch nach der langen Absperrung die erstaunliche Anpassungs- und Aneignungsfähigkeit des Juden. Wie die Schicksale der Vorfahren als eine geistige Gymnastik auf das Volk eingewirkt haben, so haben ihre Beschäftigungen den jiidischen Geist zu einer Art von Präzisionsinstrument gebildet. Durch 50 Generationen sind die Väter entweder Geldmänner oder Schriftgelehrte gewesen. „Von der langen Reihe der Vorfahren, die sich dem Wechselgeschäft, dem Handel, der Rechnung, der Zahl gewidmet haben, hat der Jude die Geistesschärfe, die Gedankenklarheit, den sichern Blick, die Gewohnheit, sich nicht von Aeußerlichkeite» bestechen zu lassen, geerbt." Der andere Ahne, der Stolz, die Verehrung Israels, der Rabbi, bildete ihn für geistige Studien, für wissenschaftliche Abstraktionen vor. Stets stand im jüdischen Volke Gelehrsamkeit in hohen Ehren. Beweis dafür: die Ehen zwischen Talmudisten und den Töchtern der Reichen, die Ehreustellung der Gelehrten, der obligatorische Unterricht der Jugend. „Der absolut ungebildete Jude, der Analphabet war zu allen Zeiten eine Seltenheit; jeder Jude ist zum Studium der Thora verpflichtet; daher trifft das, was man von den Protestanten und der Bibellektüre gesagt hat, noch unbedingter für Juden und Judenthum zu." Der Talmud, der Hauptgegenstand des Studiums, war sowohl wegen seiner Vielseitigkeit, als wegen der besonderen Art der Darstellung und der Methode ein vorzügliches Instrument zur Schärfung des Geistes. Daher ist „die jüdische Intelligenz kein unbebautes Feld, das umgegraben werden muß; sie hat nie lange brach gelegen! Will man Israel als Volk betrachten, so ist cs das älteste und vielleicht begabteste der Kulturvölker; durch die Reichhaltigkeit und durch das Alter seiner geistigen Bildung stellt eS unter den Nationen eine Art Geburtsaristokratie dar." So günstig Leroy-Beaulieu die Intelligenz des Juden beurtheilt, so wenig vortheilhaft erscheint das Charakterbild, das er von ihm entwirft. Gewissen und Ehrgefühl spricht er ihm im Allgemeinen ab; der Oberrabbiner von Paris hat denn auch im Namen der französischen Juden gegen diese Schilderung protestirt, und der wohlwollende Schriftsteller hat in dem erfahrenen Widerspruch selbst eine gewisse Widerlegung seiner Behauptung gesunden, wenn er auch von vornherein allen Anforderungen der Gerechtigkeit genügt zu haben glaubt, indem er gewisse häufige moralische Gebrechen der Juden aus der ihnen in der Vergangenheit widerfahrenen Behandlung erklärt. Das Volk, dessen Halsstarrigkeit die Propheten schalten, hat, wie er zugiebt, seine Willensstärke nicht eiugcbüßt. Nur die Charakterfeste», die Unbeugsamen habe» beim Judenthum verharren tönncn. Aber die Energie hat sich nach Innen gekehrt, die Zähigkeit hat sich hinter der Maske der Demuth versteckt; nicht nur der Geist, auch der Charakter ist biegsam geworden. Daß der Jude des Mittelalters nicht nach feudalen Ehrbegriffen leben konnte, ist richtig, da er seines Lebens nur sicher war, so lange er sich klein und demüthig stellte. „Der Jude durfte keine Beleidigung ahnden. Schlüge und Beschimpfimgen verletzten ihn nicht mehr; nur in seinem Eigennutz war er noch verwundbar. Die Schmach war sein Loos; Geschäfte, zu denen der Christ sich nicht herablasscn wollte, oft die einzigen, dir man ihm gestattete, die man ihm aufzwang." Wenn aber der Geldleiher, der Trödler unmöglich von ritter-