Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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386 Wenn etwas ein Wunder genannt werden kann, so ist es nur das Eine, daß die Juden trotz aller ungünstigen Umstände nicht völlig untergingen. Und dieses Wunder findet die einzige Erklärung in dem Worte des Psalms: „Wenn der Herr nicht mit uns gewesen wäre, sprich doch, Israel, dann hätten sie lebendig uns verschlungen, ein Strom wäre hingegangen über unser Leben." Ja, an uns hat die Menschheit noch diel gut zu machen, ehe sie über die Fehler der Juden klagen darf, und ehrliche liberale Männer sollten darall denken, daß jede einseitige Beurtheilnng des Judenthums Wasser auf die Mühle der Antisemiten ist, und über die Ziele dieser Partei sind wir ja in letzter Zeit mit genügellder Offenherzigkeit aufgeklärt wordell. „Wer mich berührt, greift in seinen Augapfel." U Dir Wschr. Berlin, 16. Anglist. Tie Scheidung der Geister schreitet ruhig aber sicher fort. Bon Zeit zn Zeit veranstaltet Ahlwardt eine Bersammlung, in der er über seine Ziele und Pläne berichtet. Kürzlich hat dieses enfant lerriblo mit einigen llebertreibnngen die Wahlabmachnngen mitgetheilt, die zwischen den Antisemiten nnd einem Flügel der Konservativen getroffen worden sind. Demgegenüber wird aber behauptet, das; nicht die konservative Fraktion oder die Parteileitung, sondern mir die Männer des rechten Flügels diesen Pakt eingegangen sind. Mit dem Borgehen der Stöcker, v. Langen u. s. >v. sei man in der Fraktion keineswegs allgemein einverstanden gewesen. Offenbar hält man es aber zur Zeit nicht für opportun, gegen die Uebertreter der Parteidisziplin vorzngehen. Wiirde die konservative Fraktion dem Antisemitismus eine Absage ertheilen und damit zugleich die Haltung der Antiseniiten in ihrer Mitte tadeln, so könnte dies den Austritt mehrerer Abgeordneter zur Folge haben und sicher würde es bei vielen Wählern verstimmen. Daher ist es erklärlich, daß die Parteileitung einstweilen schweigt und gegenüber dem Treiben der Antisemiten in ihren Reihen ein Auge zudrückt. Aber zur Auseinandersetzung wird es in der Partei schließlich doch einmal kommen müssen. — Ferner hat Ahlwardt jüngst eine lange Liste in Deutschland eingeführter ausländischer Papiere verlesen und behauptete auf Grund derselben, daß das Judenthum dem deutschen Volke seit dem Jahre 1885 durch diese Papiere 760,657,948 Mark gestohlen habe! Im Anschluß daran erklärte er: „Wir werden im Reichstage demnächst einen Antrag einbringen, wonach alle Pfändungen u. s. w., au denen Juden betheiligt sind, so lange vertagt werden, bis die Judenfrage erledigt ist." In der interessanten Diskussion über diesen Bortrag brachte ein Korrektor Perleberg wieder den Fall von kanten anfs Tapet, indem er wörtlich sagte: „Das Blut des gemordeten Kindes schreie zum Himmel, während der Mörder lebe nnd jetzt gut dastehe. Er fordere deshalb die Königliche Staatsanwaltschaft ans, die Sache nicht ruhen zu lassen, sondern sobald als möglich zu klären." In der That, der Korrektor Perleberg hat Recht! lind die Staatsanwaltschaft zu Eleve scheint die Sache wirklich nicht ruhen zu lassen. Wie wir kürzlich mitlheilten, hat der Staatsanwalt in öffenttichem Ausschreiben um Mittheilungen über den Aufenthalt des Hansirers Joseph Walter aus Aachen, dessen Bernehmnng in der Angelegenheit erforderlich sei, gebeten. Walter hat sich in den letzten Tagen de» Behörden in Geldern gestellt. Wie die „Erefelder Ztg." nunmehr berichtet, gäbt Walter an, daß er eine Rächt bei dem Bildhauer Heinrich Wcsendrnp geschlafen l und dieser ihm gegenüber geäußert habe, er (Wesendrnp) sei der j Thätcr! Wesendrnp war im Prozesse gegen Buschhoff Zeuge. Gegen! Wesendrnp war seiner Zeit Boruntersuchnng wegen der Thäterschaft eingeleitet, aber wieder eingestellt worden. Die schönsten Kritiken über das antisemitische Treiben liefern jetzt die konservativen nnd nltramontanen Blätter, j Die katholische „Köln. Bolksztg." schreibt am 29. Juli:! „Je unberechtigter und je getvaltsamer eine Bewegung ist, um j so eher werden die radikalen Elemente die Oberhand gewinnen, j Wir sind überzeugt,, daß die antisemitischen Radaumacher eher noch j bei den Anarchisten, als de» planmäßigen Sozialisten landen! werden."; Und das Stöcker'sche „Volk" schreibt am 80. Juli:! „Ter sogenannte Radau-Antisemitismns, welcher den Skandal! pflegt, Ausschreitungen provocirt, mit radikalen Phrasen paradirt,! unter Umständen auch die „Propaganda der That" nicht verschmäht! und dabei den Leichtgläubigen vorspiegelt, in wenigen Jahren die j Majorität des Volkes für sich gewinnen zu können, ist ein Zwillingsbruder jenes Anarchismus, der in der sozialen Bewegung des; Proletariats sein Unwesen treibt." Wir haben tvirklich nichts hinznzufügen. ¥ Nicht minder erbaulich sind die Enthüllungen, die Marquis de Moräs in seinen offenen Briefen an Herrn Elümencean über den! französischen Antisemitisnuis zum Besten giebt. Er rühmt sich, er, der j Führer der französischen „reinen", d. h. Knüppel- und Revolver-A»tij scnüten, zur Bezahlung einer Spielschuld von dem Juden Eorneliu? j H e rz ein Darlehn von 20,000 Fr. erbettelt nnd sogar seinen Freund Drum out bestimmt z» haben, sich durch einen Besuch bei Herz zu j demüthigen, um diesen zur Oeffnung seines Geldbeutels zu bestimmen.; Das erzählt mit der natürlichsten Miene von der Welt, fast scherzhaft, i derselbe Marquis Morus, der Herrn Clümenceau, wenn er ihm die blutigste Beleidigung zufügen will, den „Nusgehaltenen von Eornelins j Herz" nennt. Marquis de Moros ist eine Zierde des hocharistoi kratischen „Cercle de la Rue Royale", der den Baron Hirsch nicht j zulasten wollte, weil er angeblich zu sehr „Geldmensch" und nicht! „vornehm und ehrenhaft" genug sei! Diesen Marquis de Morüs ladet! der russische Botschafter Baron Mohrenheim zu sich, um mit ihm j hohe und höchste Politik zu treiben! Kann man die sittengeschichtliche Besonderheit einer Zeit und einer Gesellschaft besser kennzeichnen, als durch Züge dieser Art? Gegen eine, auch in jüdischen Kreisen überhaudnehmende Unsitte, gegen die übermäßige Ausschmückung der Särge und Gräber mit Kränzen, hat sich jüngst wieder Dr. Adolf Jellinek in sehr energischen nnd beherzigenswerthen Worten ausgesprochen, indem er sagte: „Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, den Tod nnd das frische Leben verbunden zu sehen; hier den Sarg mit dein verwesenden Leichnam, über ihm nnd neben ihm duftende nnd farbige Blumen. Wir begreifen,! daß man bei lustigen und fröhlichen Gelagen Blumen auf die reich gedeckte ■ Tafel setzt; nicht aber dort, wo das schwarze Bahrtuch sich ausbreitet. Um nun vollends, wenn man Augenzeuge ist, wie diese Spenden von! Freundeshand in die Gruft geworfen werden! Welche Summen werden s da nutzlos begraben, die mau für wohlthätige Zwecke, für Linderung von Noth und Elend verivenden könnte. Wir wollen es nicht verhindern, s daß Freunde nnd Freundinnen ihr innigstes Beileid an dem Hinscheiden j einer theuren Person durch ein sichtbares Zeichen ausdrücken, das geschehe j aber nicht durch ivelkende Blumen, sondern durch helfende Gaben.! Die meisten Vereine klagen über geringe Einnahmen und ungenügende Zuflüsse. Vielen derselben würde es zur Erreichung ihrer Zwecke zu