Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Ar. 32. Gerlin, 11. Angnst 1893. Dev Gemerndevote. 'Meitcrge zuv „Allgemeinen Zeitung des ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 8. August. Drei ausgezeichnete jüdische Aerzte feierten in . icfer Woche ihre Jubiläen. Geheimrath Dr. Kristeller hat am Montag :nt von Berlin in Stachelberg in der Schweiz das 50 j ährige Doktoren biläum gefeiert. Der innig verehrte Jubilar darf auf ein reiches nb vielseitiges Wirken zurückblicken. Als Frauenarzt, zu welchem die •ctlbe seines Wesens ihn ganz besonders geeignet machte, genießt erneu ausgezeichneten Ruf; weitere Verdienste erwarb er sich während er beiden letzten Kriege als Leiter von Lazarethen. Im Lehrkörper der medizinischen Fakultät ist der Jubilar der älteste Privatdozent; sein ach bildet auch hier die Gynäkologie. Ein edler Menschenfreund, dessen erz und Hand innner hilfsbereit sind, hat Kristeller namentlich als Airger-Deputirter im Dienste der Stadt, als Begründer und Vorsitzender?r ärztlichen Unterstützungskasse und sonst bei allen möglichen gemeinützigen Dingen viel Segen gestiftet. Auch an der Bildung und Entickelung der „Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur" hat Geh. iath Kristeller hervorragenden Antheil. Endlich darf die Thätigkeit es feinsinnigen Schriftstellers und Denkers nicht unerwähnt bleiben; amentlich seine Epigramme und Sinnsprüche sind bemerkenswertst h' veröffentlichte „Belegstellen zn den Grundsätzen der jüdischen Sittenehre" (1891) und den „Ethischen Traktat der Mischnah Pirke Aboth", . h. Sprüche der Väter (1890). Wie der „Reichsanzeiger" meldet, at der Kaiser dem Jubilar den Königlichen Kronenorden dritter '.lasse verliehen. Kristellers Verdienste um das Judenthum durch angjährige Leitung des „Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes" be- .-iirfen an dieser Stelle keines Lobes — sie sind unvergänglich! — Der Oel). Medizinalrath Professor Dr. Hermann Senator feierte heute -as fünfundzwanzigjährige Jubiläum als Lehrer der Berliner Universität, ei welcher er zwei Tage später als der jetzige Professor Nothnagel eintrat. Senator habilitirte sich für innere Medizin und Staatsarzneikunde. Der Jubilar steht im 60. Lebensjahr. Seine Heimath ist Gnesen. Als Berliner Student — von 1853—57 — war er ein Schüler von Johannes Müller, >em er drei Semester hindurch als Famulus zur Hand ging, sowie von schönleiu und Traube. Arzt ist er seit 1858. Seine Ernennung zum außerordentlichen Professor erfolgte 1875; gleichzeitig wurde er von der Kaiserin Augusta mit der Direktion der inneren Abtheilung des Hospitals etraut, welches ihren Namen trägt Später war Senator auch dirigirender j lrzt an der Charite. Als dann 1885 Frerichs starb, leitete er vertretungs-! oeise den Sommer hindurch -dessen medizinische Klinik. Während dieses! urzen Interregnums erwarb er sich so viel Liebe, daß ihm zu Ehren ein j großer Kommers von Studenten und Aerzten veranstaltet wurde. Eine! ■uutc Wirksamkeit eröffnete sich ihm 1888 nach dem Tode von Professor! Joseph Meyer, als dessen Nachfolger er zum Direktor der Universitätsl Poliklinik ernannt wurde. Irr dieser sind im letzten Jahre unter Senators I Leitung nicht weniger als 11,532 Personen behandelt worden. — Am | d. M. feierte auch Geh. Sanitätsrath Dr. Bähr sein fünfzigjähriges ' koktor-Jubiläum und empfing zahlreiche Ehrungen von nah und fern. .J.n Laufe des Vormittags wurde ihm im Aufträge des Kaisers der Rothe Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife und der Zahl 50 überreicht. * Berlin, 8. August. Ter in weiteren Kreisen bekannte Humorist nib Dramatiker Oscar Justinus ist, wie uns aus Nauheim gemeldet oird, in der Nacht zum Sonntag nach kurzer Krankheit einem Herzleiden erlegen. Justinus, so war sein Schriftstellername, entstammt einer Breslauer, sehr angesehenen Kaufmannsfamilie Cohn und wandte sich .rst in reiferen Jahren dein Schriftstellerberufe zu, ermuthigt durch den Nfolg seines ersten Lustspiels „Unser Zigeuner", das sich seit nahezu Zwanzig Jahren auf dem Nepertoir erhielt. Seinen bedeutendsten Bühnenerfolg errang er in gelneinschaftlichem Schaffen mit Willen durch die Posse „Kyritz-Pyritz", die im Jahre 1881 zum ersten Mal in Berlin gegeben wurde. Lustspiele feineren Geschmacks, wie „Das griechische Feuer" u. a., öffneten ihm das Burgtheater und das königliche Schauspielhaus. Neben seinen Bühnenwerken schrieb er humoristische Feuilletons, die mit liebenswürdiger Behaglichkeit das deutsche Familienleben schildern, Skizzen und Plaudereien, denen man in fast allen deutschen Zeitungen und Zeitschriften begegnete. Auch auf dem Gebiete des humoristischen Romans versuchte er sich. Durch seine Persönlichkeit wußte er sich bei Allen, mit denen er in Berührung kam, beliebt zu machen. Sein bescheidenes "Auftreten, seine grenzenlose Güte, sein stachelloser Witz und seine Freude an harmloser Geselligkeit erwarben ihm viele Freunde, die seinen Tod, der ihn im vierundfünfzigsten Lebensjahre von der Seite einer wahrhaft verehrungswürdigen Gattin riß, aufrichtig beklagen werden. I. war der Bruder des berühmten Botanikers Geheimrath Prof. Dr. Ferdinand Cohn. ttxa Berlin, 7. August. Von einer interessanten Verlobung berichten die Tagesblätter. Ludwig Fulda, der Dichter des „Talisman", hat sich mit der Schauspielerin vom „Deutschen Theater" Frl. Jda Theumer in Maloja dieser Tage verlobt. Frl. Theumer heißt eigent- > lieh Theumann und ist die Tochter eines in Wien, ja in ganz Oesterreich wohlrenommirten Mannes, des Wiener Koscherfleischwaarenhändlers A. Theumann. * Berlin, 8. August. Bei der Stiftungsfeier der hiesigen Universität am Donnerstag wurden vom Rektor die Urtheile der Fakultäten über die eingegangenen Preisschriften verkündet. Tie Fakultäten haben u. A. folgende Preise zuerkannt: Die juristische: a) den königlichen Preis: dem Studirenden der Rechte Hermann Hanau, b) den städtischen Preis: dem Studirenden der Rechte Dr. phil. Walter Jmmerwahr; ferner ehrenvolle Erwähnung: den Studirenden der Rechte Hermann Danziger, Leo Marx; die medizinische: den städtischen Preis für 1893 dem Kandidaten der Medizin Martin Jacoby; die philosophische: einen städtischen Preis dem Studirenden der Geschichte Victor Loewe. * Berlin, 8. August. Der Geheime Konnnerzienrath Bl eichröder hat der Stadt Berlin eine Million vermacht zur Begründung einer milden Stiftung, welche den Namen „Samuel Bleichröder Stiftung" führen und den Zweck haben soll, hilfsbedürftigen Kranken oder Nekonvalescenten, auch Kindern, Unterkunft, Pflege und Unterstützung zu gewähren. Hauptsächlich sollen Brustkranke berücksichtigt werden. In städtischen Kreisen besteht die Absicht, diese Stiftung in dem von den Bleichröderschen Erben erkauften Gütergotz oder auf einem anderen geeigneten städtischen Rieselgut zu domiziliren. GD Aus dev Provinz Posen, 3. August. Seit uralten Zeiten war bei der jüdischen Gemeinde in Jnowrazlaw, wie es auch anderwärts der Fall ist, zur Deckung der Ausgaben neben der Erhebung von Gemeindesteuern auch eine Schlachtsteuer für Rind- und Federvieh — und zwar betrug die Schlachtsteuer für eine Gans 30 Pf., für eine Ente oder Huhn 10 Pf. und für eine Taube 5 Pfg. — eingeführt. Nachdem aber durch Verfügung der Königlichen Regierung die Steuererhebung einen anderen Modus erfahren hat, werden jetzt 50 pCt. der klassifizirten Einkommensteuer von jedem Steuerzahler erhoben. Der Vorstand hat es daher für billig erachtet, die Schlachtsteuer für Federvieh um die Hälfte zu ermäßigen. Diese Erleichterung ist mit großer Genugthuung von den Gemeindemitgliedern ausgenommen worden. — In W oll stein feierten die Kaufmann Simon'scheu und Salomon Bauchwitz'schen Ehegatten! das Fest der silbernen Hochzeit. — Der israelitische Jun gf rauen - j verein zu Rogasen, der seit einer Reihe von Jahren den Zweck verfolgt, arme Mädchen der Gemeinde als Schneiderinnen und Putzarbeiterinnen ausbilden zu lassen, zahlt für dieselben das Lehrgeld und liefert eine I namhafte Beihilfe bei ihrer Etablirung. Bei der Verheirathung erhält! jede Braut ein Gebetbuch. Vergangenen Donnerstag beging der Verein l im Alexanderpark fein Sommerfest a. Gleitvitz, 31. Juli. Den siebzigsten Geburtstag ihres Ehrenbürgers, des Herrn Sanitätsraths Dr. Freund, ist beute unsere Stadt zu feiern in der Lage. Der verehrte Jubilar hat sich freilich allen Ovationen am Orte durch eine schon vor Wochen angetretene