Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
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382 Hätte ein Römer den alten Hebräer ungeschaut, der wahrend! der Zweikämpfe im dunkel» Winkel eines Fensters stand und die > Gesellschaft betrachtete, er hätte sich entsetzt über den dämonischen j?liK'bnut der snnkelnden Augen, nnd ihm wäre vielleicht die ganze! wunderliche Festlichkeit unheimlich, grauenhaft vorgekommen. Aber j wer hätte Zeit gehabt, ans den Inden zu blicken, dessen unschönes : Gesicht Jedem eine alltägliche Erscheinung war? Blau hatte genug j ju sehen an den verlarvien Huldinnen; dazu nahm der eigenthümlich siis;e lockende Gesang, der eben jetzt wieder recht cmmuthig ge- , worden war, die Sinne gefangen. Als die Einzelkämpfe lange genug gedauert hatten, trat Elieser vor und machte mit dem Stabe ein Zeichen. Sogleich tanzten die Amazonen wieder in eine einzige Linie znsannnen nnd ans : die Männer zu. Als sie nahe waren, theilte sich die Linie in! drei Theile. Tie mittelste, ans zwölf Amazone» bestehend, tanzte! in den Halbkreis der Männer hinein vor den Thronsessel nnd die Hauptlente, die zufällig auch zwölf Köpfe stark waren. Der rechte Theil, ans etwa zwanzig Weiber» bestehend, tanzte vor der links stehenden Abtheilung der Römer umher und der linke, eben so stark, vor der rechte» der Kriegslente; jede Seitenabtheilung der Römer; war etwa vierzig Mann stark. Ter Tanz der Ainazonen war jetzt wunderbar ernst und aiu mnthig; man konnte ihn ein graziöses Schweben nennen, von dunklen Pantomimen begleitet, aber eben wegen des eigenthiimlich mystischen Eharakters sehr anziehend und die völlige Anfmcrksamkeit der Zu- : schauer in Anspruch nehmend. ' Gabinius Fullo heftete jetzt sein brennendes Auge ans eine der! Amazonen, die besonders stattlich mit etwas verschobener Larve immer; in seiner Nähe weilte und ein äusterst anmuthiges Gebehrdenspiel j trieb. Sie schien die Königin der klebrigen zu sein, denn der Proj kurator bemerkte jetzt eine Zierde von zwölf goldnen Sternen um; ihren Helm, was leine der Andern hatte, und ebenso bemerkte er j auch, wie die klebrigen der Abtheilung zuweilen auf sie blickten und ■ ihre Bewegungen nachmachten. Elieser, in der Mitte des Saales stehend nnd von Niemand beachtet, schwang plötzlich seinen Stab . hoch empor und brach ihn dann mitten entzwei, das; ein weißer j Dampf aus den Stücken hervorquoll. In diesem Augenblick kniete i die Amazone vor dem Prokurator nieder und beugte über die! Stufen sich hinan, als wolle sie seine Füße küssen; die Andern i knieten ebenfalls nieder vor jedem der Hauptleute. Gabinius Fullo! bog sich mit zitternden Händen hinab, die Larve vom Gesicht der! reizenden Bittstellerin zu ziehen, da stieß er einen Schrei des Entsetzens ans, denn mit wunderbarer, unweiblicher Kraft hatte die Amazone die Beine des Thronsessels ersaßt und gehoben, daß er rückwärts zerschmetternd mit dem betäubten Machthaber hinab an die Mauer flog, nnd rechts und links ertönte dumpfes Todesröcheln, denn die zwölf Hauptlente lagen mit durchbohrten Kehlen in krampfigei! Zuckungen neben ihren Sesseln am Boden. Schreckliche Katastrophe! Tie Amazonen, mit kiesen Stimmen wild ausschreiend, entlarvten sich und zeigten racheglühende, bärtige Mannsgesichter; die Hälfte der bestürzten, waffenlosen Römer wälzte sich sterbend! auf dem blutbedeckten Estrich, denn die rechte und linke Abtheilung i der verkleideten Mörder, die nicht in bunte Flitter», sondern in; echten Stahl gewaffnet waren, hatte sich mit langen Dolchen auf die Kriegslente gestürzt und nun war ein großes Morden im Saale; : die noch lebenden Römer, ivelche in der Berzweiflung mit Sesselbeinen , fochten oder die Speisen nnd Getränke mit den Gefäßen ins Angesicht der Feinde schtenderten, wurden einzeln niedergemacht. Elieser, der Anstifter, rannte umher, ein langes Schwert schwingend und rufend: „Israel bringt das Beste, was es hat! Hier der Messias! der Stern von Zion! j Ehe noch die letzten Römer im Saale erlegen waren, brachen die Dreihundert durch die verborgene Thür aus der Mauer hervor, und nun war es leichtes Spiel, den Sieg zu vollenden; der halberstarrte Gabinius Fullo ward von Elieser geknebelt; darauf ward er in einen Winkel getvorfen und eine von den schrecklichen Amazonen mit voller Waffenrüstung blieb als Wache bei ihm. Die ganze Schaar der jüdischen Krieger stürmte aber unter Eliescrs Führung hinaus aus dem Festsaale über den Hofraum hinweg in das große Kasernengebäude, wo dreihundert römische Krieger beivaffnek versammelt waren. Sie drangen durch Thüren uns Fenster in die Halle, wohlwisseud, daß ihnen die berauschte Mannschaft, die bereits zur Hälfte wie im wahren Todtenschlaf am Boden lag, keinen großen Widerstand leisten würde. Es war auch wirklich so. Die Römer, welche noch die Kraft hatten, aufrecht zu sitzen, griffen entsetzt zu den Waffen und stolperten unsicher» Schritts den Juden entgegen, aber die wildmukhigen Hebräer stachen sie nieder, Einen nach dem Andern, daß nach einem halbstündigen Gemetzel die Meisten verblutet waren. Auch die berauschten Schläfer tvurben durchbohn und träumten ohne Schmerz aus dem irdischen Schlafe in den ewigen hinüber. Nun war es geschehen, das große Rachewerk. Nichts war vec schont geblieben, was den Römern gehört und gedient hatte; sogader Knecht bei der Wasseruhr war herabgestürzt worden in di Schwerter der Rasenden: Gaza, die stärkste Beste des südliche!' Judäa, >var in den Händen der Jude». (Forts, folgte U Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Bel». (Fortsetzung.) „C ich Feigling, ich elender, eitler Feigling!" schilt er sich uni schlägt mit beide» Fäusten gegen seinen Kopf. Das Dörtle situ drüben in seiner Bekümmerniß und er bricht ihm hier ans purec Feigheit Lieb und Treue! Nein, das soll nicht sein, er will ein Mann sein, er will ein Held werden, der blonden Dirne halber, und soll ec sie rauben und um sie kämpfen, wie die Ritter in den phantastischen Geschichte!;, die er so gern liest. Er sieht sich um — er weiß, bat: der Schwadererhof verlassen ist bis auf's alte Binele, das Gesind arbeitet draußen, die Hausleute sind verreist. Wie, wenn er sein blondes Mädchen dort herabholt? das Weitere findet sich. Sein romantischer Sinn behält die Oberhand, die Bernunft redet nur wenig drein. Er ist schnell über die Straße nnd ungesehen in das Thor geschlüpft. Nichts rührt sich aus dem großen Hof, das Geplätscher vom Brunnen ist hörbar, Niemand schaut ans deu> Haus, nicht einmal ein Hund meldet seine Ankunft an. Das ist Alles so günstig, faß zu leicht däucht's ihm fürsein Unternehmen. Er braucht nur ein- Leiter zu holen — nein, nicht einmal das, die Eiche ist ja da, von der aus kann er hinübersprechen in das Fenster seiner nun so ge zähmten Eichtatze. Gewiß, sie wagt die Flucht mit ihm aus der Gewalt dieses rohen Bauern. Er schleicht unter den dicken Baum nnd öffnet eben den Mund, das blonde Schätzlein anzurufen, da legt sich eine Hand auf seine Schulter und eine Stimme fragt: „Seid Ihr der von drüben —" Wie er sich wendet, blickt er in das fahle Gesicht der alten Magd. „Der, welcher dem Dörtle nachgeht?" „Kümmert'S Euch?"